Wenigstens kann man der “Bild”-Zeitung nicht vorwerfen, in ihrem heutigen Bericht über das “Team Gerolsteiner” nicht genügend Mineralwasser-Wortspiele gemacht zu haben: “Volle Pulle … kann keiner das Wasser reichen … volle Pulle … naß machen … spritzig … erfrischende Erfolge …”
Vielleicht aber hätte es sich gelohnt, den Artikel von jemandem schreiben zu lassen, der sich nicht nur mit Kalauern, sondern auch mit, sagen wir, Radsport auskennt. Denn anders als “Bild” schreibt, hat Levi Leipheimer nicht die Kalifornien-Rundfahrt gewonnen, sondern nur die Bergwertung. Und anders als “Bild” schreibt, war Leipheimer nicht “einer der wichtigsten Helfer bei den Tour-Siegen von Rad-Gigant Lance Armstrong” — Leipheimer selbst sagt: “Ich habe nie zu seiner Gruppe gehört.” Und fraglich ist auch, ob man von einem “Team aus jungen, spritzigen Nobodys” sprechen kann, wenn dazu zum Beispiel Fabian Wegmann gehört, der unter anderem 2004 das Grüne Trikot beim Giro d’Italia gewonnen hat.
Vielen Dank an Pascal E. und radsport-forum.de, auch für die in Bezug auf “Bild” rührend naive Aussage: “soviele Fehler in einem Artikel kann es doch gar nicht geben”.
Na, bravo. Wie gut die Idee ist, sich mit einem Brief an “Bild” zu wenden, sei mal dahingestellt. Für “Bild” immerhin lohnt sich die Sache, sie kann dann Sätze schreiben wie diese:
“Von Mitschülern gefesselt und gedemütigt! Klassenkameraden deckten in einem Brief an BILD alles auf”
Oder diesen:
“Erst ein Brief von Schulkameraden an BILD brachte alles ans Licht.”
Oder diesen:
“Seine Mutter erfuhr erst durch BILD von dem Vorfall”
Oder diesen:
“Die Mutter des Jungen erfuhr erst durch BILD davon.”
Und “Bild” kann ausführlich aus dem “langen Brief, den ‘Eine Gruppe besorgter Schüler’ an BILD schickte”, zitieren, kann ihn faksimilieren und abbilden (siehe Ausriss).
Was “Bild” hingegen nicht kann, ist anonymisieren.
Zwar hat sich die Zeitung entschieden, den Namen des “Opfers”, wie die “besorgten Schüler” ihren Mitschüler nennen, im Artikel zu ändern und in dem “Brief an BILD” die Namen der “Täter” zu schwärzen. (Und das ist gewiss schon deshalb eine gute Idee, weil “Bild” jeglichen Beweis für die Anschuldigungen schuldig bleibt.)
So stand’s am 27. März im Raum Mecklenburg-Vorpommern in der “Bild”-Zeitung. Und sollten Sie aus Mecklenburg-Vorpommern stammen, können wir Sie beruhigen: Sie werden dadurch nicht schwul. Der Greifswalder Wissenschaftler hat das auch nie behauptet.
Im Text wird als Beleg für die These dennoch Dr. Wolfgang Weiß angeführt, Privatdozent an der Universität Greifswald, der unter anderem Bevölkerungsstrukturen untersucht. Er war der erste, der feststellte, dass in den ostdeutschen Bundesländern vor allem junge und gut qualifizierte Menschen abwandern und dass darunter sehr viele Frauen sind. Dadurch ergibt sich, wie inzwischen auch andere Forscher bestätigt haben, ein Männerüberschuss.
Bei “Bild” wollte man dem offensichtlich mal auf den Grund gehen und befragte Weiß. Der sagte während des Gesprächs das hier:
“Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wohin der männliche Testosteron-Überschuß in Zukunft führt.”
Und weil nicht viel Phantasie dazugehöre, schrieb “Bild”:
“Heißt im Klartext: Der akute Frauenmangel könnte die Männer — auf ihrer Suche nach Gefühl und Liebe — in die Homosexualität treiben.”
Als Beleg für die “Bild”-Behauptung zitiert das Blatt den Wissenschaftler noch ein zweites Mal:
“‘Sie [die Männer] isolieren sich. Dadurch verändert sich ihre Sprache. Gewaltbereitschaft und Brutalität steigen, da die Frauen, die oft als Schlichter fungieren, fehlen. Sie geben Anerkennung und Zufriedenheit. Ohne dies wachsen Wut und Frust. Und die werden dann höchst unterschiedlich kompensiert.'”
Weiß sagt uns jedoch, er habe etwas völlig anderes gemeint und gegenüber “Bild” auch gesagt. Nämlich, dass die frustrierten Männer immer gewaltbereiter werden und dass es unter ihnen dadurch immer mehr Rechtsradikale gibt.
Und irgendwie muss auch “Bild”-Autor Mathias Saretz seinem eigenen “Klartext” misstraut haben. Er beendet den Artikel (der ja, wir erinnern uns, mit “Meckpomm wird schwul” überschrieben ist) mit einem dritten Weiß-Zitat. Es lautet:
“Das bedeutet allerdings nicht, daß automatisch jeder schwul wird. (…)”
PS: Weiß hat übrigens nach Erscheinen des Textes von “Bild” eine Richtigstellung verlangt, die am 1. April in der Mecklenburg-Vorpommern-Ausgabe erscheinen sollte. Ob sie tatsächlich erschienen ist, kann Weiß nicht sagen. Er lese keine “Bild”. Wir schon, wissen es aber trotzdem nicht: Die MeckPomm-Redaktion von “Bild” wollte uns den Abdruck einer Richtigstellung jedenfalls auf Anfrage nicht bestätigen.
Gestern kündigte Joachim Fuchsberger gegenüber BILDblog an, sich mit “Bild” trotz der falschen Schlagzeile “Nie wieder TV!” arrangieren zu wollen — zum eigenen Nutzen. Heute sieht man, wie das geht.
Fuchsberger und der in der “Bild”-Chefredaktion für Unterhaltung zuständige Martin Heidemanns veröffentlichten eine “gemeinsame Erklärung” mit folgendem Wortlaut:
Die in BILD vom 5. April veröffentlichte Kritik am Niveau einiger Sendungen des deutschen Fernsehens entspricht dem zwischen Herrn Fuchsberger und BILD geführten Gespräch.
Lediglich im Zusammenhang mit der Aussage, künftig nie mehr TV machen zu wollen, ist es zu einem bedauerlichen Mißverständnis gekommen. Er hat betont, daß er nie mehr eine große Samstag-Abend-Unterhaltungs-Serie machen werde.
Herr Fuchsberger war, ist und bleibt selbstverständlich immer bereit, seinem Alter entsprechende Rollen und andere Verpflichtungen im deutschen Fernsehen zu akzeptieren.
Na, also. “Bild” ist nur ein kleines (allerdings schlagzeilengroßes) Missverständnis unterlaufen, und Fuchsberger hat öffentlich daran erinnert, dass er für Angebote zur Verfügung steht.
Wer wollte da noch das Happy End stören und darauf hinweisen, dass Fuchsberger laut “Bild”-Artikel von gestern keineswegs das Niveau “einiger Sendungen” kritisiert hatte, sondern pauschal das Fernsehen insgesamt: “Es geht alles nur noch um Quote, nicht mehr um Qualität. Frei nach dem Motto: Millionen Fliegen können nicht irren — also schmeißen sie den Leuten Scheiße vor.”
Und wer wollte noch fragen, ob dieses Interview (wie bei Axel-Springer-Medien angeblich vorgeschrieben) autorisiert war. Dann hätte es ein Zitat wie “Auch ich werde mich aus dem TV zurückziehen!” nie in den Artikel schaffen dürfen, weil ja “selbstverständlich” das Gegenteil der Fall ist.
Die gute Botschaft ist: “Bild” und “Blacky” haben sich wieder lieb. Dafür kann man schon mal ein paar Tatsachen unter die Räder kommen lassen.
Zuweilen legt “Bild” ein sehr sonderbares Rechtsverständnis an den Tag. So wie gestern beispielsweise. Da hieß es in einem Text über eine Babysitterin, die verdächtigt wird, ein Kind misshandelt zu haben:
Im zweiten Absatz steht das. Und wenn die Schuld der Babysitterin erwiesen wäre, dann könnten Großbuchstaben hier vielleicht sogar angemessen sein. Nur ist es so, dass die Babysitterin gar nicht bestraft werden darf. Man kann nämlich in der Regel nur dann bestraft werden, wenn man auch verurteilt wurde. Und das geht nun mal nicht ohne vorherigen Prozess. Der hat aber noch gar nicht stattgefunden. Das weiß auch “Bild”, verrät es aber erst gegen Ende des Artikels:
Die Baby-Sitterin wurde später festgenommen, kam in U-Haft. Jetzt sollte der Prozeß wegen Mißhandlung von Schutzbefohlenen beginnen. Höchststrafe 10 Jahre Haft. Doch die Richterin ließ die Frau laufen! Ein Behörden-Sprecher: “Sie hält eine weitere Beweiserhebung für sinnvoll.”
Ob die Babysitterin bestraft wird oder nicht, steht also, anders als “Bild” wider besseres Wissen anfangs behauptet, noch überhaupt nicht fest. Abgesehen davon sollte man vielleicht wissen, dass die U-Haft ein gravierender Eingriff in die Freiheitsrechte eines möglicherweise Unschuldigen ist, bevor man sich darüber ereifert, dass jemand aus ihr entlassen wird. Insbesondere angesichts der Tatsache, dass die Richterin offenbar der Meinung ist, die vorliegenden Beweise reichten für eine Anklageerhebung noch nicht aus.
“Das ist in dieser Form reiner Schwachsinn”, sagt Joachim Fuchsberger gegenüber BILDblog. “Das ist eine ‘Bild’-typische Übertreibung für eine gute Schlagzeile.” Und auch die markigen Sätze, mit denen er im Artikel von “Bild” zitiert wird, habe er nicht alle in dieser Form gesagt. Autorisiert habe er keinen einzigen davon.
Aber überrascht klingt er nicht. Vielleicht ist also das, was Fuchsberger einem so alles erzählt, wenn man ihn anruft, eine ganz normale Geschichte aus dem Alltag von “Bild”:
Fuchsberger sagt, er sei von “Bild” angesprochen worden, nachdem sein Freund Vicco von Bülow angekündigt hatte, nur dann noch einmal ins Fernsehen zurückzukehren, wenn Fuchsberger “noch einmal eine große Gala macht”. Der “Bild”-Reporter Malte Biss habe ihn daraufhin gefragt, ob denn eine solche Show geplant sei. Er habe geantwortet, was er seit vielen Jahren schon antwortet: Dass er ausschließt, im deutschen Fernsehen je wieder eine Samstagabend-Show zu machen. Von einem Rückzug darüber hinaus sei keine Rede gewesen, sagt Fuchsberger, im Gegenteil: Es gebe einige Pläne für neue Sendungen. Wenn aus diesen Projekten etwas werde, sei es ihm “eine große Freude”, weiter Fernsehen zu machen.
Gestern abend um halb zehn habe ihn Malte Biss dann angerufen und ein “sehr schlechtes Gewissen” gehabt, sagt Fuchsberger — offenbar wegen der sehr abwegigen Schlagzeile. Er habe das noch nie erlebt, dass ein Journalist ihn quasi vorab vor seinem eigenen Artikel gewarnt habe. Biss habe gefragt, ob Fuchsberger nun mit dem Anwalt gegen den Bericht vorgehen werde. Fuchsberger ließ das zunächst offen.
Gerade weil er mit verschiedenen Leuten über neue Fernseh-Projekte im Gespräch sei, hätte die falsche “Bild”-Schlagzeile geschäftsschädigend wirken können. Er habe dann heute erleichtert festgestellt, dass die meisten Menschen aus der Branche ohnehin nicht glaubten, was in “Bild” steht.
(Die “Nachricht” wurde dennoch weiterverbreitet. Die Agentur AP veröffentlichte heute nachmittag zwei Meldungen, in denen sie die “Bild”-Behauptungen ungeprüft übernahm. Überschrift: “Fuchsberger will kein Fernsehen mehr machen.”)
Fuchsberger ist überzeugt, dass “Bild” der Fehler nicht versehentlich unterlaufen ist. Dennoch will er nicht gegen die Zeitung vorgehen. Was könne ein Anwalt schon erreichen? “Eine Gegendarstellung? Who the hell cares!” Stattdessen habe er lieber einen “Deal” mit “Bild” gemacht, die nun bei ihm etwas gut zu machen habe.
Vermutlich wird also in den nächsten Tagen ein sehr freundlicher Artikel in “Bild” erscheinen, der ein neues Projekt von Fuchsberger vorstellt und ganz nebenbei den möglicherweise entstandenen Eindruck geraderückt, er könne sich für immer aus dem Fernsehen zurückziehen.
Zur Erinnerung: Chefredakteur Kai Diekmann rief vor eineinhalb Jahren eine neue “Null-Toleranz”-Politik gegenüber Verstößen gegen “unsere journalistische Standards” aus und gab vor, “übergeigte Überschriften” hätten in “Bild” “nichts zu suchen”. Ebenso behaupten Diekmann und Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner, dass für alle Medien des Konzerns “journalistische Leitlinien” gälten, wonach Journalisten bei Axel Springer Interviews ohne Ausnahme vom Gesprächspartner autorisieren lassen müssen.
Ausgesprochen unkritisch interviewt “Bild” heute den umstrittenen Historiker Arnulf Baring, nennt ihn “Deutschlands klügster Kopf” (obwohl man ihn mit derselben Logik auch den “naivsten Kopf Deutschlands” nennen könnte) und macht ihn zur Titelschlagzeile (siehe Ausriss).
Im (…) Interview erklärt der Historiker Arnulf Baring, der Deutschland schon vergangenes Jahr über Notverordnungen (!) regiert sehen wollte, dann jenen Satz, der seit dem Hilferuf der Rütli-Schule an jedem Stammtisch zu hören ist: “Multikulti ist gescheitert.” Schuld daran sind — so sehen es die Konservativen — natürlich die “Multikulti-Befürworter”, also jene rot-grünen Dummdeutschen, die in den vergangenen Jahrzehnten immer brav und arglos zwischen kurdischem Volksfest (vermutlich heimliche Terroristenversammlung) und libanesisch geführtem Italiener-an-der-Ecke (Schnauzbart, sehr suspekt) hin- und hergependelt sind. Freilich ohne zu merken, wie der Kurde und der südländische Kellner heimlich ihre blitzenden Messer wetzen, schlecht über unsere deutschen Frauen reden und hinter unserem Rücken ein unfriendly Takeover der Bundesrepublik vorbereiten. Wie gut, dass uns Arnulf Baring gerade noch rechtzeitig gewarnt hat!
Es ist deshalb höchste Zeit, mit ein paar Mythen aufzuräumen: Weder Rot-Grün oder die naiven Multikulti-Befürworter tragen die Hauptschuld an der jetzigen Integrationsmisere. Der Mann heißt Helmut Kohl. (…)
Auch ein Massenblatt wie die “Bild”-Zeitung könnte mit ihrer klaren Sprache hilfreich sein. Auf Ausgaben, in denen Kampagnen gegen erfolgreiche Schauspielerinnen türkischer Herkunft gefahren werden oder ein Arnulf Baring von der Leine gelassen wird, können wir dagegen verzichten.
“Den bösen Wolf gibt es wirklich!” (Link von uns.)
Aha. Und dann schreibt “Bild” noch:
“Oskar, das süße Osterlamm, ist tot. Das Tier mit dem weichen Fell wurde völlig zerfetzt — von einem Wolf!”
Sogar einen Kronzeugen hat die “Bild”-Zeitung für ihre Meldung — “Roland Schöbel (48, Landwirt)”, den Besitzer des Lamms. In “Bild” heißt es:
“(…) Roland Schöbel (…) entdeckte eindeutige Wolfsspuren.”
Seltsam nur, dass uns Jana Schellenberg, Leiterin des Kontaktbüros “Wolfsregion Lausitz”, sagt, die Höhe des Zaunes, hinter dem sich das Lamm aufhielt, die Größe eines Lochs im Zaun, die entdeckten Spuren, insbesondere aber die Bissverletzungen des Lammes, ließen ohne Zweifel darauf schließen, dass hier kein Wolf das kleine Lamm getötet habe, sondern “eindeutig ein Fuchs”. Es gebe ein Gutachten aus dem hervorgehe: “Ein Wolf war es definitiv nicht.”
Und siehe da, so steht es auch anderswo — in der “Lausitzer Rundschau” zum Beispiel unter der Überschrift:
“Lamm in Bärwalde vom Fuchs gerissen
Gerüchteküche sprach von einem Wolf”
Und in der “Sächsischen Zeitung” unter der Schlagzeile:
“Kein Wolf, ein Fuchs riss bei Boxberg ein Lamm”
Und selbst beim kleinen Lokalrundfunk Elsterwelle heißt es:
“Fuchs tötet Lamm in Bärwalde”
Nur “Europas größte Tageszeitung” hat sich die Recherchen gespart und stattdessen lieber — ohne wenn und aber — eine Falschmeldung verbreitet.
Was macht eine Zeitung wie “Bild” mit unliebsamen Tatsachen? Ignorieren? Muss nicht. Ins Gegenteil verdrehen geht auch.
Der Ältestenrat des Bundestags hat gestern einstimmig (ohne den Namen der Zeitung zu nennen) die “Bild”-Kampagne gegen Bundestagspräsident Norbert Lammert gerügt. Die Überschrift der Erklärung lautet: “Ältestenrat weist Angriffe auf den Bundestagspräsidenten zurück.” Diese Angriffe seien “im Ton verletzend und sachlich unbegründet”. Und weiter:
Das Verfahren [mit dem die Diäten festgesetzt werden] ist grundsätzlich öffentlich, nachvollziehbar und für jedermann transparent. Die öffentliche Auseinandersetzung und Begleitung der Debatte über verschiedene Lösungsmöglichkeiten ist ausdrücklich erwünscht.
Respekt vor demokratischen Entscheidungen — und dieser schließt die Achtung demokratischer Verfahrenswege und Zuständigkeiten ein — ist unerlässlich für das Funktionieren und die Akzeptanz einer Demokratie. Diese leidet, wenn Parlamentariern unter Aufbietung fragwürdiger publizistischer Methoden Festlegungen aufgenötigt werden sollen, bevor ihnen überhaupt die notwendige Entscheidungsgrundlage vorliegt. Der “publizistische Pranger” ist kein Instrument demokratischer Meinungsbildung und Entscheidungsfindung.
Der Ältestenrat bittet daher um Mäßigung im Ton, Sachlichkeit in der Auseinandersetzung und konstruktive Begleitung des demokratischen Entscheidungsfindungsprozesses.
(Hervorhebungen von uns.)
Und so “berichten” die “Bild”-Redakteure Stefan Ernst und Dirk Hoeren heute über diese einstimmige Kritik an der “Bild”-Berichterstattung:
Der Bundestags-Ältestenrat begrüßte die öffentliche Diäten-Diskussion. Eine Begleitung der Debatte sei “ausdrücklich erwünscht”, hieß es gestern in einer einstimmig gefaßten Erklärung. Zugleich wies der Ältestenrat eine angebliche Presse-Kampagne zurück: “Der ‘publizistische Pranger’ ist kein Instrument demokratischer Meinungsbildung und Entscheidungsfindung.”
Nachtrag, 18.00 Uhr. Nobert Lammert begann die heutige Plenarsitzung damit, dass er die Kernsätze des Ältestenrates zitierte, und fügte hinzu:
Da die betroffene Zeitung heute aus dieser Stellungnahme des Ältestenrates die Mitteilung macht, der Ältestenrat begrüße die öffentliche Debatte, dachte ich, es wäre sowohl zur Information der Öffentlichkeit wie zur Urteilsbildung des Hauses angemessen, auf den vollständigen Zusammenhang hinzuweisen.
(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Im Hintergrund ein Wirbelsturm, im Vordergrund ein lachender Umweltminister Sigmar Gabriel und darunter die gewaltige Schlagzeile: “Minister verhöhnt Hamburger Tornado-Opfer”. So machte die “Bild”-Zeitung gestern in Hamburg auf.
Und behauptete:
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel in Berlin macht Späße über den Tornado! (…) In der gestrigen Haushaltsdebatte im Bundestag (es ging um den Klimawandel) witzelte er über den Tornado, der durch Hamburgs Süden fegte: “Das wird wohl eher etwas mit den Nachwirkungen der Ereignisse, in die der Justizsenator verwickelt war, zu tun gehabt haben.”
“Bild” nannte das im Stabreim eine “peinliche Politiker-Panne” — und hätte, wenn es so gewesen wäre, womöglich recht.
Heute greift “Bild” das Thema auch bundesweit auf und macht Gabriel zum “Verlierer des Tages”:
(…) Im Bundestag sagte er, die Katastrophe werde “wohl eher etwas mit den Nachwirkungen der Ereignisse, in die der Justizsenator verwickelt war, zu tun gehabt haben.”
BILD meint: Ganz schnell entschuldigen!
Und hätte, wenn es so gewesen wäre, womöglich recht.
Aber die Sache war ein bisschen anders. Gabriel hatte sehr ernsthaft über die Bedeutung des Klimaschutzes und die Gefahren des Klimawandels geredet und dann gesagt:
Letztens hatten wir in Hamburg einen Tornado. Ich weiß nicht, ob es so etwas schon einmal gab und ob das etwas mit dem Klimawandel zu tun hat.
An dieser Stelle wurde er von mehreren Zwischenrufen unterbrochen, die er nicht verstand. Er fragte nach, und der CDU-Abgeordnete Steffen Kampeter machte eine vermutlich witzig gemeinte Bemerkung:
Die Frage ist, ob das etwas mit den Mehrheitsverhältnissen in Hamburg zu tun hat!
Auf diesen Zwischenruf hin antwortete Gabriel:
Das wird wohl eher etwas mit den Nachwirkungen der Ereignisse, in die der Justizsenator verwickelt war, zu tun gehabt haben.
Was genau Kampeter und Gabriel meinten, wie Kampeter vom Tornado auf die “Hamburger Mehrheitsverhältnisse” kam und Gabriel von den Hamburger Mehrheitsverhältnissen auf die Entlassung des Justizsenators am Montag, bleibt auch nach Lektüre des stenografischen Berichts schleierhaft.
Aber die “Bild”-Zeitung verschweigt ihren Lesern den Zusammenhang: dass sich Gabriel nicht direkt auf den Tornado bezog, sondern auf eine Bemerkung über die “Hamburger Mehrheitsverhältnisse”. Dabei muss ihr der tatsächliche Ablauf bekannt gewesen sein. Denn Gabriels Satz lautete wörtlich (wie auf dem Video von der Sitzung zu sehen ist) etwas anders. “Bild” zitiert aus der redigierten Version im stenografischen Bundestags-Protokoll. Und in diesem Protokoll ist auch der vorhergehende Zwischenruf dokumentiert.