Man könnte, im übertragenen Sinne, sagen, dass das Kreuzband die Achillesferse des Bundesliga-Spielers Jens Nowotny ist. Aber eben doch nur im übertragenen Sinne.
Immerhin: Nachdem “Bild” (wie berichtet) mehrere Tage lang fälschlicherweise behauptet hatte, die neue Freundin von Boris Becker sei eine 35-jährige Frau namens Jennifer, die mit einem Bau-Unternehmer names Eric Sheppard verheiratet sei, stellt “Bild” die Sache heute richtig:
“Viele Zeitschriften und Zeitungen, auch BILD, berichteten: Sie heißt Jennifer Sheppard (35), kommt aus Florida. Jetzt stellt Boris schmunzelnd gegenüber BILD klar: ‘Liebe Leute, da hat sich tatsächlich ein Fehler eingeschlichen. Die 35jährige Jennifer ist in Wirklichkeit die 29jährige Lilly.‘”
(Hervorhebung von uns.)
Wie gesagt: Immerhin. (Dass die freundliche Titelschlagzeile und die mit Wörtern wie “Glück”, “zufrieden”, “vertraut und liebevoll” gespickte “Happy-End”-Story womöglich Becker wieder mit “Bild” versöhnen soll, wollen wir nicht einmal andeuten…) Und dass Becker über die Verwechslung schmunzelt, ist denkbar. Ob allerdings auch Jennifer Sheppard darüber schmunzeln kann, dass ihr von Europas größter Tageszeitung tagelang ein außereheliches Verhältnis unterstellt wurde, und wie lustig es Sheppards Ehemann gefunden haben mag, dass “Bild” ihn als gehörnten Ehemann denunziert hat (siehe Ausriss), lassen wir mal dahingestellt. Fest steht, dass die “Bild”-Redaktion ihre Recherchekapazitäten darauf verwendet, aufzuschreiben, was es mal bei Sheppards zu essen gab (O-Ton: “Lamm als Lolli, kalte Pfirsichsuppe”), statt sich vielleicht vorab zu vergewissern, ob’s dafür überhaupt irgendeinen Anlass gibt.
PS: Außerdem sind wir gespannt, welche Ausrede wohl der “Bild am Sonntag” einfällt, wenn sie in der kommenden Woche korrigiert, dass sie Beckers Freundin noch gestern den Namen “Jennifer Klein” (?!) verpasst hatte — und natürlich, wann eigentlich Bild.de seinen Lesern die Richtigstellung der (onlineinzwischenkomplettentfernten) “Bild”-Enten zumuten mag.
Anders als “Bild” am Donnerstag berichtete, steht der armenische Teilnehmer am Eurovision Song Contest noch nicht fest. Die armenische Beauftragte für den Wettbewerb, Diana Mnatsakanyan, dementierte die “Bild”-Meldung, wonach die bei der RTL-Show “Deutschland sucht den Superstar” ausgeschiedene Meri Voskanian das Land vertreten werde. Die Nachricht sei “völlig falsch”, zitiert sie die Seite oikotimes.com. Noch bis 20. Januar könnten sich Kandidaten für den armenischen Vorentscheid bewerben. Erst Mitte Februar werde das Publikum den Teilnehmer per TED bestimmen.
(“Bild” nennt Meri Voskanian “Jungfrau Meri”, weil sie trotz ihres biblischen Alters von 18 Jahren nach eigener Auskunft noch keinen Geschlechtsverkehr hatte.)
Danke an Yves B., Nils H., Andreas G. und Isa R. für die Hinweise.
Nachtrag, 10.20 Uhr: Ursprünglich hatten wir Meri an dieser Stelle Mary genannt, was falsch und etwas peinlich ist.
Nachtrag, 12. Februar: Inzwischen ist es endgültig: Nicht Meri Voskanian wird für Armenien singen, sondern Andre.
Eigentlich ist es ja ganz rührend, dass “Bild” sich so um die Sorgen des kleinen Mannes Dirk Zalm kümmert. Der Kleinwüchsige ist bloß 1,40 Meter groß und sucht einen Job. Das Arbeitsamt schlug ihm eine Stelle als Möbelpacker vor, für die er offenbar ungeeignet ist. “Bild” berichtete darüber und nannte das “Bürokraten-Irrsinn”.
Hey, der Mann traut sich was. Aufschreiben, was passiert ist, nachdem es passiert ist, kann ja jeder. Hugo Müller-Vogg sagt regelmäßig in “Bild”, was passiert, noch bevor es überhaupt passiert ist. Und er benutzt in seiner “Wochen-Vorschau” nicht die Konjunktive, Möglichkeitsformen und Schwammigkeits-Floskeln der Hellseher, Wahrsager und Meteorologen, sondern den klaren, unmissverständlichen Indikativ. So auch vergangenen Montag:
Zum Jahresauftakt traurige Zahlen vom Arbeitsmarkt
(…) Dienstag. Allen Hoffnungen und guten Wünschen zum Trotz: Die Arbeitslosenzahlen, die die Bundesagentur für Arbeit bekanntgibt, können niemanden froh stimmen: rund 4,7 Millionen im Dezember.
Jetzt könnte man sich natürlich fragen, woher Müller-Vogg die Arbeitslosenzahlen schon kennt, bevor sie bekannt gegeben wurden, aber das muss man nicht, denn Müller-Vogg kennt die Arbeitslosenzahlen gar nicht. Es waren nämlich keineswegs “rund 4,7 Millionen”, sondern rund 4,6 Millionen, und diese 100.000 Unterschied reichten durchaus, um jemanden froh zu stimmen. Den Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, zum Beispiel, der sagte, die Zahl der Arbeitslosen sei im Dezember “weitaus weniger gestiegen” als üblich, und saisonbereinigt habe es sogar einen “erfreulich starken Rückgang” gegeben.
Gut, das kann man Müller-Vogg nicht vorwerfen, das konnte er am Sonntag, als er spätestens seine Kolumne schrieb, noch nicht wissen. Aber möglicherweise ist genau das der Grund, warum andere Zeitungen keine Mutmaßungen über die Zukunft als Tatsachen verkaufen.
Andererseits, um fair zu sein: Die Trefferquote bei Berichten über Dinge, die schon geschehen sind, ist in “Bild” auch nicht viel höher.
Wir wissen nicht, was Angela Merkel für ein Mobiltelefon hat. Ehrlich gesagt, interessiert es uns auch nicht. Das unterscheidet uns von “Bild” und “Bild”-Kolumnist Hugo Müller-Vogg. Die wollen es nämlich heute unter der Überschrift “Angela Merkel ist die erste Handy-Kanzlerin” ganz genau wissen, was für ein Mobiltelefon Angela Merkel hat – und behaupten deshalb, es handele sich dabei um:
“das Handy-Modell ‘S 65’ von Siemens (…), ein funktionales ‘Business Handy’ ohne Schnickschnack wie integrierte Kamera oder Spiele.”
Und das finden wir dann doch interessant, weil zum Lieferumfang des S65 von Siemens nämlich auch eine integrierte 1,3-Megapixel-Kamera und drei vorinstallierte Spiele gehören.
Obiger Ausriss zeigt laut Bild.de eine Innenansicht der Eislaufhalle in Bad Reichenhall, nachdem dort am 2.1.2006 die Decke eingestürzt ist. Bild.de schreibt dazu:
“Unter den Trümmern starben mindestens elf Menschen”
Der Ausriss unten hingegen zeigt laut Bayerischem Rundfunk eine Innenansicht des Badezentrums Krefeld Bockum, nachdem dort am 18.8.2000 die Decke eingestürzt war.
“Am 18. Oktober 1977 – nachdem ihre RAF-Genossen eine Lufthansa-Maschine nach Mogadischu entführt und die Freilassung der Häftlinge gefordert hatten, aber von der GSG 9 überwältigt worden waren – erschossen sich Baader
und Ensslin mit geschmuggelten Pistolen in ihrer Zelle.”
Und man mag es für eine Auslegungssache halten, wenn “Bild” die vier palästinensischen Terroristen, die 1977 die “Landshut” entführten, RAF-Genossen nennt. Oder für falsch. Anders verhält es sich mit der “Bild”-Behauptung, die RAF-Terroristen Andreas Baader und Gudrun Ensslin hätten sich mit geschmuggelten Pistolen erschossen. Das ist keine Auslegungssache. Um es faktisch und politisch korrekt mit der “taz” zu sagen:
“In Zelle 720 hängt Gudrun Ensslin am Gitterrost des rechten Zellenfensters. Um ihren Hals ist das Kabel ihrer Lautsprecherboxen geschlungen.”
“Seine Aussage gehörte zu den größten Geheimnissen Rußlands: ‘Ja, ich habe ein UFO gesehen!’ Das berichtete Pavel Popovich (heute 75), einer der angesehensten Kosmonauten des Sowjetreiches, dem KGB. (…) Erst jetzt sind die Akten freigegeben: 124 Seiten brisantes Geheimwissen, verschlossen in einem blauen Ordner.”
Aha.
Tatsache ist: Selbst wenn Popowitschs Ufo-Sichtung im Jahr 1978 zu den größten Geheimnissen Russlands gehört haben sollte, ist sie schon länger bekannt, als “Bild” glaubt: Bereits 2002 wurde seine Schilderung als Video auf einem UFO-Kongress gezeigt, 2003 in der russischen Zeitung “Komsomolskaja Prawda” zitiert und nun (also vor anderthalb Wochen) auch in der “Prawda”.
Tatsache ist außerdem, dass Popowitschs Aussage mit dem “Blauen Ordner” des KGB nichts zu tun hat, weil die Akte nur sowjetische Ufo-Sichtungen der Jahre 1982 bis 1990 auflistet. Die eigentliche Neuigkeit der “Prawda”-Meldung besteht ohnehin darin, dass Popowitsch die KGB-Akten nun offiziell der Öffentlichkeit zugänglich gemacht habe.
Denn, dass das Italienische Zentrum für Ufo-Studien (CISU) schon 2003 darauf hinwies, dass der sog. “Blaue Ordner” bereits 1995 vollständig übersetzt als Anhang eines Buches (Roberto Pinotti, “UFO: Top Secret”, Bompiani, 436 S.) veröffentlicht worden sei, und dass seitdem ausführlich aus den Akten zitiert wurde, ist dummerweise auch eine Tatsache.
Aber okay, immerhin ist die Online-Version des Artikels bei Bild.de noch abwegiger. Dort heißt es nämlich über den ukrainischen Kosmonauten, der mal ein Ufo gesehen haben will:
Mit Dank an Robert B. und andere für die Anregung sowie Kati und Mandy fürs Russisch.
Ein wenig rätselhaft ist es ja schon, dass “Bild” (wie viele andere Medien auch) ausführlich aus einem Interview zitiert, das Jürgen Chrobog nach der Geiselnahme seiner Familie im Jemen gegeben hatte, und sogar Chrobogs heftiges Dementi mancher Kommentare berücksichtigt, aber (anders als viele andere Medien)einen Satz Chrobogs nicht erwähnenswert findet.
Er lautet:
“Ich hatte auch nie den Eindruck, dass wir wirklich in Lebensgefahr standen.”
Allerdings hätte die “Bild”-Behauptung, die Familie sei während ihrer Geiselnahme zwei Mal “in höchster Lebensgefahr” gewesen, unter Berücksichtigung des zitierten Chrobog-O-Tons auch verdammt unpassend gewirkt — und die “Bild”-Headline natürlich irgendwie übergeigt.
Sie lautet nämlich:
Mit Dank an Christian S. und andere für den Hinweis.
Nachtrag, 3.1.2006:
Der Vollständigkeit halber (und mit Gruß an Tobias R.) sei darauf hingewiesen, dass auch die Nachrichtenagentur dpa im Zuge ihrer Berichterstattung über die Rückkehr der Chrobogs einige Äußerungen kurzzeitig und irreführenderweise dahingehend interpretiert hatte, dass sie “übersetzt in Alltagssprache” bedeuten würden, Chrobog habe mehrfach um sein Leben und das seiner Familie gefürchtet, diese Interpretation in anschließenden Meldungen jedoch unter Berücksichtigung des anderslautenden Chrobog-Zitats nicht weiter verfolgte.