Kommt ein “Bild”-Leser in ein Buchgeschäft: “Ich hätte da gerne diese neue ‘Papst-Bibel’! Hab’ ich heute in der ‘Bild’-Zeitung gelesen, dass die ‘da’ ist.”
Verkäufer: “Sie meinen die Benedikt-Bibel von ‘Bild’ und dem Verlag Herder?”
“Bild”-Leser: “Was weiß denn ich… Steht doch hier groß (tippt auf die mitgebrachte Titelseite, siehe Ausriss): ‘Ab heute im Handel’!”
Zufällig anwesender Presserat: (vernuschelt) “Ist das nicht Schleichwerbung?”
Verkäufer: “Was steht da? ‘Ab heute im Handel’?! Wie kommen die bei “Bild” denn darauf? Die Bibel gibt’s doch schon seit letzten Freitag. Standdochauchüberall, dass die… (blättert mit Lesebrille in Unterlagen) …ja, sehen Sie hier, die Pressemitteilung von Springer: ‘Am 29. Juni 2007 erscheint die neue limitierte Bibel-Edition von Europas größter Tageszeitung BILD.’ Und warten Sie mal, ich habe da so ein Déjà Vu — als hätte das auch selbst schon letzten Monat in ‘Bild’ gelesen.”
Zufällig anwesender Presserat:(aufgeregt am Mobiltelefon) “Was…? Doch, doch: Letzten Monat auch schon…!”
“Bild”-Leser: “Ja, und was is’ nun mit meiner ‘Papst-Bibel’?”
Verkäufer: “Na, ich schau mal, ob ich noch eine für Sie bestellen kann. Ist ja schließlich (tippt auf die mitgebrachte “Bild”-Zeitung, siehe Ausriss) ‘streng limitiert’, das Ding. Versprechen kann ich also nichts. Sind halt auch ein bisschen spät dran heute…”
Mit Dank an Norman S. für den Hinweis und den Verlag Herder für die Bestätigung.
Es stimmt, Kanzlerin Angela Merkel und Altkanzler Gerhard Schröder trafen sich gestern Abend auf einem Sommerfest. Er trank Rotwein, sie Weißwein, und die beiden plauderten ein wenig. Es gibt Fotos dieser Begegnung, von denen “Bild” heute eines auf der Seite 1 zeigt:
Anders, als “Bild” schreibt, fand die Begegnung jedoch nicht “auf dem Sommerfest des Magazins ‘Focus’ im Kulturzentrum am Spreeufer” statt, sondern auf dem Hoffest der SPD-Bundestagsfraktion, wie andereMedieneinmütigberichten.
Schröder war auch gar nicht auf dem “Focus”-Sommerfest, wie man uns bei Burda Media bestätigt. Dafür aber Merkel — sowie Verlegerin Friede Springer und Springer-Vorstand Mathias Döpfner.
Mit Dank an fritzali für den sachdienlichen Hinweis.
Der SV Werder Bremen hat gestern die neuen Trikots für die Bundesliga-Saison 2007/2008 vorgestellt, und “Bild” berichtet heute:
Im oliv-grünen Bundeswehr-Farbton wollen die Bremer die Super-Bayern im Titel-Kampf attackieren. Das Papagaien-Trikot (orange-grün) wurde aussortiert. Jetzt greift Werder in Tarnfarben an!
Das kann man mit viel gutem Willen so sehen. Allerdings hätte Werder dann in der letzten Saison im schwarzen Trikot angegriffen und in der Saison 2005/2006 im grau-roten. Bei dem oliv-grünen Trikot handelt es sich nämlich lediglich um das “Eventoutfit”. Normalerweise spielt Werder Bremen in der kommenden Saison jedoch in traditionellem Grün (“Heimoutfit”) oder, statt in Orange-Grün, in Grün-Weiß (“Auswärtsoutfit”). Komisch, dass man das bei “Bild” nicht weiß. Was Trikots angeht, ist “Bild” doch sonst immer sogutinformiert.
Mit Dank an Matthias M. für den sachdienlichen Hinweis.
Wir wissen nicht, ob der Autor oder die Autorin der heutigen “Bild”-Meldung zum gestrigen “Red Hot Chili Peppers”-Konzert in Hamburg (siehe Ausriss)schon früh gegangen oder während des Konzerts weggedöst ist* und sich dann in weiten Teilen auf einen dpa-Korrespondenten-Bericht vom vergangenen Samstag verlassen hat, der sich mit dem Konzert in München beschäftigte. Jedenfalls steht in der “Bild”-Hamburg unter der Überschrift “Red Hot Chili Peppers im HSV-Hexenkessel”:
Nach “Can’t Stop” jagte ein Highlight das nächste — inklusive “Califor[n]ication” und “Under The Bridge”. (…) BILD-Urteil: Selber schuld, wer nicht da war. Denn das, was die Band um Sänger Anthony Kiedis da hingelegt hat, war Konzert-Kunst vom Feinsten.
Nun ja, was das Urteil angeht, kann man selbstverständlich unterschiedlicher Meinung sein. Im Gästebuch der deutschen Homepage der “Red Hot Chili Peppers” zeigen sich viele Fans, die beim Konzert dabei waren, ziemlich enttäuscht. Das Konzert wurde vielfach als zu kurz empfunden, Sänger Anthony Kiedis wird als “bocklos” beschrieben und habe sich schon früh von der Bühne verabschiedet. Anderen Fans gefiel das Konzert aber auch. Absolut einig sind sie sich jedoch alle insofern, als die Band weder “Californication” noch “Under The Bridge” gespielt hat.
Mit Dank an Mirko M., Florian F. und Leif U. für die Hinweise.
*) Ähnlich ging es uns übrigens bei einer dpa-Meldung zum Hamburger Konzert, in der es heißt, “auch mit älteren Hits wie ‘Californication’ heizten sie den jubelnden Hanseaten ein”. Bei dpa begründete man uns das auf Nachfrage mit einem “Übermittlungsfehler”. Mittlerweile hat dpa eine “Zusammenfassung” herausgegeben, die die ursprüngliche Meldung korrigiert, und in der es nun heißt, “Mit Songs wie ‘Snow (Hey Oh)’ oder ‘Dani California’ heizten sie den jubelnden Hanseaten ein.”
Nachtrag, 3.7.(mit Dank an Nico M.): “Bild”-Hamburg korrigiert ihren Fehler zwar heute in einer eigenen Meldung und bittet sogar “um Entschuldigung”. Allerdings wird man das Gefühl nicht los, dass sie den Red Hot Chili Peppers auch eine Mitschuld für den Fehler gibt, weil die sich nicht an die “Playlist” hielten, die “Bild” vorlag, und das Konzert erst “nach Redaktionsschluss” beendeten.
Das Auswärtige Amt hat sich nach einem Bericht des “Spiegels” bei den türkischen Behörden darüber beschwert, dass sie ein Interview mit dem 17-jährigen Marco W. zugelassen haben, der in der Türkei in Untersuchungshaft sitzt. Weder der Jugendliche selbst noch sein türkischer Anwalt noch seine Eltern seien vorher um Genehmigung gebeten worden. Mit einigen veröffentlichten Äußerungen habe sich Marco W. möglicherweise selbst belastet.
Das Interview hatte die türkische Zeitung “Hürriyet” für “Bild” geführt. Es war, wie berichtet,offenbar erst auf Druck von*nach einem Gespräch mit “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann zustande gekommen.
[An manchen Tagen, nicht oft, sind sogar wir überrascht über die Chuzpe, mit der die “Bild”-Redaktion ihre Leser gezielt desinformiert. Heute ist so ein Tag.]
Aber die gute Nachricht zuerst. Die so genannte Dachzeile immerhin (also das, was über der großen Überschrift auf Seite 2 der heutigen “Bild”-Zeitung steht), die stimmt:
Der Wirbel bestand darin, dass “Bild” gestern (wie berichtet) in großer Aufmachung Auschnitte aus einem Video gezeigt und behauptet hatte, es sei “jetzt bekannt geworden”, obwohl die Aufnahmen schon — wie sogar “Bild” selbst wusste, aber verschwieg — seit 2003 bekannt waren. Vielleicht bestand der Wirbel auch darin, dass zunächst die Nachrichtenagentur dpa und dann auch alle möglichen anderen Medien (wie andernorts berichtet) auf eigene Recherchen verzichtet und die “Bild”-Behauptung (“Todes-Video aufgetaucht!”) nachgebetet hatten, um sich im Laufe des Tages peu á peu eines Besseren belehren lassen zu müssen.
Insofern — und damit zur schlechten Nachricht — ist bereits die heutige Seite-2-Überschrift unter der “Wirbel”-Dachzeile eine Frechheit:
Frech an dieser Frage ist nicht nur, dass “Bild” gar keinen Versuch unternimmt, sie zu beantworten. Frech ist an der Frage vor allem, dass sie sich gar nicht beantworten lässt, weil — wie gesagt — das Video gar nicht “unbekannt”, äh, blieb. Es war vielmehr, wie “Bild” immerhin gestern noch wusste, “Bestandteil der Ermittlungsakte” zu Möllemanns Tod.
Aber es geht noch frecher. “Bild” schreibt heute nämlich:
Nachdem BILD die letzten Bilder des FDP-Rebellen bei seinem Todessturz (Juni 2003) veröffentlichte, meldete sich gestern ein Mitglied aus Möllemanns Fallschirm-Verein in Marl (NRW):
Dave Littlewood behauptet, er habe das der Öffentlichkeit bislang unbekannte Video vor vier Jahren gedreht. Auch die Staatsanwaltschaft Essen meldete sich zu Wort.
Diese Sätze sind absurd. Der Fallschirmspringer Dave Littlewood “behauptet” nicht, er habe, sondern Dave Littlewood hat. Gestern noch hatte “Bild” geschrieben: “Dave L., einer der mitgesprungenen Fallschirm-Kameraden, filmte Möllemanns Todessprung mit einer Kamera.” Zudem ist Littlewood als Urheber des Videos seit Möllemanns Tod bekannt. Das ist auch unstrittig. Selbst “Bild” schrieb am 16. Juni 2003: “Dave Littlewood, einer der mitspringenden Kameraden, filmt das Geschehen mit einer Videokamera.”
Insofern “meldete” sich Littlewood gestern aus gutem Grund. Er wehrt sich nämlich gegen den Verdacht, er habe “Bild” das Video zugespielt: “Ich habe (…) niemandem die Erlaubnis zur Veröffentlichung gegeben”, sagte er “Spiegel Online” und prüfe deshalb rechtliche Schritte gegen “Bild”.
Infamerweise zitiert “Bild” heute sogar selbst aus dem “Spiegel Online”-Bericht, verschweigt den “Bild”-Lesern jedoch dessen Anlass. (Die “Spiegel Online”-Überschrift lautete: “Videofilmer erwägt rechtliche Schritte gegen ‘Bild'”). Dass sich die Staatsanwaltschaft Essen ihrerseits nur deshalb zu Wort “meldete”, um zu erklären, dass das Video längst bekannt bzw. bereits 2003 ausgewertet worden sei, weshalb sich aus der gestrigen Veröffentlichung durch “Bild” auch “keine neuen Erkenntnisse” ergäben — das steht ebenfalls nicht in der “Bild”-Zeitung. Die beantwortet stattdessen lieber “die wichtigsten Fragen”…
Ach ja, eine dieser Fragen lautet: “Wie reagiert Möllemanns Familie?” Als Antwort zitiert “Bild” einen Vertrauten der Möllemann-Witwe:
“Es wird keine Äußerung seitens der Familie geben. (…) Der Schmerz hat sehr tief gesessen.”
Ob es sich dabei vielleicht um den Schmerz darüber handelt, dass “Bild” ohne triftigen Grund und ohne irgendeinen tatsächlichen Erkenntnisgewinn Ausschnitte aus einem Video in die Öffentlichkeit zerrte, das den verstorbenen Ehemann unmittelbar vor dessen mutmaßlichen Selbstmord zeigt, lässt “Bild” übrigens offen.
Die heutige “Bild”-Titelschlagzeile ist groß und vielversprechend:
Und auf Seite 2 heißt es dann:
Was “Bild” heute zu dieser Schlagzeile bewogen hat, ist völlig unklar. “Bild” schreibt:
Welches Geheimnis auch immer Möllemann mit ins Grab nahm: ES MUSS SELBSTMORD GEWESEN SEIN!
Nur diesen einen Rückschluss lässt ein Video zu, dass jetzt bekannt geworden ist.
Dave L., einer der mitgesprungenen Fallschirm-Kameraden, filmte Möllemanns Todessprung mit einer Kamera. Das Video, dass auch Bestandteil der Ermittlungsakte war, liegt BILD vor. Es dauert 15 Minuten und 41 Sekunden.
AUS DEM FILM ERGEBEN SICH KLARE HINWEISE, DASS DER FDP-REBELL DEN FREITOD SUCHTE (…).
Um es also ganz klar zu sagen: Aufgetaucht ist das Video nun offenbar in der “Bild”-Redaktion, die es sich vier Jahre, nachdem es die Staatsanwaltschaft auswertete, angeschaut hat — und nun, anders als die Staatsanwaltschaft vor vier Jahren, noch einmal wild drauflosspekuliert.
Und das, obwohl doch “Bild” selbst schon am 16. Juni 2003, wenige Tage nach Möllemanns Tod, (wie viele, viele andere Medien auch) auf Seite 2 unter der Überschrift “Möllemann stürzte mit ausgebreiteten Armen in den Tod — Der Video-Beweis” über das Video berichtet hatte. Damals hieß es in “Bild”:
Es gibt kaum noch einen Zweifel: Jürgen W. Möllemann verübte Selbstmord! Neue Zeugenaussagen und das Video eines Fallschirmspringers sprechen dafür, dass der Politiker am 5. Juni freiwillig in den Tod sprang. Die Staatsanwälte können den Todessprung jetzt genau rekonstruieren (…). Dave Littlewood, einer der mitspringenden Kameraden, filmt das Geschehen mit einer Videokamera. (…)
Heute nun endet der “Bild”-Bericht mit den zynischen Worten:
Jetzt endlich, nach vier Jahren, findet die Akte Möllemann ihren Frieden.
“Frieden”? Nun ja. Auf Sueddeutsche.de beispielsweise heißt es unter Berufung auf “Bild”:
Aber auch “Spiegel Online”, FAZ.net, Focus.de* und viele andere halten es für sinnvoll, die Spekulationen der “Bild”-Zeitung mehr oder weniger distanz- und kopflos weiterzuverbreiten. Zuvor hatte die Nachrichtenagentur dpa in einer in sich widersprüchlichen Meldung fälschlicherweise behauptet, “Bild” habe “ein weiteres [sic] Amateur-Video” von Möllemanns Tod veröffentlicht.
Dpa berichtet jedoch inzwischen auch:
Die Staatsanwaltschaft Essen sieht nach einem neuen Bericht über ein Video vom tödlichen Fallschirmabsturz des früheren FDP-Politikers Jürgen Möllemann keine neuen Erkenntnisse. Das Video sei bereits im Ermittlungsverfahren zum Tod Möllemanns ausgewertet und anschließend dem Eigentümer zurückgegeben worden (…).
PS: Hans Leyendecker schrieb 17. Juni 2003 in der “Süddeutschen Zeitung”: “Die Bekannten jenes Springers, der Möllemanns Ausstieg aus der Maschine festhielt, gehen davon aus, dass dieser auch mit Rücksicht auf die Familie den Film mit den letzten Sequenzen nicht verkaufen wird.”
*) Nachtrag, 14 Uhr: Nur der Vollständigkeit halber wollen wir hier noch einmal dokumentieren, was der “Focus” (25/2003) vor vier Jahren exklusiv berichtete:
Das letzte Video. Die Tragödie filmt Sprungkamerad Dave Littlewood, der an jenem Donnerstag als Letzter die Propellermaschine verlässt. Sein Video soll nun die Frage klären: Freitod oder Unfall? Immer wieder schaut sich der Essener Oberstaatsanwalt Wolfgang Reinicke den Film an, seziert Standbild für Standbild. “Alles normal, nichts Ungewöhnliches zu entdecken.” Der Fokus des Hobbyfilmers richtet sich zunächst auf einen Tandemsprung. Noch ist alles wie immer. Doch plötzlich zeichnet sich im Hintergrund die Katastrophe ab. Der blau-gelbe Schirm mit den Initialen JWM löst sich – ein Körper schießt in die Tiefe. “Weit im Hintergrund ist er auf dem Video zu erkennen. Als kleines schwarzes Pünktchen”, so Ermittler Reinicke. Nichts deutet auf Unfall hin. Ein Beleg für Manipulation fehlt. “Wir schließen aus, dass jemand vor dem Sprung auf Möllemann oder den Schirm eingewirkt hat”, konstatiert der Oberstaatsanwalt. (…) Nur 20 Sekunden nach dem Aufprall ist Bleckmann beim aufgeplatzten Körper seines Kameraden Jürgen. Die anderen Kollegen schreien: “Warum hier, warum hat er das getan?” Die Uhr zeigt 12.38 Uhr.
Nachtrag, 15.30 Uhr: In einem zweiten Artikel zitiert “Spiegel Online” (Überschrift: “MÖLLEMANNS TODESSPRUNG — Videofilmer erwägt rechtliche Schritte gegen ‘Bild'”) nun den Urheber des Möllemann-Videos, Dave Littlewood, der es nach eigenen Angaben “an einem sicheren Ort aufbewahrt” habe:
Ich habe dieses Video nicht freigegeben und habe niemandem die Erlaubnis zur Veröffentlichung gegeben. (…) Es wurde im Juni 2003 von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. (…) Nach circa vier bis sechs Wochen erhielt ich eine Kopie zurück. Das Original hat die Staatsanwaltschaft behalten.
Die Staatsanwaltschaft Essen hingegen gibt laut “Spiegel Online” an, Littlewood das Original zurückgegeben zu haben. Und Littlewood prüfe nun wegen der Veröffentlichung rechtliche Schritte gegen “Bild”. Vom Verlag Axel Springer gebe es bislang keine Stellungnahme.
Nachtrag, 17 Uhr: Inzwischen hat sich Springer offenbar geäußert. In einer aktualisierten (und um kleine Fehler bereinigten) Fassung des “Spiegel Online”-Artikels heißt es: “Ein Sprecher des Verlags Axel Springer teilte auf Anfrage (…) mit: ‘Unsere Quelle hat uns vertraglich zugesichert, dass die Rechte an besagtem Video bei ihr liegen und sie darüber verfügen kann.'”
Deutschland vor einem Jahr. Erinnern Sie sich? Wir waren schwarz-rot-geil, wegen der Hitze wollten alle einander nur noch duzen, und die “Bild”-Zeitung machte mit dem Angebot auf, für 99 Cent bei Lidl ein “köstliches Grafenwalder Premium-Pils”, “eine große Tüte knackige Erdnuß-Flips” und eine Deutschland-Fahne zu bekommen. “WM-Knaller” hieß es. Alle waren ganz besoffen vor Glück, und der Presserat erklärte Beschwerden über die Aktion, die Verbraucherschützer einen “besonders krassen Fall von unlauterer Werbung” nannten, kurzerhand für “offensichtlich unbegründet”.
Doch auch der geilste Sommer endet irgendwann, und ein hartnäckiger Beschwerdeführer legte beim Presserat Widerspruch gegen die Entscheidung ein. Er wies das Gremium auf diverse rechtsgültige Urteile in Sachen Schleichwerbung hin und erwähnte das Schleichwerbungsverbot im Gesetz. Eine relevante Täuschung liege bereits vor, wenn dem Leser eine entgeltliche Anzeige als redaktioneller Beitrag präsentiert werde, argumentierte er; Anzeigen müssten sich in Stil und Aufmachung von redaktionellen Beiträgen absetzen.
Das muss den Presserat irgendwie beeindruckt haben. Es wurde Herbst, und der Beschwerdeausschuss beschloss, die Sache zu behandeln. Es wurde Winter, und der Beschwerdeausschuss beschloss, die Sache doch lieber an das Plenum des Presserates abzugeben. Es wurde Frühling, und das Plenum des Presserates beschloss, die Beschwerde wieder an den Beschwerdeausschuss zurückzugeben.
Und nun ist es wieder Sommer, und der Beschwerdeausschuss hat sich zu einer Entscheidung durchgerungen. Sie ist einstimmig gefallen und lautet: “Bild” hat mit der Veröffentlichung gegen die Ziffern 6 und 7 des Pressekodex verstoßen.
Nach Meinung des Gremiums gerät im vorliegenden Fall das Ansehen der Presse (Ziffer 6 des Pressekodex) in Gefahr, wenn eine werbliche Veröffentlichung, die redaktionell gestaltet ist, den redaktionellen Aufmacher auf der Titelseite ersetzt. Der Leser erwartet dort weder einen Eigenmarketingbeitrag noch Werbung.
Dadurch, dass an einer Stelle, an der sonst redaktionell berichtet wird, ein Eigenmarketingbeitrag veröffentlicht wurde, wird zudem die in Ziffer 7 des Pressekodex geforderte klare Trennung von Werbung und Redaktion aufgehoben.
Eine klare Kennzeichnung als “Anzeige” habe gefehlt.
Noch im Jahr 2004, als “Bild” mit Lidl in ähnlicher redaktioneller Aufmachung wie den “WM-Knaller” auf Seite eins einen “Sommer-Knaller” anbot (“Doppelschlecken” / “Heute Eis für alle — Eins kaufen, eins geschenkt!”), hatte der Presserat anders entschieden. Damals urteilte das Gremium, es sei “klar erkennbar, dass es sich bei dem Beitrag nicht um eine redaktionelle Berichterstattung, sondern um reine Werbung handelt”.
Weil der Presserat jetzt von der “bisherigen Spruchpraxis” abwich, konnte er wegen der “WM-Knaller”-Schleichwerbung keine Rüge, sondern nur einen “Hinweis” aussprechen.
Die Pressestelle der Axel-Springer-AG hat die Öffentlichkeit im vergangenen Jahr in einer Pressemitteilung informiert, dass die Beschwerde gegen die “Bild”-Lidl-WM-Aktion als “offensichtlich unbegründet” zurückgewiesen worden sei. Die Information, dass der Presserat sein Urteil jetzt revidiert hat, scheint nicht ganz so dringlich zu sein.
“Erste Eindrücke sind immer die besten”, schreibt bild.de und schwärmt in den höchsten Tönen von der neuen C-Klasse von Mercedes Benz.
“Falsche Eindrücke sind immer die peinlichsten”, hätte der Satz auch lauten können, denn von den elf Bildern in der dazugehörigen Galerie zeigen ganze drei (Nr. 1, 7 und 8) die neue C-Klasse. Auf allen anderen ist das Vorgängermodell abgebildet, wie man uns bei Daimler Chrysler bestätigte.
Auch das gewaltige Aufmacherbild zeigt die alte C-Klasse:
(Übrigens ist auch ein Multifunktionslenkrad, das laut bild.de nur im C 320 CDI und im C 350 vorhanden sein und sonst 119 Euro Aufpreis kosten soll, laut Mercedes-Preisliste serienmäßig — den Aufpreis kostet nur das “Komfort-Multifunktionslederlenkrad”. Und der C 350 hat keinen V8-Motor, sondern einen V6-Motor.)
Vielen Dank an Matthias B., Dominik R., Jesko S., Andreas W., Thomas N., Torben F., Daniel B., U. P., Christian R. und Markus K. für die Hinweise!
Die “Bild”-Zeitung hatte gestern, was viele deutsche Medien gerne gehabt hätten: ein Interview mit dem 17-jährigen Marco W., der in einem türkischen Gefängnis sitzt, weil ihm vorgeworfen wird, ein 13-jähriges Mädchen sexuell missbraucht zu haben. Geführt hat es nicht “Bild” selbst, sondern ein Reporter der türkischen Zeitung “Hürriyet”, mit der der Verlag Axel Springer geschäftlich verbunden ist und in deren Beirat “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann sitzt.
Und wie kam es dazu, dass ausgerechnet “Bild” diesen Scoop landen konnte? Der ARD-Korrespondent in der Türkei, Peter Althammer, beschrieb die Hintergründe gestern im Magazin “Brisant” so: Diekmann habe beim “Hürriyet”-Chefredakteur angerufen und das Schlagwort “Midnight-Express” fallen lassen — der Titel eines berühmten Hollywood-Filmes, der die schlimmen Verhältnisse in türkischen Gefängnissen extrem dramatisch schilderte. Offenbar war das wie eine Drohung zu verstehen: Die “Bild”-Zeitung könnte massiv in dieser für die Türkei unliebsamen Richtung berichten.* Jedenfalls sprach der “Hürriyet”-Chefredakteur daraufhin nach eigenen Angaben persönlich mit dem türkischen Justizminister und dem Ministerpräsidenten und bekam die Möglichkeit, das Exklusiv-Interview mit dem 17-jährigen für seine Zeitung und für “Bild” zu führen.
Solche Deals haben oft ihren Preis, nicht immer einen finanziellen. Im konkreten Fall mutmaßt Althammer, Marco W. und das Interview könnten von der türkischen Regierung dafür instrumentalisiert werden, die Haftumstände besonders rosig zu malen. Filmaufnahmen des Interviews zeigten, wie ihm “fast demonstrativ” Speisen auf einem Tablett gereicht wurden. Der deutsche Anwalt von Marco W. äußerte bereits den “ganz stillen Verdacht, dass nun die Zustände besser gemacht werden sollen als sie sind”.
Schwer zu sagen, ob das so ist. Aber es fällt auf, wie sich seit dem Interview auch die Berichterstattung in “Bild” geändert hat. Am vergangenen Samstag und Montag nannte “Bild” das Gefängnis den “Horror-Knast”. Gestern, am Tag nach dem Interview, fehlte dieser Begriff; heute spricht “Bild” ausdrücklich vom “angeblichen ‘Horror-Knast'”.
Am Samstag schrieb “Bild”:
Er muss sich mit 30 ausländischen Gefangenen eine Zelle teilen, eine Dusche, eine Toilette. Nur einmal pro Woche darf der Schüler für zehn Minuten seine Mutter sehen. Durch Panzerglas. Sie weint vor Verzweiflung.
Am Sonntag schrieb die “BamS”:
“Marco geht es seelisch sehr schlecht. Er ist körperlich gezeichnet, zittrig, nervös, leidet an Schlafentzug”, so sein Vater.
Heute zitiert “Bild” den “Hürriyet”-Reporter wie folgt:
“Ich war erstaunt. Marco sah zufrieden aus. (…) Hin und wieder lachten wir sogar über das, was er sagte. (…)
Marco erzählte von der Zellendusche ohne Duschkopf. ‘Wir seifen uns ein, kippen uns das Wasser mit einem Eimer über den Kopf. Es gibt nur kaltes Wasser. Da wir Sommer haben, ist es sehr angenehm. Die Dusche ist von 7 bis 20 Uhr geöffnet (…)
Und das Knastessen? ‘Es wäre prima, wenn es mal Pommes und Steak gäbe!’ (…)”
Na, das klingt ja ganz lauschig. Schwer vorstellbar, dass “Bild”-Chef Diekmann noch vor wenigen Tagen irgendwelche Assoziationen an “Midnight-Express” gehabt haben soll.
*) Korrektur, 10. Juli: Die “Brisant”-Version der Ereignisse, auf die wir uns teilweise gestützt haben, ist höchst problematisch. Ob Kai Diekmann gegenüber dem “Hürriyet”-Chefredakteur Ertugrul Özkök den Begriff “Midnight Express” benutzt hat, ist zumindest unbewiesen. In dem “Hürriyet”-Artikel, auf den sich ARD-Korrespondent Althammer bezieht, sagt Özkök zwar, er habe mit Diekmann gesprochen. Die Film-Assoziation bringt er aber selbst ins Spiel: “Ich hatte die Befürchtung, dass sich diese Angelegenheit zu einem neuen ‘Midnight Express’ entwickeln könnte.”