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Charlotte Roche redet in, aber nicht mit “Bild”

Gestern stand in “Bild” ein großer Artikel, der aus drei Gründen ungewöhnlich ist.

Erstens stimmt in ihm jedes Wort.

Zweitens stellt er bundesweit auf breitem Raum eine Lesung vor, die es bereits seit eineinhalb Jahren gibt, was nicht nur für eine Zeitung, die mit den Worten “Informationsvorsprung mit vier Buchstaben” für sich wirbt, ganz schön lange ist.

Und drittens erweckt der Artikel den Eindruck, als berichte er freundlich für eine Veranstaltung von und mit der Moderatorin Charlotte Roche, so als habe Roche ebenso freundlich mit der “Bild”-Zeitung zusammengearbeitet. Was erstaunlich wäre, denn eben jene Charlotte Roche ist eine der schärfsten öffentlichen Kritikerinnen der “Bild”-Zeitung — aus gutem Grund: Sie musste die Methoden der Zeitung auf eine extreme Art kennen lernen.

Aber scheinbar herrscht jetzt eitel Sonnenschein. “Bild” zeigt groß ein freundliches Foto von ihr und ihrem Bühnen-Partner Christoph Maria Herbst und berichtet über die “seltsame Lesung” in der Bonner Kunsthalle aus einer Doktorarbeit mit dem Titel “Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern”. “Bild”-Mitarbeiterin Alexandra Würzbach zitiert nicht nur aus dem Vortrag, sondern hat auch mehrere ausführliche Zitate von Charlotte Roche zu bieten. Etwa über ihre Beziehung zu Staubsaugern oder über die Idee zur Lesereise:

“Wir saßen abends zusammen und haben uns — mal wieder — über Sexunfälle unterhalten. Von leeren Cola-Flaschen bis zu anal eingeführten tiefgeforenen Forellen.” Bitte was? “Das Problem bei denen ist…”

Das “Bitte was?” ist interessant, denn man könnte denken, das wäre die Nachfrage von “Bild” gewesen. Aber das steht nicht da, und so war es auch nicht.

Fragt man Charlotte Roche, sagt sie, dass sie nicht mit “Bild” geredet hat. Nach der Lesung sei sie zwar von einer “Bild”-Mitarbeiterin angesprochen worden, habe die Bitte um ein Gespräch aber abgelehnt. Auch das große Foto ist weder von einem “Bild”-Fotografen, noch aktuell, sondern mindestens acht Monate alt.

Das Management der Lesung-Tournee habe die ausdrückliche Anweisung, sagt Charlotte Roche, Anfragen von “Bild” oder anderen Springer-Medien abzulehnen. Auf vielerlei Arten hätten es “Bild”-Leute und freie Mitarbeiter versucht, in die ausverkaufte Lesung zu kommen, und schließlich auch geschafft. Alle Zitate von Charlotte Roche stammen aus dem Frage- und Antwortspiel mit dem Publikum im Anschluss an die Lesung.

Das steht zwar nicht in dem “Bild”-Artikel, aber das Gegenteil auch nicht. Alles ist völlig korrekt. Und nur Charlotte Roche fragt sich verärgert, wie viele Leute nach dem Lesen des Artikels wohl fälschlicherweise angenommen haben, sie und “Bild”, das sei eine ganz normale Beziehung.

Fischer will gegen “Bild” vorgehen

Am Dienstag berichtete der “Stern” vorab, der ehemalige Außenminister Joschka Fischer wolle mittelfristig als Professor in die USA gehen. Er habe im Geheimen Verhandlungen über eine Gastprofessur geführt und hätte schon seit längerem Anfragen aus Princeton und Harvard vorliegen.

Von Verhandlungen und Gesprächen, Mittelfristigem und Absichten war am Tag darauf auf der Titelseite der “Bild”-Zeitung nicht mehr die Rede. Sondern von Tatsachen:

Joschka Fischer wandert aus! Er geht mit seiner Ehefrau Minu nach Amerika und plant eine neue KarriereJoschka Fischer beginnt ein neues Leben! Der Grünen-Politiker (…) wandert aus in die USA (…).

Er wird Gast-Professor an der berühmten Elite-Uni Harvard bei Boston. Dort wolle er über internationale Außenpolitik dozieren, erfuhr BILD aus seinem Freundeskreis.

Fischer, der in seiner Zeit als Außenminister keine presserechtlichen Verfahren geführt hatte, kündigte heute an, gegen diesen Bericht juristisch vorzugehen.

Am Rande einer Grünen-Klausurtagung sagte er [Video]:

Es gibt weder die Absicht von mir auszuwandern, sondern mein Hauptwohnsitz ist und bleibt Berlin, noch gibt es auch nur Gespräche oder die Idee von Gesprächen etwa mit Harvard, geschweige denn, dass irgendetwas entschieden werden konnte, was es nicht gibt. Darüber hinaus gibt es ein Angebot einer anderen amerikanischen Universität. Ich habe gesagt, ich denke darüber nach. Aber irgendwelche Entscheidungen stehen da jetzt nicht an und gibt es nicht.

Danke für die zahlreichen Hinweise!

Nachtrag, 20 Uhr: Bild.de hat den Artikel vor wenigen Minuten aus seinem Angebot entfernt. Auf eine Nachfrage bei “Bild”, ob die Zeitung bei ihrer Darstellung bleibt, haben wir bislang keine Antwort erhalten.

Mehr dazu hier und hier und hier und hier.

…auch wenn “Bild” das Gegenteil behauptet

Der Presserat hat eine Missbilligung gegen die “Bild”-Zeitung ausgesprochen, weil sie im vergangenen Juli ein Foto zeigte, auf dem zwei junge Männer zu sehen sind, während sie gehenkt werden. Nach Ansicht des Presserates war die Veröffentlichung “unangemessen sensationell”.

Nichts zu beanstanden hatte der Presserat daran, dass “Bild” behauptete, hier würden zwei Kinderschänder hingerichtet. Tatsächlich wurde den Jugendlichen aber wohl nur ihre Homosexualität zum Verhängnis. In ihrer Rechtfertigung vor dem Presserat berief sich die “Bild”-Zeitung darauf, dass die Kinderschänder-Version, die der iranischen Propaganda entspricht, von der französischen Nachrichtenagentur AFP verbreitet worden sei. Aus dieser Meldung sei auch nicht hervorgegangen, dass es sich bei den Hingerichteten um Minderjährige gehandelt habe.

Der Presserat meint, eine Zeitung müsse die Meldung einer Nachrichtenagentur nicht mehr nachrecherchieren. Und der Axel-Springer-Konzern findet das auch. Allerdings gab das Justiziariat des Verlages in dem Verfahren an, dass sich “Bild” ganz besonders viel Mühe gegeben habe. Der Presserat gibt die Stellungnahme von Springer so wieder:

Dennoch hätte sich der zuständige Redakteur bemüht, über den Agenturserver weitere Informationen zu diesem Fall zu erhalten. Es habe jedoch keine einzige weitere Agenturmeldung gegeben.

Das ist schwer zu glauben. Es gab an jenem Tag eine weitere Agenturmeldung über den Fall. Die Katholische Nachrichtenagentur KNA verbreitete am 26. Juli 2005 um 14.45 Uhr folgende Meldung:

EU-Protest gegen Hinrichtung von Jugendlichen im Iran

Brüssel (KNA) Die EU hat gegen die Hinrichtung zweier Jugendlicher im Iran protestiert. Einer der Hingerichteten sei sowohl zur Tatzeit als auch bei der Vollstreckung des Todesurteils jünger als 18 Jahre gewesen, klagte die britische EU-Präsidentschaft in einer am Dienstag in Brüssel veröffentlichten Erklärung. Die EU warf dem Iran vor, mit den vollstreckten Todesurteilen gegen die Internationale Konvention für bürgerliche und politische Rechte und die UN-Kinderrechtskonvention verstoßen zu haben.

(…) Die beiden Jugendlichen waren laut Medienberichten vor einer Woche in der Stadt Mashad wegen Raubes, Alkoholkonsums und homosexueller Übergriffe öffentlich hingerichtet worden.

Die “Bild”-Zeitung ist Kunde der KNA und hätte also im Voraus wissen können, dass ihre Veröffentlichung problematisch ist. Auch wenn das Springer-Justiziariat gegenüber dem Presserat das Gegenteil behauptet.

“Bild” will Ausländerin aus dem Land jagen

Die “Bild”-Zeitung kann die niederländische RTL-Moderatorin Tooske Ragas nicht ausstehen. Sie hält sie für langweilig, unansehnlich, schwer verständlich und inkompetent.

Es ist das gute Recht der “Bild”-Zeitung, Tooske Ragas für ihr angeblich fehlendes Talent zu kritisieren. Allerdings gibt es Grenzen für die Form dieser Kritik. Sie sind zurückzuführen auf einen Gedanken im Grundgesetz, Artikel 1. Dort heißt es: “Die Würde des Menschen ist unantastbar.”

“Bild” nennt Ragas “Käse-Tussi” und “Gouda-Tooske” und macht in diesem Zusammenhang gleichzeitig alles Holländische verächtlich, vom Bier (“fad und nüchtern”) bis zur Fußball-Nationalmannschaft (“Ihr werdet im Leben nicht mehr Weltmeister”). In einem “offenen Brief” an die Moderatorin (unterschrieben mit “Deine BILD Zeitung”) klingt das heute so:

Käse-Tussi, hops in deinen Wohnwagen und roll zurück Richtung Campingplatz! Ins Land, wo die Menschen ihr eigenes Gras rauchen — und auf’m Rasen spucken, statt Fußball zu spielen.

Wahrscheinlich würde die “Bild”-Zeitung Schwarze, die sie nicht mag, nie als “Nigger” beschimpfen und über Juden, die sie für untalentiert hält, nie Judenwitze reißen. Aber sowohl im Grundgesetz als auch im Pressekodex steht: “Niemand darf wegen (…) seiner Zugehörigkeit zu einer rassischen, ethnischen, (…) oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.” Da steht nicht: “außer die lustigen Holländer und andere harmlose Völker, die ja deswegen nicht gleich von Neo-Nazis zusammengetreten werden”.

Eigentlich weiß “Bild” das auch. Als Karl Moik im “Musikantenstadl” von “Spaghettifressern” sprach, war das der “Bild”-Zeitung am 19. April 2004 eine Seite-1-Schlagzeile wert: “Karl Moik beleidigt alle Italiener”, schrieb sie, fragte: “Was hat er sich dabei bloß gedacht” und sprach von “Ausfällen” Moiks.

Die “Bild”-Beleidigungen von Tooske Ragas aber sind Teil einer Eskalationsstrategie. Zunächst fragte die Zeitung: “Sind wir Deutsche nicht mehr gut genug?”. Seit vielen Wochen schon steigert “Bild” die persönlichen Beleidigungen und anti-holländischen Ressentiments. Anstand und Wahrhaftigkeit sind dabei längst unter die Räder geraten. Die Überschrift des Artikels, der den “Offenen Brief” einrahmt, lautet:

RTL will Michelle Hunziker wieder ins Programm nehmen
Muß die Käse-Tussi jetzt zurück nach Holland?

Kein deutscher Moderator wäre je einer solchen “Bild”-Überschrift ausgesetzt. Bei keinem Deutschen ließe sich ja auch auf eine solche Art andeuten, dass er nur ein Gastrecht in diesem Land hat, das jederzeit entzogen werden kann, wenn er nicht gut genug moderiert. Natürlich weiß “Bild”, dass Ragas nicht “nach Holland zurück muss”, egal was RTL entscheidet. Aber das Spiel mit ausländerfeindlichen Reflexen macht die Schmähung und Verunglimpfung Ragas noch wirkungsvoller.

Die Überschrift suggeriert darüber hinaus noch einen Zusammenhang, den es nicht gibt. Hunziker soll die Ko-Moderation der Nachfolgesendung von “Deutschland sucht den Superstar” (DSDS) übernehmen. “Bild” lässt offen, welchen Einfluss das auf die Moderation von “DSDS” selbst haben soll — beendet den Artikel über Ragas aber mit den Worten:

(…) sie kann zur Heimfahrt ruhig schon mal den Wohnwagen aus der Garage holen!

“Bild” schreibt, Ragas moderiere “glücklos”, ohne zu erklären, woran das zu messen ist. An den Quoten jedenfalls nicht, die liegen über der zweiten Staffel mit Michelle Hunziker, für deren Rückkehr “Bild” kämpft. Über jene Michelle, die “Bild” heute einen “Engel” nennt, hatte “Bild” am 25. Oktober 2003 geschrieben:

Quoten-Katastrophe bei RTL-Show — Michelle Hunziker droht der Rausschmiss

Jetzt wird’s eng für Michelle Hunziker (26). Ihr Sender RTL hat ihre ständigen Eskapaden endgültig satt. Und die Zuschauer wenden sich von der schönen Moderatorin ab. Der Quotenverfall ist dramatisch. (…)

Mitarbeiter beschweren sich über die schöne Blondine: “Michelle Hunziker sagt ständig Proben und Sendungen ab. Außerdem bringt sie das ganze Team durcheinander. So kann es nicht weitergehen.”

Am 18. Juni 2005 erklärte “Bild” demgegenüber die Vorteile von Tooske Ragas:

Kann tanzen und singen. Und — anders als Michelle — auch frei moderieren.

Aber auch damals schon hieß es in “Bild”:

Was kann Tooske besser als unsere Michelle?
(Hervorhebung von uns.)

Dass Michelle Hunziker Schweizerin ist und eine holländische Mutter hat, erwähnt “Bild” zwar, aber es spielt keine Rolle. Die Nationalität wird erst relevant, wenn man jemanden nicht mag. So ist das mit der Ausländerfeindlichkeit.

In Miamis Nachtleben bekannt, “Bild” nicht

Rund um den Jahreswechsel berichtete “Bild” vier Tage in Folge über Boris Becker und seine “neuer Eroberung” (siehe Ausrisse), nannte sie am 30. Dezember zunächst eine “unbekannte Schönheit”, am 31. Dezember dann (unter Berufung auf das Klatschblatt “Das Neue”) “Jennifer” und am 2. Januar dann “Jennifer (35, BILD berichtete)”. Kein Wort mehr von “Das Neue”, dafür aber viele Infos über den “Ehemann von Boris Beckers neuer Freundin Jennifer”, Eric Dean Sheppard (“Typ gemütlicher Teddy-Bär” und “einer der ganz großen Bau-Löwen von Miami”). Sogar, was es bei der Eröffnung eines Sheppardschen Bauprojekts zu essen gab (“Lamm als Lolli, kalte Pfirsichsuppe”), wusste “Bild” zu berichten und gab sich — ohne wenn und aber, ohne “soll”, “angeblich” oder irgendeinen Zweifel — bestens informiert. Am 3. Januar schließlich hieß es in “Bild” abermals zu Becker und “seiner geheimnisvollen Freundin”:

“Ihr Name: Jennifer (35). Die rassige Amerikanerin aus Miami ist mit dem mächtigen Bau-Löwen Eric Dean Sheppard (37) verheiratet.”

Und unter Berufung auf eine “enge Freundin” von Beckers Ex-Frau schrieb “Bild” vielsagend:

“Diese Jennifer sei doch in Miamis Nachtleben bekannt.”

Danach berichtete “Bild” gar nicht mehr über Beckers “Neu-Liebe Jennifer”.

Statt neuer “Bild”-Enthüllungen erreichte uns jedoch am 3. Januar eine Mail von Eric Sheppards PR-Agentur Zakarin Public Relations, in der es heißt:

“Verschiedene deutsche Medien haben sachlich falsch über Mrs. Jennifer Sheppard berichtet. Sheppard kennt Boris Becker nicht, noch hat sie ihn jemals getroffen. Es handelt sich dabei um eine falsche Behauptung.”
(Hervorhebung von uns.)

Auch bei der Zeitschrift “Das Neue”, die ja die angebliche Identität von Beckers Begleiterin öffentlich gemacht hatte, war nach unseren Informationen ein Schreiben des Ehemanns von Jennifer Sheppard eingegangen, worin die Richtigkeit der Berichterstattung bestritten wird.

Und bei Bild.de sind die “Bild”-Berichte seit dem 3. Januar nicht mehr zu finden. Auf unsere Nachfrage bei “Bild”, warum die Artikel aus dem Online-Angebot verschwunden seien und um wen es sich bei der Frau handele, die “Bild” wiederholt als Ehefrau des Bauunternehmers Eric Sheppard bezeichnet hatte, ob “Bild” also bei ihrer Darstellung bleibe, erhielten wir die einsilbige Antwort:

“Wir geben zu diesem Thema keinen Kommentar ab.”

PS: In ihrer aktuellen Ausgabe nun berichtet die “Bild am Sonntag” über Boris Becker und seine “Neu-Flamme”. Darüber, dass und mit wem sie verheiratet sei, verliert die Sonntagsversion der “Bild”-Zeitung kein Wort. Als wäre es eine Selbstverständlichkeit, nennt die Zeitung sie… “Jennifer Klein”.

(Fortsetzung folgt…)

“Bild” entdeckt die alte Zahl des Satans neu

Guten Tag, hier spricht der Teufel. Vielen Dank für Ihren Anruf. Meine Nummer hat sich geändert. Wählen Sie bitte in Zukunft statt der 666 die Durchwahl 616. Vielen Dank und auf Wiederhören. Piep.

616 - Die neue Zahl des Satans

Jawohl, in großer Aufmachung auf Seite 1 und mit der Ortsmarke “Vatikan” informiert die “Bild”-Zeitung heute ihre Leser über eine “Neuigkeit”. Andreas Englisch, der “Vatikan-Experte” von “Bild” hat herausgefunden:

Nicht 666, sondern 616 ist die Zahl des Satans!

Im 2. Jahrhundert schrieben Theologen die 666 dem Teufel zu. (…) Die Theologen beriefen sich auf das “Buch der Apokalypse” des Evangelisten Johannes. Wie sich jetzt herausstellte, ein Übersetzungs- und Abschreibfehler!

Forscher fanden nun im griechischen Originaltext die richtige Satanszahl: Es ist die 616 und nicht die in jeder Bibel genannte 666!

Wir haben keine Ahnung, wie “Bild” jetzt auf diese Geschichte kommt. In der britischen Tageszeitung “The Independent” erschien bereits am 1. Mai 2005 ein Artikel mit der Überschrift: “Revelation! 666 is not the number of the beast (it’s a devilish 616)” Ein entsprechendes Papyrus-Fragment aus dem 3. Jahrhundert ist bereits 1999 veröffentlicht worden. Am 4. Mai 2005 berichtete “Die Zeit” über technische Fortschritte bei der Entschlüsselung der Papyrus-Fragmente aus Oxyrhynchus und erzählte auch die 616/666-Geschichte.

Schon vor über 120 Jahren diskutierte ein gewisser Friedrich Engels, wie man die “sehr alte Lesart” der Offenbarung/Apokalypse des Johannes erklären könne, wonach 616 die “Zahl des Tiers” sei. Und schon vor über 1800 Jahren wusste Irenäus von Lyon, dass in vielen Schriften statt der 666 die 616 zu lesen war — nur entschied er sich damals, die 616 für einen Schreibfehler zu halten und nicht die 666.

Genau umgekeht entschied sich übrigens der Schweizer Reformator Huldrych Zwingli. Deshalb steht auch nicht “in jeder Bibel” die 666 als Satanszahl, wie “Bild” behauptet, sondern in der auf Zwingli zurückgehenden “Zürcher Bibel” die Zahl 616.

Tja. Und nun? Fragen wir Andreas Englisch, und der hat anonymen “Vatikan-Experten” die bahnbrechende Zusage entlockt:

“Wenn die Zahl 666 falsch ist, wird das in den kommenden Bibelausgaben geändert.”

Unsere Prognose aber lautet: Wenn diese ganze Geschichte Humbug ist, wird “Bild” das nie zugeben.

Springer redet “Bild” klein

Nach Ansicht von Experten ist die große Macht von “Bild” eines der Haupthindernisse bei der Fusion des Axel-Springer-Konzerns mit ProSiebenSat.1. Vor diesem Hintergrund sagt der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner in der “Frankfurter Allgemeinen” heute:

Daß die “Bild”-Zeitung mit ihrer hohen Auflage eine starke Marktstellung hat, ist unbestritten. Aber wir verschieben die Gewichte, wenn “Bild” zu einer Art Gegenregierung aufgebaut wird. Dann verlagern wir die politische Autorität auf die Straße. Die “Bild”-Zeitung ist eine Unterhaltungs- und Boulevardzeitung. Sie ist aber nur so wichtig, wie sie von politischen Eliten genommen wird. Man sollte die “Bild”-Zeitung nicht zum vorherrschenden politischen Leitmedium überhöhen. Das ist für die Redaktion zwar ein Kompliment, aber ob es das auch für den geistigen Zustand unserer Republik ist, da habe ich meine Zweifel. Die Boulevardisierung der Qualitätsmedien und die Boulevardisierung weiter Teile der Politik sind das Problem.

Zum Vergleich: Im Herbst 2004, als die Macht von “Bild” noch kein Problem für Springer war, schrieb “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann in einer E-Mail an seine Mitarbeiter:

Wir sind in der Tat — und das wird selbst von unseren strengsten Kritikern eingeräumt — DAS LEITMEDIUM. Mit unserer exzellenten Sport-Berichterstattung, mit unseren Enthüllungen aus Politik und Unterhaltung, mit unseren präzisen Recherchen und Scoops im Nachrichtenbereich aus dem In- und Ausland, mit unseren Top-Themen in über 30 Lokal- und Regionalausgaben.

“Bild” geht gegen “Bild”-Kritik vor

“Nur Moralisten können gute Journalisten sein.”
(Kai Diekmann)

“Man muss ein Zeichen setzen gegen die Angst vor ‘Bild’.”
(Charlotte Roche)

Am 5. September 2004 berichtete der Berliner “Tagesspiegel” ausführlich über die “Methoden der mächtigsten deutschen Zeitung”. Geschildert wurde neben vielen anderen haarsträubenden Fällen unter anderem die Erfahrung, die die Moderatorin Charlotte Roche im Juni 2001 mit “Bild” gemacht haben soll. Einige Wochen, nachdem bei einem Autounfall auf dem Weg zu ihrer Hochzeit drei ihrer Brüder getötet und ihre Mutter schwer verletzt wurden, sei sie von einem Paparazzo lachend mit ihrem Freund fotografiert worden. Ein “Bild”-Redakteur habe ihr gedroht, dieses Foto mit dem ironischen Kommentar “So tief ist ihre Trauer” zu veröffentlichen, wenn sie der Zeitung kein Interview gebe.

Diese Schilderung stimmte offensichtlich nicht. Die Axel Springer AG setzte eine Gegendarstellung durch, in der sie bestritt, dass sich ein “Bild”-Journalist je so gegenüber Roche geäußert habe. Die Redaktion hätte das Foto weder besessen, noch von ihm gewusst, noch es als Druckmittel eingesetzt.

Unter dieser Gegendarstellung korrigierte sich der “Tagesspiegel”, widersprach aber der Darstellung von Springer:

Richtig ist, dass sich kein “Bild”-Journalist gegenüber Charlotte Roche geäußert hat. Dem Tagesspiegel liegt allerdings ein Schreiben eines Mitarbeiters der Presseabteilung von Viva vor, dem Sender, bei dem Charlotte Roche damals moderierte. Darin heißt es: “Kurze Zeit nach dem tödlichen Unfall von Charlottes Brüdern hat sich damals ein ‘Bild’-Redakteur bei mir telefonisch gemeldet. Soweit ich mich erinnere, sagte er, er habe zwar Bauchschmerzen bei diesem Anruf, aber er habe mit der Chefredaktion in Hamburg gesprochen und müsste mir Folgendes sagen: Wenn die ‘Bild’-Zeitung kein Interview mit Charlotte bekäme, würde die ‘Bild’ am nächsten Tag ein Bild von Charlotte bringen und dazu eine Geschichte, die uns nicht gefallen würde. Mir wurde nicht mitgeteilt, um welche Art von Foto oder Geschichte es sich handelt.”

“Bild” bestreitet bis heute, dass es dieses Gespräch mit diesem Inhalt gegeben hat.

Gegen diese Darstellung des “Tagesspiegel” ist die Axel Springer AG in keiner Weise mehr vorgegangen.

Jetzt ist über ein Jahr vergangen, und diesmal hat es nicht der “Tagesspiegel”, sondern der “Stern” gewagt, kritisch über “Bild” zu schreiben. Vor zwei Wochen stand in der Zeitschrift:

Der erste Anrufer nach dem Unglück auf ihrem [Charlotte Roches] Handy war ihr Vater, der zweite ein “Bild”-Reporter. Was folgte, sagt Charlotte Roche, “war Telefonterror — den Rest des Tages hatte ich damit zu tun, die Anrufe von ‘Bild’ wegzudrücken”.

Die Moderatorin sprach mit niemandem. Vier Wochen lang tauchte sie ab, verließ kaum das Haus. Dann gelang einem Fotografen der “Abschuss” — so nennt der Boulevard Paparazzo-Aufnahmen: Charlotte Roche hatte neben ihrem Freund gestanden und gelacht.

Die “Bild”-Leute riefen bei Viva an. Ein Mitarbeiter des Senders hat seine Erinnerungen an das Gespräch notiert: “Kurze Zeit nach dem tödlichen Unfall hat sich ein ‘Bild’-Redakteur bei mir gemeldet. … Er habe zwar Bauchschmerzen bei diesem Anruf, aber er habe mit der Chefredaktion in Hamburg gesprochen und müsste mir mitteilen: Wenn die ‘Bild’-Zeitung kein Interview mit Charlotte bekäme, würde die ‘Bild’ am kommenden Tag ein Foto von Charlotte bringen und dazu eine Geschichte, die uns nicht gefallen würde.” Ein ‘Bild’-Sprecher weist die Vorwürfe zurück: “Diese Äußerungen treffen nicht zu.”

All das darf der “Stern” zur Zeit nicht mehr behaupten. Die Axel Springer AG bestreitet Umstand und Inhalt der Gespräche und hat beim Landgericht München eine einstweilige Verfügung erwirkt, die dem “Stern” die Veröffentlichung vorläufig untersagt. Deshalb ist der gesamte “Stern”-Artikel auch aus dem Online-Angebot der Zeitschrift verschwunden. Beim “Stern” ist man über die Entscheidung des Gerichtes überrascht und will dagegen vorgehen.

Anders als der Branchendienst “New Business” meldet und auch Springer gegenüber dem Gericht behauptet haben soll, hat der “Stern” nicht die ursprünglichen (falschen) “Tagesspiegel”-Angaben wiederholt. Wiederholt hat der “Stern” die Erinnerungen des Viva-Mitarbeiters, die der “Tagesspiegel” in seinem Zusatz der Gegendarstellung Springers wiedergegeben hat. Und dagegen ist Springer, wie gesagt, nie vorgegangen. Beim “Stern” geht man deshalb davon aus, dass die einstweilige Verfügung keinen Bestand haben wird.

“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann fordert darüber hinaus vom “Stern” den Abdruck einer Gegendarstellung und die Abgabe von Unterlassungserklärungen. Beim “Stern” hat man das Gefühl, “Bild” verfolge eine ähnliche Taktik wie die, mit der die Zeitung vor einem Jahr gegen den “Tagesspiegel” vorgegangen sei: viele nebensächliche Punkte anzugreifen, um die Kritik an den haarsträubenden Methoden von “Bild” unberechtigt erscheinen zu lassen.

“Bild” sieht Gespenster

Am vergangenen Mittwoch berichtete die dänische Zeitung “Frederiksborg Amts Avis”, dass es in dem Schloss Kronborg, das Shakespeare als Vorlage für den Sitz seines Hamlet gedient hat, spuken soll. Eine Hellseherin sei zur Hilfe gerufen worden, die zahlreiche Gespenster vertrieben habe.

Ja. Schöne Geschichte. Die Nachrichtenagentur AP sorgte dafür, dass sie in der ganzen Welt bekannt wurde — mit der nötigen seriösen Distanz natürlich: “Angestellte sagen, in Gebäude spukt es”.

Ja. Warum nicht. Am Tag darauf berichtete die dänische Zeitung “Ekstra Bladet” über die erstaunlichen Ereignisse und ließ die Geisterjägerin Birgitte Graae (“Bild” wird sie Brigitte nennen) ausführlich zu Wort kommen.

Ja nun. Für eine Zeitung, die sich “Bild” nennt, fehlte der Geschichte allerdings noch etwas Elementares: Bilder. Fotos von Gespenstern. Und jetzt sagen Sie nicht, das sei unmöglich — “Bild” hat die Fotos. Und zwar gleich drei.

Unter dem ersten steht:

Zum Erschrecken: Als Schatten geistert diese Dame durchs Wohnzimmer.

Unter dem zweiten:

Zum Gruseln! Dieses Gespenst stürzt sich die Treppe runter. Immer wieder.

Und unter das Dritte schreibt “Bild”:

Zum Spuken! Ist das der deutsche Diener? Sogar im Schloßgarten treiben sich Geister herum.

Zumindest die Frage, ob das der deutsche Diener ist, können wir klar mit Nein beantworten. Er treibt sich auch nicht im Schlossgarten von Kronborg herum. Das Foto zeigt einen Friedhof in Everett, Washington. Es handelt sich nämlich um dieses Foto der Agentur Getty Images, die u.a. für fast jeden Zweck Symbolfotos zum Kauf anbietet — auch zum Thema weiblicher Schatten im Wohnzimmer oder Frauenfigur stürzt sich Treppe hinunter. “Bild” hat offenbar im Archiv der Firma einfach nach dem Begriff “ghost” gesucht, sich drei Ergebnisse herausgepickt und einfach behauptet, es handele sich um Aufnahmen aus dem Schloss.

Offen ist jetzt nur die Frage, ob der Redakteur, der die Fotos betexten musste, womöglich wirklich gedacht hat, es handele sich dabei um echte Gespenster.

“Bild”-Chef zieht Begehr zurück

Das wird jetzt etwas länger, denn…

… in einem Dossier über die “Großmacht Springer” hatte sich die “Zeit” am 11. August unter anderem folgende Frage gestellt:

“Ist es Vorsatz, wenn ein Foto so beschnitten wird, dass ein Seil in der Hand von Jürgen Trittin als Schlagstock angesehen werden kann (…)?”

Hintergrund dieses Satzes war die Veröffentlichung eines Fotos in der “Bild”-Zeitung vom 29.1.2001. Zu sehen war darauf Jürgen Trittin im Jahr 1994 am Rande einer Demo. Die Aufnahme stammte ursprünglich von Sat.1 und erschien 29.1.2001 auch im “Focus”. “Bild” hatte behauptet, in der Hand eines (unmittelbar neben Trittin abgebildeten) Demonstranten befinde sich ein Schlagstock, obwohl es sich dabei nur um ein Seil handelte, wie sowohl bei Sat.1 als auch im “Focus” deutlich zu erkennen war — nicht jedoch in dem von “Bild” abgedruckten Ausschnitt des Fotos. Nachdem der grobe Fehler öffentlich geworden war, druckte “Bild” eine Richtigstellung und Kai Diekmann, damals seit vier Wochen “Bild”-Chefredakteur, sagte dem “Spiegel”(hier für 50 Cent, Gratisauszüge hier): “Wir sind am Sonntag im Vorabexemplar von ‘Focus’ auf das Foto gestoßen und haben es abgescannt, weil wir das Original nicht besorgen konnten. Die Ausdrucke, mit denen wir dann gearbeitet haben, waren Kopien von Kopien und entsprechend schlecht, so dass die Fortsetzung des Seils nicht erkennbar war.” Zuvor referierte bereits die “Berliner Zeitung” Diekmanns Erklärung mit dem Worten: “Deshalb habe man das Foto für den Druck beschnitten.” Das war vor dreieinhalb Jahren und nicht schön.

“Bild”-Chef Diekmann ist seither mehrfach gerichtlich gegen Berichte anderer Medien vorgegangen, die fälschlicherweise behauptet hatten, “Bild” habe Trittin “einen Schlagstock in die Hand montiert” bzw. “in die Hand gedrückt”. Sowohl die “Berliner Zeitung” als auch die “taz” entschieden sich allerdings, den unabwendbaren Abdruck einer entsprechenden Gegendarstellung Diekmanns ausführlich zu kommentieren.

Was indes die “Zeit” anbelangt, könnte man einwenden, auch die Behauptung, “dass ein Seil in der Hand von Jürgen Trittin als Schlagstock angesehen werden kann” sei sachlich falsch, weil Trittin selbst das Seil auf dem Foto gar nicht anfasst. “Bild”-Chef Diekmann allerdings nahm Anstoß an einem anderen Aspekt des “Seil”-Satzes. Nach unseren Informationen hieß es in einer Gegendarstellung, deren Abdruck er von der “Zeit” forderte, “Bild” ” habe “niemals ein Foto so beschnitten”, dass ein Seil in der Hand von Jürgen Trittin hätte als Schlagstock angesehen werden können: Der Fehler von “Bild” habe darauf beruht, “dass allein aufgrund der schlechten Bildqualität eine verfälschende Bildunterschrift zugeordnet wurde”.

Allerdings weigerte sich die “Zeit”, die Gegendarstellung zu drucken. Und das mit gutem Grund. Schließlich handelt es sich ja bei dem Trittin-Foto in “Bild” zweifelsfrei um einen Ausschnitt des “Focus”-Fotos, auf dessen Original der “Schlagstock” eindeutig als Seil zu erkennen ist. Und so zitiert auch der “Stern” in seiner aktuellen Ausgabe einen “Bild”-Sprecher mit der Aussage: “Der Chefredaktion lag lediglich ein Schwarzweiß-Scan vor, auf dem die Ränder des Fotos schwarz waren. Diese Ränder wurden beim Einstellen des Scans ins Layout … selbstverständlich nicht berücksichtigt.”

Und das ist umso erstaunlicher, als Kai Diekmann doch gegenüber der Pressekammer des Landgerichts Hamburg im August 2005 eine “eidesstattliche Versicherung” abgegeben hat, in der es ausdrücklich heißt, man habe die Abbildung zwar “unzutreffend betextet”, aber:

“Das Foto (…) ist in keiner Weise ‘beschnitten’ worden.”

Das Gericht verlangte daraufhin Ende August zwar zunächst in einer Einstweiligen Verfügung von der “Zeit”, den strittigen “Seil”-Satz aus der Online-Version des Dossiers zu tilgen. Dort fehlt er noch immer, dürfte nach unseren Recherchen aber alsbald wieder in den Text eingefügt sein, denn…

… nachdem die “Zeit” Mitte September Widerspruch angekündigt hatte, nahm Diekmann kurzerhand seinen Antrag zurück, verzichtete freiwillig auf die Ansprüche aus der Einstweiligen Verfügung und muss sämtliche Verfahrenskosten tragen.

Wie es zu Diekmanns überraschenden Sinneswandel kam, entzieht sich unserer Kenntnis. Im “Stern” heißt es, an der Richtigkeit der Eidesstattlichen Versicherung* Diekmanns seien “Zweifel angebracht”.

*) “Wer vor einer zur Abnahme einer Versicherung an Eides Statt zuständigen Behörde eine solche Versicherung falsch abgibt oder unter Berufung auf eine solche Versicherung falsch aussagt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.”
(§ 156 StGB)

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