Vermeintliche Falle im Hambacher Forst: Twittern Julian Reichelt Style

Die Polizei Aachen, die derzeit bei der Räumung des Hambacher Forsts aktiv ist, schrieb gestern bei Twitter:

Screenshot eines Tweets der Polizei Aachen - Neben Depots stößt die Polizei Aachen im Hambacher Forst auf solche Fallen. Mittels einer Drahtseilkonstruktion wurde ein mit Beton und Schutt gefüllter Eimer in die Höhe gezogen. Beim Auslösen der Falle, fällt der Eimer in die Tiefe. Es besteht Lebensgefahr für alle. - Dazu ein Foto eines mit Erde verschmutzten Eimers, der mit Beton gefüllt ist. Aus dem Beton guckt ein Drahtseil raus

Es gibt erhebliche Zweifel an dieser Geschichte. Und ein Anruf von uns bei der Polizei Aachen nährt diese Zweifel — dazu weiter hinten mehr.

Dennoch verbreitete sich der Polizei-Tweet gestern rasant. Auch weil „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt drauf ansprang:

Screenshot eines Tweets von Welt-Chef Ulf Poschardt, der zum Tweet der Polizei Aachen schreibt: Neulich bei den Aktivisten - das Wort Aktivisten hat Poschardt in Anführungszeichen gesetzt

Genauso „Bild“-Chef Julian Reichelt, der diesen Tweet gerade offenbar gelöscht hat:

Screenshot eines Tweets von Bild-Chef Julian Reichelt, der zum Tweet der Polizei Aachen schreibt: Naturschutz Hafenstraße Style.

Und selbst Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet äußerte sich:

Screenshot eines Tweets von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der zum Tweet der Polizei Aachen schreibt: Vor friedlichem Protest gegen die rotgrüne Entscheidung zum Roden des Hambacher Forst habe ich großen Respekt, aber was Gewalttäter sich in diesen Tagen an Straftaten erlauben, wird der Rechtsstaat nicht dulden.

Verschiedene Onlinemedien haben den Tweet der Polizei in ihre Artikel eingebettet: ZDF.de, t-online.de*, jungefreiheit.de.

Zur Erzählung der Aachener Beamten gab es bei Twitter starken Widerspruch: Es handele sich nicht um eine Falle, sondern um ein relativ übliches Gegengewicht für ein Kletterseil. Tatsächlich ist es etwas merkwürdig, dass auf einem der Fotos, die die Polizei Aachen getwittert hat, noch eine Schaufel oder Hacke zu sehen ist; dass auf den Fotos Löcher im Boden zu erkennen sind; und dass die Handschuhe des Polizisten, der auf einem der Fotos kniet, recht erdig sind.

Auf unsere Nachfrage widerspricht eine Sprecherin der Polizei Aachen dann auch der Geschichte, die die Behörde im Tweet verbreitet hat: Der betongefüllte Eimer wurde nicht „mittels einer Drahtseilkonstruktion“ „in die Höhe gezogen“. Man habe den Eimer am Boden vorgefunden. Dennoch gehe man davon aus, dass er geeignet wäre, „Kolleginnen und Kollegen zu verletzen“.

Es zeigt sich einmal mehr: Für Redaktionen und Journalisten (und Ministerpräsidenten) reicht es nicht, sich einzig und allein auf Verlautbarungen der Polizei zu verlassen.

*Nachtrag, 14:51 Uhr:Die Redaktion von t-online.de hat den Tweet inzwischen aus ihrem Artikel entfernt.

Nachtrag 18. September: Die Polizei Aachen schreibt in einer Pressemitteilung nun auch, dass es sich um „einen auf dem Waldboden liegenden mit Beton gefüllten Eimer“ handelte:

Darin waren Seile eingelassen, die auch auf dem Boden lagen. Aus Sicht der Polizei hätte der Eimer in die Höhe gezogen und beim Passieren von Polizeibeamten zu Boden fallen gelassen oder als Pendel eingesetzt werden können.