Bei Bild.de kann man seit gestern Abend spaßeshalber einen Tipp abgeben, ob der FC Schalke 04, Werder Bremen oder der VfB Stuttgart am 19. Mai Deutscher Fußballmeister wird, denn:
Noch vier Spieltage bis zum Saisonende. Spätestens dann wissen wir, ob die Schale nächstes Jahr in Schalke, Bremen oder Stuttgart steht…
Und angepriesen wird der “Meister-Klick-Tipp” seit gestern Abend von Bild.de unter dieser Überschrift:
Mit Dank an J.W., Andreas S., Markus S., Michael K. und andere.
Es war zwar ihr Vorgänger Gerhard Schröder, der mal gesagt haben soll, zum Regieren brauche man “nur BILD, BamS und Glotze” (auch wenn sich daran sogar er selbst nicht so richtig erinnern mag), aber für Schröders Nachfolgerin Angela Merkel lebt es sich zumindest mit “Bild” auch ganz gut.
Mal spendet sie für die “Bild”-Aktion “Ein Herz für Kinder” (“Bild” vom 7.2.2007), mal busselt sie “Bild”-Autor Franz Beckenbauer (4.11.2006) oder gibt “Bild” ein Interview (22.11.2006 und 23.3.2007). Und im Gegenzug wird “Bild” nicht müde, zu erklären, “wie die Kanzlerin in Europa Strippen zieht” (8.3.2007) oder gar zu fragen: “Stiftet Angela Merkel Frieden für das Heilige Land?” (3.2.2007) Wenn die Arbeitslosenzahlen sinken, “muss BILD der Kanzlerin ein dickes Lob aussprechen”: “Frau Merkel, darauf können Sie stolz sein!” (1.3.2007). Wenn sie den Papst trifft, ist das ein “Wunder” (29.8.2006, wir berichteten). Und wenn bei Merkels eine Gans auf dem Speiseplan steht, bangt “Bild” nicht — wie damals bei Schröders “Doretta” — um ein “glückliches Gänseleben” (16.12.2000), sondern schreibt erschüttert: “Angela Merkel beim Gänse braten verletzt!” (23.2.2007).
Und wer erinnerte sich nicht, wie “Bild” kurz vor der letzten Bundestagswahl titelte: “Merkel wird eine exzellente Kanzlerin!”
Was allerdings “Bild” veranlasst haben mag, heute fast halbseitig die “SUPERMACHT MERKEL” auszurufen (“MÄCHTIG, MÄCHTIGER, MERKEL!” — “Kein Politiker der Welt ist zurzeit so mächtig wie die deutsche Kanzlerin”), ist ein Rätsel.
Nicht nur, dass “Bild” so manchen Superlativ (“mächtigste Frau Europas!” — “die mächtigste Frau seit Zarin Katharina der Großen” — “Noch nie hatte eine Frau so viel politische Macht [in Deutschland] wie Angela Merkel.”) schlichtweg aus dem biologischen Geschlecht Merkels in einer androkratisch geprägten Gesellschaft ableitet. Der vorrangigste Beleg für die “Supermacht” der ebenso beliebten wie sympathischen Bundeskanzlerin und EU-Ratspräsidentin Merkel ist für “Bild”-Chefkorrespondent Einar Koch ein ganz anderer:
“Die mächtigsten Männer der Welt treten demnächst allesamt ab: US-Präsident George W. Bush (60)”, der britische Premier Tony Blair (53), Frankreichs Präsident Jacques Chirac (74) und der russische Präsident Wladimir Putin (54)”
Aha! Abtreten werden Merkels Kollegen, wie sogar “Bild” ausführt, voraussichtlich frühestens “in 10 Tagen!” (Chirac) und spätestens “in 20 Monaten!” (Bush). Dass zumindest momentane Merkels “Supermacht” bereits in zwei Monaten endet, wenn die derzeit von Deutschland übernommene EU-Ratspräsidentschaft “turnusmäßig” an Portugal weitergegeben wird, hat “Bild” in ihrem Überschwang (“Die Kanzlerin auf dem Weg zur ungekrönten Kaiserin”) wohl übersehen. Und wieso überhaupt ein Abdanken Bushs in 20 Monaten oder Putins in 10 ausgerechnet Merkel “zurzeit” so mächtig macht, weiß außer Einar Koch wohl ohnehin kein Mensch.
Mit Dank an Thomas W. und Björn B. für die Inspiration.
Seit geraumer Zeit kooperiert Bild.de auch mit dem Schuhdiscounter Deichmann. Neuerdings kooperiert Deichmann auch mit der Popgruppe Pussycat Dolls. Und über die Pussycat Dolls berichtet Bild.de häufiger — sei es, dass sie mit Deichmann kooperieren (und Bild.de “exklusiv die Video-Vorschau” zeigte), oder…
… auch heute wieder: Laut Bild.de war nämlich eine der Sängerinnen der Pussycat Dolls, “bislang Cheerleaderin beim legendären US-Baseballteam New York Knicks”.
Dass aber das “legendäre US-Baseballteam”New York Knicks ausgerechnet einen Basketball im Logo hat (siehe Ausriss), gibt uns zu denken.
Mit Dank an die zahlreichen Hinweisgeber.
Nachtrag, 16.30 Uhr:Bild.de hat ihren “Baseball”-Fehler durch Hinzufügen der Buchstaben k und t an der richtigen Stelle korrigiert.
“In BILD”(siehe Ausriss) klagt heute ein Elektro-Obermeister aus Pinneberg darüber, “wie doof (…) unsere Schulabgänger” seien — und “Bild” nimmt seine Klage zum Anlass, “die schlimmsten Wissenslücken” zu zeigen und, nun ja, zu schließen.
Zur Frage “Welche Parteien* sitzen im Bundestag?” schreibt “Bild”:
An manchen Stellen ist “Bild” entgegen anderslautenden Gerüchten dann doch genau. Irgendwelche groben Tipps, welche drei Bundesliga-Mannschaften vermutlich absteigen werden und welche vermutlich nicht, kann ja jeder abgeben. Bei “Bild” wird die jeweilige Wahrscheinlichkeit genau analysiert und in exakte Prozentangaben umgerechnet, bevor “‘Bild’ sagt, wen es erwischt”.
Dann gehen wir die Ergebnisse mal durch:
Verein
Abstiegswahrscheinlichkeit laut Bild”
Gladbach
100 %
Bielefeld
88 %
Mainz
85 %
Na, das ging ja schnell. Da ist die Sache klar. Die anderen neun der, laut “Bild”, “noch 12 (!!!) Klubs”, die vor dem Abstieg zittern, können aufatmen. Bei ihnen muss es — schon rein rechnerisch — wahrscheinlich sein, dass sie nicht absteigen. Es sind ja nur noch 27 Prozent zu verteilen (bei drei Absteigern müssen sich die Wahrscheinlichkeiten insgesamt zu 300 Prozent addieren).
Verein
Abstiegswahrscheinlichkeit laut “Bild”
Frankfurt
83 %
Aachen
80 %
Hö? Wieviele steigen denn da ab?
Verein
Abstiegswahrscheinlichkeit laut “Bild”
Dortmund
60 %
Wolfsburg
60 %
Bochum
55 %
Moment mal —
Verein
Abstiegswahrscheinlichkeit laut “Bild”
HSV
45 %
Hertha
25 %
Cottbus
25 %
Hannover
20 %
Na, holla. Damit hat “Bild” insgesamt Wahrscheinlichkeiten in Höhe von 726 Prozent verteilt. Mit anderen Worten: Die “Bild”-Analyse hat ergeben, dass am Ende der Saison nicht weniger als sieben Bundesliga-Vereine in die zweite Liga absteigen müssen, und ein trauriger achter nur zu knappen Dreivierteln erstklassig bleibt.
Kein Wunder, dass die alle zittern. Und der 1. FC Köln schafft den Aufstieg vielleicht doch noch.
Was unsere Welt so schön macht, ist ja auch, dass die meisten Zusammenhänge dann doch ein bisschen komplexer sind, als man sich das als Laie so vorstellt, und viel komplexer, als der zuständige “Bild”-Wissenschaftslaie Paul C. Martin uns weismachen will.
Gestern zum Beispiel bezeichnete der Deutsche Wetterdienst (DWD) den Klimawandel als “Tatsache” und stellte eine Analyse vor, wonach die durchschnittliche Temperatur in Deutschland seit 1900 um 0,9 Grad gestiegen sei. Na, und da muss man als Laie doch nur aus dem Fenster gucken und sich an das Wetter der vergangenen Wochen erinnern, um zu sagen: “Ha! Klimawandel! Da isser schon!” Oder wie es Paul C. Martin heute groß im Seite-1-Aufmacher der “Bild”-Zeitung formuliert:
Trocken wie nie, heiß wie nie — der sonst so launische April bricht alle Rekorde! Der Klimawandel wird immer beängstigender.
Für Laien wie uns und Paul C. Martin ist halt schwer zu begreifen, dass das ungewöhnliche Wetter im April womöglich gar nichts mit der langjährigen Klimaerwärmung zu tun hat. Wir könnten ja nicht ahnen, dass wir in Deutschland, wenn der Klimawandel durchschlagen sollte, vermutlich nicht mehr, sondern weniger trockene Aprils haben werden.
Paul C. Martin, der in seinem Katastrophenszenario “Sahara Deutschland” unbekümmert die kurzfristige Wetterbeschreibung mit den langfristigen Klimaprognosen des DWD mischt, hätte es ahnen können wissen müssen. Der DWD hat nämlich ausdrücklich darauf hingewiesen:
Eine weitere Tendenz ist der leichte Anstieg der Niederschlagsmenge um neun Prozent — vor allem im Frühling. Insofern lag der trockene Frühling 2007 nicht im Trend.
Aber gut, was soll man als Zeitung den Leuten mühsam Dinge erklären, wenn der Irrglaube soviel plausibler ist?
wir müssen Ihnen was sagen. Die Menschen bei “Bild”, die Ihre Texte täglich einem Millionenpublikum zugänglich machen, sind nicht Ihre Freunde.
Heute zum Beispiel schreiben Sie an den “Freigänger Christian Klar”, der womöglich “ab Juli” schon am Berliner Ensemble arbeiten werde:
Wären die Leute bei “Bild” Ihre Freunde, dann hätten sie in Ihrem Manuskript sicher unauffällig den Titel “Der Todestanz” in “Totentanz” korrigiert. Sie hätten vermutlich beiläufig das Wort “Premiere” aus dem Text entfernt, denn die Premiere ist nicht heute abend, sondern war schon im Dezember. Und sie hätten wahrscheinlich den ganzen Teil mit der “Sektpause zwischen dem zweiten und dritten Akt” herausgenommen, denn die Vorstellung ist so kurz, dass sie ganz ohne Pause auskommt.
Alternativ hätten die “Bild”-Verantwortlichen, wenn sie Ihre Freunde wären, vielleicht wenigstens den Satz “Ich gehe gern ins Theater” ersatzlos gestrichen.
Vielen Dank an Chris K. für den sachdienlichen Hinweis!
Man kann sie nur erahnen, die Anstrengung, die es die “Bild”-Redaktion kostet, Tag für Tag Artikel aus einem Eisbärbaby herauszupressen, aber sie scheint übermenschlich zu sein.
Gestern verkündete “Bild”, Knut sei nun in die “Bärenpubertät”* gekommen, und präsentierte fast halbseitig seine “1. Freundin”, an der er neuerdings “strategisch seinen Teenie-Charme” teste: die alte Kragenbärin Mäuschen. Offenbar mit Erfolg, denn neben dem Foto von Mäuschen steht groß:
Bisher spielte die Kragenbärin immer mit einer Katze. Aber jetzt ist der kleine Eisbär da…
Und unterstehen Sie sich, das aufgrund der zwei zusammenmontierten Fotos (Ausriss rechts) für eines der üblichen “Bild”-Märchen zu halten, denn “Bild” hat ihn, den “Foto-Beweis”:
Wobei — das können wir toppen. Wir haben nämlich den Video-Beweis! Also, eigentlich hat ihn Knuts Haussender, der RBB. Er zeigte ihn der interessierten Weltöffentlichkeit (und den ARD-Zuschauern) bereits am 12. April:
Und auch da war die Bekanntschaft zwischen Knut und der Kragenbärin längst keine Neuigkeit mehr: Bereits am 16. März berichtete das Berliner Boulevardblatt “B.Z.” (eine Schwesterzeitung von “Bild”), dass Knut und Mäuschen bereits “Sicht- und Riechkontakt” aufgenommen hätten. Und bereits am 18. März beschrieb die “Berliner Morgenpost” (eine Schwesterzeitung von “Bild”), wie Knut “der uralten Kragenbärin Mäuschen auf dem Hof einen Besuch abstatten” wollte.
An der Pubertät liegt’s also nicht. Und schon dem inzwischen fünf Wochen alten “Morgenpost”-Artikel konnte man entnehmen, dass von einer Freundschaft keine Rede sein kann. Mäuschen findet Knut nämlich, wie Knuts Pfleger im RBB-Video sagt, “nicht so niedlich”. Regelmäßig muss er, zu seinem eigenen Schutz, von ihr ferngehalten werden.
Und heute? Heute staunt “Bild” halbseitig:
Knut soll Norweger werden!
Ja. Das stand am 19. April, also vor fünf Tagen, schon kurz in der “taz”. “Bild” aber hat zusätzlich noch ein Statement von Ragnar Kühne vom Berliner Zoo eingeholt, das erahnen lässt, wie sehr man sich dort über die Berichterstattung von “Bild” freut. Kühne antwortete auf die Nachfragen mit einem Satz, der der Dramatik der aktuellen Entwicklung wohl gerecht wird. Er sagte “Bild”:
“Wir haben einen Brief erhalten und ihn an die zuständige Abteilung weiter gereicht.”
Mit Dank an kuzy für den Norwegen-Hinweis!
*) Nachtrag:(mit Dank an Markus M.)Eisbären werden im Alter von fünf bis sechs Jahren geschlechtsreif.
Fast die gesamte letzte Seite der “BamS”* war vergangenen Sonntag mit Fotos bedeckt, auf denen “Rock-Opa” Keith Richards “am Pool des Hotels ‘Sagamore’ in Miami (Florida)” zu sehen sei (siehe Ausriss).
“TOTAL ENTSPANNT. Nur mit Bermudashorts bekleidet, liegt Keith Richards (63) in der Sonne Floridas — natürlich nicht ohne Zigarette”, schreibt die “Bild am Sonntag” in einer Fotounterzeile. Oder: “TOTAL ZUFRIEDEN. Mit der Kippe in der rechten und dem Bier in der linken Hand geht’s Keith dann richtig gut”. Na ja, was man bei der “BamS” eben so schreibt, wenn man nur wenige Informationen hat, die über das hinausgehen, was ohnehin auf den zu betextenden Fotos zu sehen ist. Oder besser: zu sehen sein soll. Denn der Mann auf den Fotos, der da “Satisfaction!” finde und sich “auf die Stones-Tour” vorbereite, ist nicht Keith Richards. Das bestätigt uns die Foto-Agentur Splash News, von der die “BamS” die Fotos von “Keith Richards” hatte. Eine Sprecherin:
Es scheint tatsächlich ein Keith-Richards-Double zu geben, das leider unseren Fotografen verwirrt hat. Wir mussten die Bilder von “Keith” bereits zurückziehen, und sie sind nicht mehr verfügbar.
Der echte Keith Richards befindet sich übrigens schon seit einiger Zeit in London. Dort wachte er am Sterbebett seiner schwerkranken Mutter, die amvergangenenSonnabend, einen Tag vor Erscheinen der Fotos in der “BamS”, verstarb.
Mit Dank an Axel S. für Hinweis und Hartnäckigkeit.
*) Nachtrag, 29.4.2007: Bild.de hat den Artikel inzwischen “dem redaktionellen Angebot (…) herausgenommen”. In der aktuellen “BamS”-Ausgabe jedoch findet sich kein Hinweis auf den bedauerlichen Fehler.
“Bild” macht ja heute die Sängerin Sheryl Crow zum “Verlierer” des Tages, weil sie “im Internet-Forum der ‘Washington Post’ vorgeschlagen habe, zum Schutz des Waldes am Toilettenpapier zu sparen und “mit einem Blatt pro Sitzung auszukommen”.
BILD meint: Schnell spülen!
Dass Crows “eigenartige Gedanken” (“Bild”) womöglich nicht ganz ernst gemeint waren, steht seit heute auf Crows offizieller Website: “And by the way guys, the toilet paper thing…it was a JOKE!!” Und eigentlich hätte das den zuständigen “Bild”-Redakteuren auch spätestens bei der Lektüre von Crows Vorschlags selbst auffallen müssen können.
Doch wie’s aussieht, hat sich “Bild”, bevor sie ihren über elf Millionen Lesern die Sängerin als “Verlierer” des Tages präsentierte, ohnehin jegliche Recherche erspart — was wir nicht zuletzt daraus schließen können müssen, dass die US-Zeitung “Washington Post” gar kein “Internet-Forum” hat, in der Crows “eigenartige Gedanken” nachzulesen wären.
Veröffentlicht hatte Crow ihre Klopapier-Idee drum auch lieber im US-Promi-Weblog “Huffington Post” — am Donnerstag vergangener Woche übrigens.