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Engelke revisited

Wie jetzt? Echt? Schreibt doch die “Bild”-Zeitung tatsächlich: “Heute (…) kommt Anke Engelke (38) aus der Sommerpause zurück”! Dabei hieß es vor acht Tagen noch in der “Bild am Sonntag”: “In acht Tagen kommt Anke Engelke (38) aus der Sommerpause zurück”!

Aber okay, “Bild” weiß natürlich noch mehr: “Engelkes Schreibtisch wird zukünftig näher am Saalpublikum stehen, damit die Moderatorin intensiver und besser mit den Zuschauern in Kontakt treten kann.” Und das, obwohl doch es vor acht Tagen noch hieß: “‘Ankes Schreibtisch steht dann näher am Saalpublikum. So kann sie intensiver und besser mit den Zuschauern Kontakt aufnehmen’, hofft Sat.1-Sprecher Dieter Zurstraßen.”

Immerhin hat “Bild” offenbar mit Sat.1-Senderchef Roger Schawinski gesprochen und zitiert: “Wir werden zusätzlich Kameras im Publikum aufstellen, damit die Zuschauer das Gefühl bekommen, mit im Saal zu sitzen.” Und das ist doch schon was, denn vor acht Tagen hieß es nur: “Außerdem werden Kameras direkt im Publikum aufgestellt – die Zuschauer sollen das Gefühl bekommen, mit im Saal zu sitzen.”

Und sonst so? Naja, “Bild” schreibt: “Außerdem sollen in der Show mehr Sketch-Elemente auftauchen.” Dabei stand doch in der “BamS” vor acht Tagen bloß: “Nach BamS-Informationen sollen in der Show mehr Sketch-Elemente auftauchen.”

Und wenn das jetzt so aussieht, als hätte “Bild” nur aus der “BamS” von letzter Woche abgeschrieben, ist das natürlich Quatsch. “Bild”-Leser wissen schließlich mehr – zum Beispiel den genauen Sendeplatz: “(23.15 Uhr, Sat.1)”

Gemischtes Doppel

Das ist ja krass:

Kochen die die Eier jetzt schon hart? Und eins hat ihn so richtig erwischt? Am Zeigefinger? Verstaucht oder was?

Ah, es war ein bisschen anders. Das unscheinbare Zeichen “—” in der Überschrift entspricht ungefähr dem Monty-Python-Satz “And now for something completely different…”.

Schröder war in Brandenburg. Dort wurde er 1. mit Eiern beworfen und schlug sich 2. beim Bieranstich auf die Hand.

(Es war übrigens, laut “Bild”, exakt ein Ei, aber das ist nun auch schon fast egal.)

Wir warten jetzt auf folgende ähnlich sinnstiftende Doppelüberschriften in “Bild”:

“Bärbel Schäfer heiratet Michel Friedman — Rechtsradikale gehen auf die Straße”
“Gurkenlaster umgefahren — Küblböck bekommt Führerschein”
“Britney lässt den Busen baumeln — schwere Verwüstungen in den USA”

und, vor allem:

Rückkehr zur alten Rechtschreibung‘Bild’ verliert Auflage

Drogen in Sommerloch gefunden!

Ingrid Häußler ist die Oberbürgermeisterin von Halle. Vor einer Woche traf sie sich mit einigen Leuten von einer bissigen Internetseite namens Hoelle-Saale.de, um eine Friedenspfeife zu rauchen. Apropos: Irgendwann kam das Gespräch auf Haschisch. Hoelle-Saale.de zitierte die Oberbürgermeisterin am Tag darauf mit den Worten:

Vor vielen Jahren habe ich im Paulusviertel mit einer Freundin zusammen schon den einen oder anderen Joint geraucht. Und zu meinem 50. Geburtstag hat mir mein Sohn auch ein Tütchen geschenkt. Er meinte wohl, seine Mutter könnte sowas gebrauchen bei dem stressigen Job.

Wie aufregend ist das?

So aufregend, dass “Bild Halle” daraus eine Geschichte auf der Titelseite machte (siehe Ausriss) und an zwei aufeinanderfolgenden Tagen je einen Artikel im Inneren. Gleich dreimal brachte “Bild” dasselbe Foto von Frau Häußler, in dem sie mit ihren Händen eine Tüte formt, zweimal die Formulierung “Ganz schön high, Frau Häußler”, einmal die gewaltige Schlagzeile: “Die Hasch-Beichte der Oberbürgermeisterin.”

Und die Sache ist damit für “Bild” nicht erledigt.

Es [gäbe] noch so viele Fragen. … Waren es nun Joints oder nur ein Joint, woran Ingrid Häußler vor Jahren gezogen hat? Und was wurde aus dem Tütchen, das einer ihrer Söhne der Politikerin angeblich zum 50. Geburtstag geschenkt hat?

Und natürlich auch diese Frage noch: Wen interessiert’s?

“Bild” macht stutzig

Enthüllen ist ein schönes Wort und bedeutet laut Duden so viel wie “offenkundig machen”, “entlarven” oder “aufdecken”. Deshalb versteht sich auch von selbst, was damit gemeint ist, wenn beispielsweise bild.de den schönen Satz “US-Pornostar Jenna Jameson enthüllt” ganz oben über eine Meldung schreibt. (Was genau Jameson enthüllt, kann übrigens hier nachgelesen werden. Oder hier. Muss aber nicht, weil bild.de die ganze Sache sowieso bloß anderweitig – O-Ton: “Das berichtet der Online-Dienst ‘freenet’.” – aufgeschnappt hat…)

So richtig überzeugt von dem, “was sexy Jenna da verrät”, scheint allerdings nicht einmal bild.de zu sein: “Jenna hat eine Autobiografie geschrieben, braucht also PR“, heißt es in der dazugehörigen Berichterstattung, was offenbar sogar die bild.de-Berichterstatter stutzig macht:

“Ist es nur ihre blühende Porno-Fantasie, die da mit Jenna durchgeht? Oder ist an den Enthüllungen tatsächlich etwas dran?”

Und dass bild.de die Leser derart an der eigenen Skepsis teilhaben lässt, ist zweifelsohne löblich, zumal wir jetzt auch endlich wissen, was außerdem damit gemeint sein kann, wenn irgendwer irgendwo irgendwas zu enthüllen weiß.

Ein friedlicher Tod

Die Nachrichtenagentur dpa meldet:

Der FDP-Politiker Günter Rexrodt ist nach Angaben der Berliner Universitätsklinik Charité an einem plötzlichen Herztod gestorben. … Der Herztod habe sich unabhängig von seiner Krebserkrankung ereignet. Der 62-Jährige sei gestern im Schlaf gestorben. Es sei ein friedlicher Tod gewesen.

Ah. Na, dann war es ja fast so, wie “Bild” heute morgen berichtete:

Danke an Chris M. für den Hinweis!

“Bild” spricht mit Gesteinigtem

Heute reden wir einmal über das Wort “fast”. Es ist ein kleines, unscheinbares Wort, ein schüchternes Adverb, das sich nicht wehrt, wenn man es (aus Platzgründen oder so) mal aus einer Überschrift streicht. In dieser über 30 Zentimeter breiten Schlagzeile der Berliner “Bild”-Ausgabe von heute zum Beispiel:

Das Deutsche Wörterbuch Wahrig definiert “steinigen” so:

‘stei|ni|gen <v.t.; hat> jmdn. steinigen durch Steinwürfe töten

Das Opfer war aber hinterher noch in der Lage, mit “Bild” zu reden. Aus dem Kleingedruckten winkt uns am Ende des zweiten Absatzes beschämt unser freundliches Adverb zu: “Am helligten Tag gingen drei wütende Fahrgäste auf ihn los, steinigten ihn fast.”

Mit der gleichen platzsparenden Logik hätte “Bild” auch Schlagzeilen komponieren können wie: “Stoiber zum Kanzler gewählt”, “Papst bei Attentat umgekommen”, “Franzi holt Bronze in Athen” und “‘Bild’ lügt nie”.

Ja, wir können beamen!

Hans Bewersdorff, der Mann, der uns Schlagzeilen brachte wie: “NASA entdeckt Musikplanet”, “Kommunikations-Code der Außerirdischen entschlüsselt”, “Knacken Hummer den Code des ewigen Lebens?”, “Pilze haben den Sex erfunden!” und “See-Gurken sind unsere Verwandten!” hat eine neue gute Nachricht für uns:

Nun weiß der aufmerksame “Bild”-Leser, dass Teaser wie “Wie bei Star Trek: Ja, wir können jetzt beamen” meistens bedeuten, dass wir (zumindest noch) nicht beamen können wie bei Star Trek. Und richtig: Am Ende des zugehörigen Artikels hat sich, wie üblich, die Aussage in eine Frage verwandelt:

Beamen wie in „Raumschiff Enterprise“. Wird dieser alte Science-Fiction-Traum jetzt endlich wahr?

Doch dazwischen verleiht “Bild” seiner Meldung mit der Angabe “wie das Fachmagazin ‘Nature’ berichtet” Seriösität. Vielleicht stimmt also wenigstens das Kleingedruckte?

Nö. “Bild” schreibt:

Mit Hilfe von Lichtteilchen (Photonen) transportierten die Forscher Datenmengen über eine Entfernung von mehr als 600 Meter über die Donau. Bei dem in der Fachwelt als Quanten-Teleportation bekannten Vorgang wurden … ohne Kabel oder Funk die in Photon A vorhandene Information wie von Geisterhand auf Photon B am anderen Donauufer übertragen.

Richtig ist: Von Datenmengen kann keine Rede sein und die Formulierung “ohne Kabel” stimmt nur, wenn man das 800 Meter lange Glasfaserkabel vernachlässigt, mit dem Sender und Empfänger verbunden waren und in dem das Experiment stattfand.

Das geglückte Teleportieren scheint trotzdem ein erstaunlicher wissenschaftlicher Durchbruch gewesen zu sein. Aber was die Möglichkeit angeht, dass der “Traum der Menschheit”, wie “Bild” schreibt, wahrwerden könnte: “Augen zu und Sekunden später auf Mallorca wieder aufwachen, vielleicht sogar an einem Südseestrand”, zitieren wir Spiegel Online:

Inzwischen haben Physiker gezeigt, dass dieses Verfahren nicht nur mit Lichtteilchen, sondern auch mit Atomen funktioniert – aber wohl niemals auf größere Gegenstände oder gar komplette Lebewesen angewandt werden kann.

Mist.

Mit sachdienlichen Hinweisen von Marc K. und anderen.

Das verdammte Gold

“Franzis vierte olympische Spiele. Holt sie diesmal endlich das erste Gold?”
“Sie glaubt schon an Gold. Jetzt muss sie es nur noch holen.”
“Angst um Franzis Gold!”
“Wird Franzis großer Traum vom Olympischen Gold nie mehr erfüllt? Ihr erster Angriff in Athen war ein totaler Flop.”
“Heute ist der Tag, auf den wir bei Olympia voller Spannung gewartet haben. Heute ist Franzi-Tag. (…) Los, Franzi, hol dir das verdammte Gold!”

Franziska van Almsick hat bei den Olympischen Spielen in Athen am Dienstag das verdammte Gold nicht geholt. Sie sagt: “Ich bin an dem Erwartungsdruck gescheitert – wieder einmal.” Und: “Auf dem Startblock habe ich nur gedacht, hoffentlich ist die ganze Scheiße bald vorbei. Dann bist du nicht mehr der Mittelpunkt der Nation. Dann kann ich wieder ich selbst sein.”

“Bild” erklärt dazu (bild.t-online.de/(…)franzi_nur_fuenfte(…).html):

“Franzi ist am Druck zerbrochen. Druck, den sie sich auch selbst gemacht hat. Denn sie hat immer gesagt: ‘Ich will Gold.’ Doch dann kam alles ganz anders.”

Randale

Angenommen, bei einem lokalen Radiosender passiert einmal etwas, das ihn bundesweit in die Schlagzeilen bringen könnte. Dann ist die traditionelle Rollenverteilung die, dass der Sender das Thema groß aufbauscht (Publicity!) und die Journalisten, die darüber berichten, sich um Nüchternheit und Verhältnismäßigkeit bemühen.

Insofern ist es ein schlechtes Zeichen, wenn die Rollen umgekehrt sind und sich Radio Arabella, wo Daniel Küblböck offenbar ein Interview wütend abgebrochen hat, sich inzwischen deutlich distanziert von der Art, wie “Bild” den Vorfall darstellt.

Zum Vergleich die Formulierungen von “Bild”:

“schlimmer Ausraster”, “randaliert”, “scheint durchzudrehen”.

Und die Begriffe, die Radio Arabella wählt:

‘angebliches’ Skandal-Interview”, “viel harmloser”, “Ausrutscher”.

Aber daraus hätte man ja keine “Bild”-Schlagzeile machen können.

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