“Zum umstrittenen Nazi–Vergleich der TV-Moderatorin Eva Herman erreichten die BILD-Redaktion Tausende Leserbriefe”, heißt es heute in der “Bild”-Zeitung. Neun dieser Leserbriefe druckt sie ab (online sind es elf) und schreibt: “Hier ein Querschnitt der überaus unterschiedlichen Meinungen”.
Ingrid Böger aus Buchholz schreibt zum Beispiel:
Recht hat sie, die Frau Herman! Wie war es denn damals im Dritten Reich? Die Mütter als Garantie für heile Familien, genau so wie auch der Bauernstand. Und heute? Scheidungskinder, Schulversager und Gammelfleisch. Damals unmöglich!
Elfriede Hoppe aus Achim meint:
Unsere Mütter haben damals in erster Linie ihre Kinder erzogen — und das gut! Wir kamen aus der Schule, das Mittagessen war fertig. (…) Wir hatten Respekt vor unseren Eltern und vor alten Leuten. Die Verbrecherrate war nicht so hoch wie jetzt.
Und Georg Maget aus Sprockhövel erinnert sich:
Ich lebte zur damaligen Zeit in einer Großfamilie: (…). Mein Vater war arbeitslos. Er hat durch den Bau der Autobahn wieder Arbeit bekommen.
Mit Dank an Johannes K. für den sachdienlichen Hinweis.
Wenn wir schlau gewesen wären, hätten wir zu den Dreharbeiten von unserem Werbespot mit Anke Engelke und Christoph Maria Herbst eine richtige Videokamera mitgenommen und nicht nur unsere kleinen Fotoapparate, um ein bisschen hinter den Kulissen zu filmen. Und wenn wir richtig schlau gewesen wären, hätten wir sogar jemanden gefragt, der sich mit sowas auskennt.
Den Kollegen von WatchBerlin ist es dennoch gelungen, aus unserem sehr rohen Rohmaterial eine Art Making-of zu machen:
Zugegeben, er ist ein bisschen unübersichtlich, der Modus, nach dem seit drei Jahren im Uefa-Cup gespielt wird. Aber wenn man so großkotzig titelt…
…wär’s natürlich schon schön, wenn man ihn wenigstens selbst verstanden hätte.
“Bild” “erklärt” den Bayern den “Cup der Verlierer” im Kindergartenton (“Liebe Bayern, da ihr ja sooooo lange nicht dabei wart, erklärt BILD euch noch mal…”) unter anderem wie folgt:
Aber Achtung! Die 2. Runde besteht aus einer Gruppenphase: Dort spielt nicht jeder gegen jeden in der 5er-Gruppe. Es gibt nur zwei Heim- und zwei Auswärtsspiele.
Im Achtelfinale warten alte Bekannte auf euch. Da kommen nämlich die Gruppen-Dritten aus der Champions League dazu.
Das ist gleich doppelt falsch. Erstens spielt in der Gruppenphase sehr wohl jeder gegen jeden — es gibt nur keine Rückspiele*. Und zweitens kommen die Gruppen-Dritten aus der Champions League nicht erst im Achtelfinale, sondern schon in der Zwischenrunde dazu. Dieses sogenannte “Sechzehntelfinale” unterschlägt “Bild” aber komplett.
*) In einigen Ausgaben der gedruckten “Bild” ist dieser Fehler korrigiert und das Wort “nicht” gestrichen.
Danke an Jojo und die vielen anderen Hinweisgeber!
Noch bevor heute um elf Uhr der Prüfbericht des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) offiziell vorgestellt wurde, hatte “Bild” schon in ihm, nun ja: geblättert und eine riesige Titelgeschichte daraus gemacht (siehe Ausriss).
Die Zeitung zitiert einige schockierende Fakten aus dem 212 Seiten langen Bericht. Genauer: von den Seiten 66 und 67. Zum Beispiel diese:
In Heimen wird jeder dritte Patient (35,5 %) nicht häufig genug umgebettet. Folge: Er liegt sich wund (Dekubitus). (…)
Jeder dritte Pflegefall (…) bekommt nicht genug zu essen und zu trinken! Grund: Zeitnot. Dass die Pflegebedürftigen rapide an Gewicht verlieren, stellt das Pflegepersonal angeblich nicht fest.
Um mit der guten Nachricht anzufangen (die für alle Betroffenen eine schlechte ist): die Zahlen stimmen. Aber eben nur die Zahlen an sich.
Zum Dekubitus heißt es im Bericht des MDS ausdrücklich:
Bei 35,5 % der Personen bestanden Defizite. Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein Dekubitus entstanden sein muss. Gemeint ist vielmehr u.a., dass ein Dekubitusrisiko nicht ermittelt oder nicht erkannt worden ist, dass keine prophylaktischen Maßnahmen geplant oder keine entsprechenden Hilfsmittel eingesetzt worden sind.
(Alle Hervorhebungen von uns)
Der Anteil der Patienten, bei denen solche Defiziten bei der Prophylaxe gegen das Wundliegen bestanden, ist sicherlich schockierend hoch. “Bild” unterschlägt aber, dass diese Anteil gegenüber der letzten Studie deutlich gesunken ist: um über sieben Prozentpunkte.
Zur Ernährung steht im Bericht:
Bei 65,6 % der im 1. HJ 2006 in die Prüfung eingezogenen Bewohner lagen bei der Ernährung und Flüssigkeitsversorgung keine Qualitätsprobleme vor. Bei 34,4 % der Personen wurden Mängel festgestellt. Auch hier sind diese Mängel nicht unbedingt gleichbedeutend mit einer eingetretenen Unterernährung oder einer Dehydratation.
Eine Einschränkung, die “Bild” ebenso unterschlägt wie den Hinweis, dass sich der Anteil der Defizite sowohl in der stationären als auch in der ambulanten Pflege verringert hat. Und das gilt (wenn auch in einem Fall nur um 0,1 Prozentpunkte) für jede einzelne Zahl, die “Bild” heute präsentiert. “Bild” schreibt:
Ihren letzten Pflege-Prüfbericht hatten die Krankenkassen 2004 vorgelegt. Schon damals eine Bilanz des Grauens!
Geändert hat sich wenig.
Nun könnte man über die Bedeutung des Wörtchens “wenig” sicherlich lange diskutieren und beim Thema Pflege ist wohl jedes “Defizit” eines zuviel. Allein: “Bild” reduziert die durchaus vorhandene Verbesserung der Situation auf einen Satz mit vier Wörtern.
Entsprechend verärgert war man beim MDS über die eigenwillige Interpretation der “Bild”-Zeitung seines Berichts, die von fast allen Nachrichtenagenturen unter Überschriften wie “‘Bild’: Neuer Prüfbericht der Krankenkassen deckt Pflege-Skandal auf” verbreitet wurden, bevor der MDS widersprechen konnte. “Spiegel Online” zitiert den MDS-Geschäftsführer Peter Pick mit den Worten:
“Im Vergleich zum ersten Bericht vor drei Jahren gibt es bei allen Versorgungskriterien Verbesserungen.”
“Bild”-Leser können das nicht einmal ahnen.
Danke an Michael R., Florian S., Jenny R., Benjamin S. und Susann für die sachdienlichen Hinweise.
Angefangen hat die “Bunte”. Sie berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe, Xavier Naidoo habe sich “heimlich” von seiner Lebensgefährtin getrennt.
Warum diese Information für einen ganzseitigen Artikel taugt, wird nicht ganz klar, denn die “Bunte” selbst bemerkt, dass der Sänger von seiner Partnerin “bereits seit Längerem getrennt” sei. Das Magazin müsste sogar grob wissen, was “seit Längerem” bedeutet, denn es zitiert aus einem Interview, in dem sich Naidoo über die Trennung äußert. Es ist (was die “Bunte” verschweigt) vom November 2005. Der ORF gab damals die Meldung heraus: “Xavier Naidoo trennt sich von Freundin / ‘Ja, ich habe mich nach 11 Jahren von meiner Freundin Steffi getrennt'” — soviel zum Thema “heimlich”.
Eine irreführende, alte, groß aufgeblasene Meldung über das Privatleben eines Prominenten, der eigentlich nicht über sein Privatleben reden will? Das ist doch unser Spezialgebiet, mag man sich bei der “Bild”-Zeitung gedacht haben, legt heute nach und lenkt von der dicken Schicht Staub auf der Nachricht durch die hübsche Formulierung ab:
Jetzt wurde bekannt: …
“Bild” verkürzt (aus unbekannten Gründen) die frühere Beziehung von mindestens elf auf fünf Jahre und suggeriert (aus naheliegenden Gründen), dass die Trennung nicht lange her sein kann, denn:
Lange allein war Xavier Naidoo nicht — er hat schon eine neue Freundin!
“Schon” hier also im Sinne von “nach nicht einmal zwei Jahren”. (Die “Bunte” hatte “längst” geschrieben.)
Danke an Annabell, Nicole, Ollewa B., Adrian J., Sascha G. und Michaela B. für die sachdienlichen Hinweise!
“Das ist ein gut gemachter Spot, natürlich haben wir auch darüber gelacht. Er lebt aber von dem alten Vorurteil, BILD würde lügen — was durch eine witzige Wiederholung jedoch auch nicht wahrer wird.”
Als Service für Herrn Meyer-Bosse (und unsere Leser) haben wir eine kleine, unvollständige Auswahl von “Bild”-Lügen aus den vergangenen zwei Jahren zusammengestellt, der Übersicht halber grob in zehn Kategorien unterteilt:
Mittwochvormittag. In Worms wird ein Mann in seiner Wohnung erschossen, offenbar von einem Polizisten.
Mittwochabend. Das Siegel an der Wohnungstür, mit dem die Polizei den Tatort gesichert hat, wird von Unbekannten gebrochen.
Donnerstag. In der “Bild”-Zeitung erscheint ein großes Foto aus dem Inneren der Wohnung, das den blutverschmierten Tatort zeigt (siehe Ausriss).
Soweit die Chronologie.
Die “Wormser Zeitung” und andereMedien berichten, dass die zuständige Staatsanwaltschaft in Mainz ein Ermittlungsverfahren wegen Siegelbruch eingeleitet habe.
Auf Nachfrage erklärt uns der Leitende Oberstaatsanwalt Klaus Puderbach heute, dass er natürlich nicht sagen könne, ob die “Bild”-Zeitung etwas mit dem unbefugten Eindringen in die Wohnung zu tun habe. Es sei aber “bemerkenswert”, dass sich die Zeitung ein Foto vom Tatort verschafft habe. “Es hätte eigentlich keine legale Möglichkeit gegeben, ein solches Foto aufzunehmen”, sagte Puderbach. Juristische Grenzen interessierten die “Bild”-Zeitung seiner Einschätzung nach bei ihrer Arbeit aber auch nicht:
“Für sie ist das, was sie machen will, Recht und Gesetz.”
Auf Anfragen bei der “Bild”-Pressestelle sowie dem “Bild”-Fotografen Gerd Nahke, wie die Zeitung in den Besitz eines Foto vom Tatort kam, das nach Ansicht der Ermittlungsbehörden praktisch nur unter illegalen Umständen entstanden sein kann, haben wir bislang keine Antworten bekommen.
Vielen Dank an Christian B.!
Nachtrag, 31. August. Nach vier Tagen und drei Anfragen haben wir eine Antwort von “Bild”-Sprecher Tobias Fröhlich erhalten. Er sagt, der Verdacht, “Bild” habe sich illegal Zutritt verschafft oder ein unter illegalen Umständen enstandenes Foto veröffentlicht, sei falsch und fügt hinzu: “Bitte haben Sie Verständnis, dass wir unsere Foto- und sonstigen Informationsquellen nicht offen legen.”
Nachdem der umstrittene Musiker Bushido vorhin einen nichtminderumstrittenen Konzertauftritt u.a. mit derben Worten (“Lest Ihr ‘B.Z.’? Lest Ihr ‘Bild’? Ich nicht! (…) Ich scheiß’ auf die ‘B.Z.’, ich scheiß’ auf die ‘Bild’!”) absolviert und damit auch eine Frage aus der heutigen “Bild”-Zeitung (siehe Ausriss) beantwortet hat, vielleicht noch kurz Folgendes:
Vor knapp zwei Wochen, als “Bild” berichtete, dass Bushido mit einer jungen Frau zu Mittag gegessen hatte, stand am Artikelende:
Und Bushido? Der wollte sich auf BILD-Anfrage nicht dazu äußern.
Einen Tag später, als “Bild” berichtete, dass die junge Frau schwanger von Bushido sei, stand am Artikelende über ihn:
Auf BILD-Anfrage motzte er nur Skandal-Rapper-mäßig: “Schreibt doch, was ihr wollt!”
Und als “Bild” gestern berichtete, dass ein Fotograf behauptet, Bushido habe ihn tätlich angegriffen, hieß es:
Bushido knapp zu BILD: “Ich gebe dazu keinen Kommentar ab.”
Heute allerdings — mitten in ihrem inzwischen überholten Rätselraten um Bushidos Auftritt — hat sich die “Bild”-Zeitung etwas anderes ausgedacht. Mit einer Stellungnahme, einem aussagekräftigen oder überhaupt irgendeinem Bushido-O-Ton konnte das Blatt zwar auch wieder nicht aufwarten. Aber dafür heißt es:
Im BILD-Gespräch ließ es der Rapper gestern offen, ob er heute (…) auftreten will! (Hervorhebung von uns.)
Gespräch? Der Volksmund sagt dazu wohl eher Monolog.
Wenn “Bild” schon die Gelegenheit bekam, aus den neuen Regeln der RTL-Show “Wer wird Millionär?” noch schnell eine riesige Titelschlagzeile für den heutigen Samstag zu machen, bevor die neuen Regeln am Samstagmorgen auch offiziell vom Sender RTL bekanntgegeben wurden, dann wäre es doch schön gewesen, wenn “alle spannenden Details”, die “RTL vor dem Sendestart nicht verraten” wollte, aber “BILD enthüllt”, auch wenigstens stimmen würden.
Doch “Bild” behauptet über den neuen “‘Risiko’-Joker”:
Jauch stellt die Frage ans Publikum im Studio. Wer die richtige Antwort kennt, steht auf. Von diesen Personen wählt der Kandidat einen. Vertrackt, denn diese Antwort MUSS genommen werden. Will der Kandidat das nicht, scheidet er aus.
Der Kandidat kann sich nun einen Zuschauer aussuchen, dem er die richtige Antwort zutraut. Der Moderator fragt den Zuschauer nach seiner Antwort. Jetzt kann sich der Kandidat entscheiden, ob er die Antwort annimmt oder nicht.
Und eine RTL-Sprecherin präzisierte auf unsere Nachfrage hin: “Wenn sich der Kandidat gegen die Antwort des Zuschauers entscheidet, scheidet er nicht aus. Insofern ist das, was über den neuen Zusatzjoker in ‘Bild’ steht, falsch.”
Mit Dank an Dennis S. für den Hinweis — und an Torsten W., weil er die neuen Regeln schon spätestens um 9.34 Uhr bei RTL.de entdeckt hat.
Nachtrag, 17.09 Uhr: Und nachdem die Nachrichtenagenturen ddp (seit heute Vormittag) und AP (seit heute Nachmittag) die neuen Regeln lieber unter Berufung auf “Bild” weiterverbreiten, statt selbst mal bei RTL nachzufragen oder auf RTL.de nachzuschauen, steht die falsche Regel inzwischen beispielsweise auch bei “Spiegel Online”.
Nachtrag, 18.20 Uhr: Auf Bild.de, wo man die “Bild”-Enthüllung zunächst im Wortlaut übernommen hatte, wurde der Fehler inzwischen korrigiert. Dort heißt es nun: “Jauch stellt die Frage ans Publikum im Studio. Wer die richtige Antwort kennt, steht auf. Von diesen Personen wählt der Kandidat einen, dem er die richtige Antwort zutraut. Jauch fragt den Zuschauer nach seiner Antwort. Jetzt kann sich der Kandidat entscheiden, ob er die Antwort annimmt oder nicht.”
Auch “Spiegel Online” hat nachgebessert und schreibt jetzt: “Der Kandidat wählt dann einen der Zuschauer aus, der ihm bei der Beantwortung der Frage helfen darf.”
Nachtrag, 27.8.2007: “Bild” berichtigt den Fehler heute in der Korrekturspalte. Und AP hat die vorschnelle Übernahme des “Bild”-Fehlers gestern in einer zweiten Zusammenfassung (mit dem Zusatz: “neu: RTL, stellt Vorgehen bei Risiko-Joker klar”) unter Verweis auf die “RTL-Homepage” verschleiert korrigiert.
Mit Dank an alle, die uns geholfen haben, und ganz besonderem Dank an Anke E., Christoph Maria H., Tim S. sowie (in alphabetischer Reihenfolge) Tobi B., Alexander D., Chris G., Ralf G., Michael L. und Sascha L.! Wir können es kaum fassen.
Nachtrag, 24. August. Inzwischen gibt es auch eine Stellungnahme der “Bild”-Zeitung zu unserem Werbefilm. Sprecher Dirk Meyer-Bosse sagte dem Medienmagazin “V.i.S.d.P.” (pdf):
“Das ist ein gut gemachter Spot, natürlich haben wir auch darüber gelacht. Er lebt aber von dem alten Vorurteil, BILD würde lügen — was durch eine witzige Wiederholung jedoch auch nicht wahrer wird. Unsere Rechtsabteilung prüft routinemäßig, ob hier möglicherweise markenrechtliche Aspekte berührt sind.”