Das Schöne am “News-Ticker” von Bild.de ist, dass da nicht viel schiefgehen kann, weil meist nur Agenturmeldungen im Wortlaut eingestellt werden, was die Fehlermöglichkeiten, nun ja, minimiert.
Seit “17.17 Uhr” steht im “News-Ticker” von Bild.de eine Meldung, die exakt so kurz zuvor von der Nachrichtenagentur AP (Überschrift: “Republikaner McCain bereitet sich auf Präsidentschaftskandidatur vor”) veröffentlicht wurde. Ihr erster Satz lautet hier wie dort:
“Der republikanische Senator John McCain bereitet sich auf die Präsidentschaftskandidatur 2008 vor.”
Und unter welcher Überschrift erscheint so eine Meldung dann auf der Startseite von Bild.de? Na, logisch:
Mit Dank an Carl Z. für den Hinweis.
Nachtrag, 20.54 Uhr: Ui, das ging jetzt aber fix mit der Korrektur…
“Bild” hat heute einen “Skandal bei Sat.1” ausgemacht — in der neuen Castingshow “You Can Dance”. Laut “Bild”-Überschrift hat dort nämlich offenbar ein enttäuschter Sat.1-Casting-Kandidat vor laufender Kamera “alle Ostdeutschen” beleidigt.
Das allerdings ist nicht ganz richtig. Denn, wie auch aus dem “Bild”-Artikel hervorgeht, hat der “Rüpel” offenbar gar nicht “alle Ostdeutschen” beleidigt, sondern nur übergewichtige, aber selbstbewusste Ostdeutsche weiblichen Geschlechts und jugendlichen Alters in körperbetonter Kleidung (“Diese Ostmädchen, diese richtig fetten, die denken, sie sind sexy, und dann mit so engen Klamotten, wo so der Speck an den Seiten rausquillt.”), woraufhin ein “Kumpel” die Beleidigung auf jugendliche ostdeutsche Paare mit eigenwilligem Modebewusstsein erweitert zu haben schien…
Denn wer jetzt glaubt, “Bild” habe vielleicht ein wenig übertrieben, hat wohl noch nicht den nächsten “Bild”-Satz gelesen. Er lautet:
“Die Politik ist empört!!
Und weil selbst “Bild” sowas ungern ohne Beleg behauptet, hat das Blatt auch eine (in Worten eine) Repräsentantin aufgetan: “Bundestagsabgeordnete Antje Blumenthal (CDU), Mitglied des Rundfunkrates” sei nämlich der Ansicht, “solche menschenfeindlichen Aussagen gehören nicht ins deutsche Fernsehen”. (Wobei der “Bild”-Verweis auf die Rundfunkratsmitgliedschaft hier — nebenbei bemerkt — irrelevant ist, weil Blumenthal selbst mal öffentlich betonte, “zwischen Partei und Rundfunkrat trennen” zu können, und der Landesrundfunkrat Hamburg, dessen Vorsitzende Blumenthal ist, ohnehin für den Privatsender Sat.1 alles andere als zuständig wäre.)
Zuletzt übrigens kam Blumenthal vor etwa einem halben Jahr in “Bild” zu Wort, als das Blatt (wie berichtet) wochenlang gegen die Teilnahme von Heide Simonis an der RTL-Show “Let’s Dance” polemisierte:
“‘Sie sollte darauf achten, daß die Würde ihres früheren Amtes nicht beschädigt wird’, wettert CDU-Abgeordnete Antje Blumenthal aus Hamburg über die tanzende Heide. ‘Ich finde ihren Auftritt beschämend.'”
Der Artikel damals war überschrieben mit den Worten:
Im Zusammenhang mit einer Falschmeldung über den angeblichen Selbstmord der Schauspielerin Birge Schade, die der “Tagesspiegel” am Montagnachmittag kurzzeitig verbreitete (“BILD berichtete”), schreibt “Bild” heute:
BILD fragte gestern die Chefredaktion des “Tagesspiegel” u. a.: Hat sich der Chefredakteur bei Birge Schade entschuldigt? Warum hat die Zeitung über die Falschmeldung nicht berichtet?
Warum sollten wir Zweifel an der Geschichte haben, die Ruth Hannah Reeves der “Bild”-Zeitung über ihre “wilden Tage ab 1960” mit Paul McCartney erzählt hat (siehe Ausriss)? Bloß, weil sie in der “Bild”-Zeitung steht? Nein, deswegen nicht. Aber “Bild” zitiert Reeves u.a. so:
“Ich habe 10 Jahre lang im Hamburger Starclub an der Bar gearbeitet, kannte alle Musiker.”
“1965 habe ich Paul wieder getroffen. Er war gerade frisch getrennt von seiner Freundin Jane Asher und meinte zu mir; Ruth, komm mich doch mal besuchen.”
Das war offenbar das letzte Mal, dass Reeves McCartney getroffen haben will. Aber auch daran stimmt was nicht. Paul McCartney und Jane Asher trennten sich nämlich erst 1968.
Aber so ist das wohl mit historisch belegbaren Fakten. Sie sind eben etwas ganz anderes als nostalgische Erinnerungen einer 66-jährigen Rentnerin aus Hamburg — und Journalismus ist eigentlich etwas anderes als Gefühlsduselei.
Mit Dank an Jörg L. für den sachdienlichen Hinweis.
Drei Autorennamen stehen über dem “Bild”-Bericht vom Bundesligaspiel Schalke 04 gegen Bayern München. Vielleicht ist das nicht genug. Vielleicht wäre einem vierten “Bild”-Reporter aufgefallen, dass Oliver Kahn gar keine gelbe Karte bekommen hat. Oder dem Fünften.
Und auch die beiden Autoren, die in der “Bild am Sonntag” über Real Madrid schrieben, hätten noch einen zusätzlichen Kollegen gebrauchen können, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass der Stürmer Antonio Cassano, der angeblich den Verein demnächst verlassen soll, nicht “erst zu Saisonbeginn” zu Real Madrid kam, sondern schon Anfang des Jahres.
Danke an Alexander J., Michael J., Rene B., Jan J., Patrik R. und Christopher G.!
Mit Kindern und Tieren kannst du nicht verlieren. (“Eherne Regel des Journalismus”, zitiert nach “Der Spiegel”)
Bis vorgestern war die Welt eigentlich noch ganz in Ordnung. Es gab da ein weißes Reh im Hirschgrund bei Oberlungwitz. Eine Seltenheit, ohne Frage, aber allzu große Aufregung gab es nicht. Bloß vereinzelt berichteten Medien über das Albino-Reh, das wohl so um den 25. Oktober zum ersten Mal gesichtet wurde.
Na, wegen “Bild”. Die nahm sich des Themas nämlich am Mittwoch an — auf bewährte Art. Schon auf der Titelseite witterte sie (wie berichtet) einen neuen “Fall Bruno?” und schrieb:
Im Innenteil fand sich die Überschrift:
Neben diese Überschrift platzierte “Bild” ein Foto von Günter Giese, dem Präsidenten des Jagdverbandes Sachsen. “Bild” zitierte ihn mit den Worten:
“Das weiße Reh ist eine Mutation. Und die gehören nicht in die Wildnis, sie müssen geschossen werden.”
Uns sagte Giese zwar, er habe das “so nie” gegenüber der “Bild”-Zeitung gesagt, sondern lediglich geäußert, dass er persönlich ein solches Tier in seinem Jagdrevier nicht dulden würde. Aber darum geht es gar nicht. “Bild” jedenfalls sprach von einem “Abschussbefehl”, den es nicht gibt, und zitierte noch einen Experten, der wegen des Albino-Rehs den Rehbestand gefährdet sah.
In der Folge haben sich auch das Sächsische Umweltministerium, der Naturschutzbund (Nabu) und weitere Experten zu dem Tier geäußert. Die Meinungen gehen auseinander. Jagdpächter Ralf Georgi allerdings, in dessen Revier sich das weiße Reh befindet, bleibt bei dem, was er am Mittwoch schon in “Bild” erklärte:
“Wenn einer in meinem Revier das Reh heimlich schießt, ist das Wilderei. Mich stört das weiße Bambi nicht!”
Damit war eigentlich schon alles über das “Drama” um Rehweißchen gesagt: Es gibt kein Drama, solange Georgi an seinem Entschluss festhält, wie auch Jagdpräsident Giese schon gestern via dpa klargestellt hatte: “Die Entscheidung, [das Reh] zu schießen, liegt einzig bei dem Revierpächter oder -besitzer.”
Immerhin: Diese Information kommt in dem ein oder anderen Medienbericht durchaus vor, allerdings hat sie natürlich kaum eine Chance durchzudringen gegen Überschriften wie “Weißes Reh soll sterben” oder “Tod für ‘Rehweißchen’?”
So geht das eben: “Bild” macht eine Tiergeschichte zur Seite-1-Schlagzeile, spitzt zu, übertreibt, verdreht und schon ist aus der “Bild”-Frage nach dem neuen “Fall Bruno” tatsächlich ein “Fall Bruno” geworden — auch, wenn die beiden Fälle (außer ihrem waidmännischen Sujet) nichts gemeinsam haben. Wahrscheinlich ist man bei “Bild” darauf auch noch stolz.
P.S.: Heute berichtet “Bild” natürlich auch wieder über das weiße Reh. Im Text heißt es unbeirrt, “wie BILD berichtete, will der sächsische Jagdpräsident Dr. Günter Giese (69) das süße Reh abschießen lassen”, und die Überschrift lautet: “Alle wollen weißes Bambi retten”. Nun ja, es müsste nicht gerettet werden, hätte “Bild” es nicht in Gefahr in die Schlagzeilen gebracht.
“Bild” wittert heute einen neuen “Fall Bruno”, weil Jäger ein “süßes weißes Bambi erschießen” sollen. Allerdings, so “Bild”, habe sich bislang “niemand gefunden, der den Herzlos-Befehl ausführen will”. “Bild” meint zu wissen warum:
Und “Bild” glaubt sogar, den Ursprung dieses Aberglaubens zu kennen:
Nun ist ein Hirsch zwar nicht unbedingt ein Reh, und wer weiß schon, ob der Aberglaube tatsächlich auf die Hubertus-Legende zurückzuführen ist, aber sei’s drum. Denn erstens ist es mindestens umstritten, ob Hubertus einem weißen Hirsch begegnete (manche meinen, die Darstellungen von weißen “Hubertus-Hirschen” seien auf die Unkenntnis von Künstlern zurückzuführen). Und zweitens weiß wohl nur “Bild”, was es mit dieser ominösen Lanze auf sich hat, die sich in ein Kruzifix verwandelt haben soll. Eigentlich besagt die Legende nämlich, dass Hubertus gerade auf den Hirsch anlegen wollte, als er entdeckte, dass dieser ein leuchtendes Kreuz zwischen den Geweihstangen trug. Sokannmandasauchüberallnachlesen.
“Jeden zehnten Euro vom Einkommen sparen die Deutschen schon – oft aber falsch!”, stellte die “Bild”-Zeitung gestern fest und leistete ihren Beitrag dazu, dass das so bleibt.
Wer 1000 Euro zu 3,5 bzw. 3,55 Prozent Zinsen anlegt, bekommt nach einem Jahr nicht 1050 Euro bzw. 1055 Euro, wie sie vorrechnete, sondern 1035 Euro bzw. 1035,50 Euro.
Mit dem Geldmarktkonto der Dresdner Bank, das “Bild” empfiehlt, kann man aber trotz 3,5 Prozent Zinsen aus 1000 Euro in einem Jahr nicht 1035 Euro machen — das Angebot läuft nämlich nur bis Ende April, also ein knappes halbes Jahr. Aus 1000 Euro werden in dieser Zeit laut Dresdner Bank 1015 Euro (Stand: heute), eine Verlängerung oder Wiederholung zu diesen Konditionen ist ausgeschlossen.
Danke an Christhart B., Thorsten D., Martin B., Mike S., Frank J., Peter T. und vor allem Janine K.!
Hagen Boßdorf will sich “gegen ‘Bild’ wehren”, berichtet die “Süddeutsche Zeitung”. “Bild” hatte den Sportkoordinator der ARD nämlich am Donnerstag zum “Verlierer des Tages” gemacht und über ihn geschrieben:
In einem “Zeit”-Interview verharmlost er den Blutdoping-Vorwurf gegen Radstar Jan Ulrich: “Was ist schon Doping? Wenn man sich das eigene Blut spritzt? Nee, Pillen und Spritzen, das ist Doping.” BILD meint: Total daneben!
Boßdorf hatte aber lediglich aus der Sicht eines Sportlers sprechen wollen. Das lässt sich nachvollziehen, wenn man die vollständige Passage in der “Zeit” kennt. Sie lautet nämlich:
“Vielleicht gerät man als Radfahrer in so ein Definitionsproblem”, sagt er schließlich. “Was ist schon Doping? (…)”
Allerdings wusste “Bild” das wahrscheinlich gar nicht und kannte nur eine Vorabmeldung der “Zeit”, in der es heißt:
Boßdorf nimmt den unter Blutdoping-Verdacht stehenden Ullrich indirekt in Schutz: “Was ist schon Doping? (…)”
Der ursprüngliche Fehler lag also bei der “Zeit”, die Boßdorf in ihrer Vorabmeldung sinnentstellend zitiert hatte. Und insofern ist “Bild” eigentlich kein Vorwurf zu machen. Außer dem, dass sie spätestens seit gestern weiß, was Boßdorf eigentlich gesagt hat und es heute trotzdem nicht korrigiert hat.
Mit Dank an Stefan J. für den sachdienlichen Hinweis.
Es ist schon oft geschrieben worden, dass die Entertainerin Charlotte Roche von der “Bild”-Zeitung “erpresst” wurde, damals im Jahr 2001, kurz nachdem mehrere Familienmitglieder Roches bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen waren.
Und “Bild” hat es stets bestritten.
Genauer gesagt, hat “Bild” es nicht öffentlich bestritten, als 2003 der Erpressungsvorwurf erstmals öffentlich gemacht wurde (1). Wohl aber, als der “Tagesspiegel” Roches Vorwurf aus dem “Stern” ein Jahr später wiederholte (2). “Bild” setzte eine Gegendarstellung durch, der “Tagesspiegel” präzisierte daraufhin den Erpressungsvorwurf (3), wogegen “Bild” offenbar wiederum nicht vorging. Als allerdings der “Stern” — abermals ein Jahr später — die nunmehr präzisierte “Bild”-Erpressungsversion wiederholte (4), wollte “Bild” auch dies doch wiedernicht hinnehmen.
Seitdem streiten sich “Bild” und “Stern” vor Gericht — zuletzt am gestrigen Montag vor dem Landgericht München I.
“Erpresst die Bild-Zeitung Promis mit Telefonterror?” fragt deshalb heute die “Süddeutsche Zeitung”, beschreibt noch einmal minutiös, wie “Bild” damals, vor inzwischen fast fünfeinhalb Jahren, vorgegangen sein soll und lässt nicht unerwähnt, dass “Bild” die Schilderung falsch und “verheerend” finde.
Das Gericht allerdings zweifelt laut “Süddeutsche” nicht an Roches Schilderung.
Weil sich aber offenbar die zentrale “Stern”-Behauptung (“Die ‘Bild’-Leute riefen bei Viva an”) nicht beweisen lässt, könne das Gericht nicht ausschließen, “dass etwa freie Reporter unter der Flagge des Blattes [“Bild”] segelten”. Es habe daher einen Kompromiss vorgeschlagen:
Der “Stern” dürfe zwar schreiben, dass sich die Anrufer als ‘Bild’-Reporter ausgegeben hätten — aber nicht, dass sie es auch tatsächlich gewesen seien.*
… auch wenn der “Stern”-Anwalt darauf hinwies, dass es unwahrscheinlich sei, “dass acht Trittbrettfahrer sich nacheinander ausgerechnet auf ‘Bild’ berufen würden”.
*) Laut “Süddeutsche” haben die Verlage bis zum 10. November Zeit, dem vom Gericht vorgeschlagenen Kompromiss zuzustimmen, andernfalls wird am 22. November ein Urteil verkündet.