Zitat-Erfindungen sind das Rückgrat von „Bild“-Überschriften

Wer etwas verkaufen will, braucht ein Verkaufsargument. Sowas hier zum Beispiel:

Screenshot Bild.de - Unionsfraktionschef Brinkhaus im Interview - Nackensteak-Esser sind das Rückgrat unserer Gesellschaft

Da will man doch unbedingt möglicherweise eigentlich gar nicht wissen, wie Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus auf diese bemerkenswerte Aussage kommt. Doch dafür muss man ein „Bild plus“-Abo abschließen.

Wer sich eins besorgt, sieht dann recht schnell: Den Satz „Nackensteak-Esser sind das Rückgrat unserer Gesellschaft“ hat Brinkhaus nie gesagt, zumindest nicht in dieser Form. Und die Idee, über „Nackensteak-Esser“ zu sprechen, kam auch nicht von ihm: „Bild am Sonntag“-Chefreporterin Miriam Hollstein und „Bild“-Parlamentsbüroleiter Ralf Schuler haben das Nackensteak, mit Bezug auf den CDU-Politiker Ole von Beust, ins Spiel gebracht. Sie fragen:

Hamburgs früherer CDU-Bürgermeister Ole von Beust sagt: „Die CDU gilt immer noch als die Partei des Verbrennungsmotors, des Schweinenackensteaks und des Arbeitens bis zum Umfallen.“ Er meinte das nicht als Kompliment. Was halten Sie davon?

Worauf Brinkhaus antwortet:

„Ich schäme mich nicht dafür, dass ich die Leute vertrete, die mit einem Verbrennungs­motor unterwegs sind, ­Nackensteak essen und fleißig sind. Diese Leute sind das Rückgrat unserer Gesellschaft. Und mit ihnen zusammen und nicht gegen sie möchten wir als Union in die Zukunft gehen.“

(Man hätte sich natürlich schon denken können, dass die sprachlich ziemlich ungelenke Konstruktion „Nackensteak-Esser“ von jener Redaktion stammt, die auch „Dumm-Aussage“ und „Clever-Foul“ schreibt.)

Nach demselben Prinzip hätten die „Bild“-Medien aus Brinkhaus‘ Aussage auch das — ebenso nicht gefallene — Zitat „Fleißige Menschen sind das Rückgrat unserer Gesellschaft“ für ihre Überschrift basteln können. Aber damit kann man vermutlich nicht so schön Abos verkaufen.

Bei Twitter reichte „BamS“-Reporterin Miriam Hollstein noch Brinkhaus‘ „ganzen Satz“ nach:

Dass eine Überschrift einen „#Servicetweet“ benötigt, ist in der Regel kein gutes Zeichen. Auf derartige Kritik entgegnet Hollstein allerdings souverän, dass das „gequirlter Unsinn“ sei:

Sowieso: Wie kommt man eigentlich auf die irre Idee, dass ein als wörtliches Zitat gekennzeichnetes wörtliches Zitat wirklich ein wörtliches Zitat ist?

Man solle erstmal „mehr als nur die Überschrift“ lesen, bevor man seine Meinung zur Überschrift „rausblökt“, so Hollstein:

Was ein etwas drolliges Argument ist bei einem Artikel, für den man erstmal ein Abo abschließen muss, um erfahren zu können, dass die „Bild“-Medien sich für eine verkaufsträchtige Schlagzeile ein Zitat ausgedacht haben.