Die “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” hat ein Internetprogramm ins Netz gestellt, mit dem man ausrechnen können soll, wie die Gesetze der Großen Koalition die eigene Finanzlage verändern. Und die “Bild am Sonntag” hat daraus heute einen Aufmacher “So teuer wird 2007 wirklich für Sie!” gemacht.
Das war anscheinend — obwohl die Daten ja von der “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” geliefert wurden — noch ein gutes Stück Arbeit: Nicht weniger als fünf Autorennamen stehen in dem Artikel.
Vielleicht haben sich die Fünf die Arbeit ja aufgeteilt. Einer hat sich einen Fehler zur Eigenheimzulage ausgedacht und geschrieben, für jeden, der “ab 2007 ein Haus baut oder eine Wohnung kauft”, gebe es dieses Geld nicht mehr — obwohl das doch schon seit Anfang 2006 gilt. Ein anderer kam auf die lustige Idee zu behaupten, das Jahr 1966 sei die “Zeit des Wirtschaftswunders unter der Regierung von Ludwig Erhard” — obwohl sich das Wirtschaftswunder doch bereits in den 50er Jahren ereignet hatte und 1966 das Jahr der ersten Rezession war, die auch zum Rücktritt Erhards beitrug. Und ein dritter achtete darauf, dass nirgends im Text erwähnt wird, um wen es sich bei der “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” handelt — eine umstritteneLobbyorganisation der Arbeitgeberverbände, die (u.a. mit Schleichwerbung) für wirtschaftsliberale Ideen kämpft.
Und was die anderen beiden “Bild am Sonntag”-Autoren gemacht haben, finden wir auch noch raus.
Anders als “Bild” gestern berichtete, hat Nintendo keineswegs die Spielekonsole Wii zurückgerufen. Die Firma bietet lediglich an, die Handschlaufen an der Fernbedienung auszutauschen.
“Bild am Sonntag”-Kolumnist Wolfgang Joop hat heute eine schöne Empfehlung für rat- und geschenklose Eltern: einen “Goldfisch im Glas” (Ausriss rechts).
Was Goldfische von diesem Rat halten, kann man dem abgebildeten Exemplar deutlich von den Lippen ablesen: Virtuelles Leben zu quälen ist besser als echtes. An einem Goldfischglas ist für sie ungefähr alles entsetzlich (die Enge, die fehlenden Rückzugsmöglichkeiten, der geringe Gasaustausch, der fehlende Wasserfilter, der verzerrte Spiegel-Effekt, die Temperaturschwankungen, die fehlende Abdeckung). In Deutschland ist die Haltung von Goldfischen in Goldfischgläsern deshalb verboten in der Regel nicht zulässig. Sie brauchen mindestens ein 200-Liter-Aquarium (das entspricht locker 16 Goldfischgläsern), um sich wohlzufühlen.
In großer Aufmachung berichtet “Bild” heute erneut über den “Gier-Banker”, den “feinen Herrn Welteke”, der vor Gericht eine Erhöhung seiner Bundesbank-Pension von 8000 auf rund 12.500 Euro im Monat durchsetzte. “Bild” dokumentiert mit mehreren Zitaten, dass auch in anderen deutschen Zeitungen “Riesenempörung” über die “fette Pensions-Erhöhung” herrsche. An erster Stelle steht dieses:
Bemerkenswert an diesem Zitat ist, dass es kein Zitat ist — trotz der Anführungszeichen, die das Gegenteil suggerieren. Das Wort “zynisch” etwa kommt in dem “SZ”-Kommentar nicht vor.* Wenn man den Original-Text der “SZ” liest, kommt man auch ins Grübeln, ob er wirklich als Beleg für die “Riesenempörung über Weltekes fette Pensions-Erhöhung” taugt:
(…) Dass ein ehemaliger Bundesbankpräsident und Landesminister 12 500 Euro im Monat erhält, sollte die Debatte über das Verhältnis von Gehalt und späterer Pension bei Politikern beflügeln — unmoralisch hoch ist das aber nicht, verglichen mit vielen Manager-Abfindungen.
Warum also die Empörung über den angeblichen Raffke Welteke? Weil der Mann immer noch nicht verstanden hat, dass der Umgang mit viel Geld auch ethisch und intellektuell verpflichtet. Mit 33 Prozent des alten Gehaltes könne man nicht leben, hat er gesagt. Das ist schwer zu vermitteln gegenüber jenen, die jeden Cent umdrehen müssen. Und es eignete sich trefflich für jene Boulevard-Kampagne, die ihn 2002 den Posten bei der Bundesbank kostete. (…)
*) Nachtrag, 14. Dezember. Wir müssen uns korrigieren. Von dem Kommentar sind in verschiedenen Ausgaben der “Süddeutschen Zeitung” verschiedene Versionen erschienen. Die eine ist die, aus der wir oben zitieren. In einer anderen kommt tatsächlich das Wort “zynisch” vor. Im Kontext liest sich das so:
Mit 33 Prozent des alten Gehaltes könne man nicht leben, hat er gesagt. Das ist zynisch gegenüber jenen, die jeden Cent umdrehen müssen, und unbedarft gegenüber den Mechanismen des Boulevardjournalismus. 2002 kostete ihn das den Chefposten bei der Bundesbank; nun schrieb sich wieder einmal die Schlagzeile über Welteke wie von selber.
(Übrigens trat Welteke nicht 2002 zurück, wie die “SZ” schreibt, sondern 2004.)
Wenn man zynisch wäre, könnte man sagen: Was Dieter Bohlen passiert ist, ist das Beste, was “Bild” passieren konnte. Dass der “Pop-Titan” Dieter Bohlen, der Beruf und Privatleben in einem außerordentlichen Maße mit “Bild” teilt, in seinem Haus spektakulär überfallen und ausgeraubt wird und eine Überwachungskamera eine Fülle eindrucksvoller Aufnahmen von dem Geschehen liefert. Den größten Teil der Titelseite und zwei ganze Seiten im Inneren (siehe Ausrisse) füllte “Bild” am Dienstag mit Fotos, Zeichnungen, Berichten und Einzelheiten — und dass die Polizei Bohlen vorwirft, er habe dadurch, dass er gegenüber “Bild” und RTL so viele Details ausplauderte, die Ermittlungen erschwert, damit wird “Bild” leben können.
“Bild” war offensichtlich schon kurz nach dem Überfall vor Ort — oder versucht jedenfalls nachhaltig, diesen Eindruck zu erwecken. Ein langes “Bild”-Interview mit Bohlen beginnt so:
Gestern morgen, 11.42 Uhr. Dieter Bohlen (52) sitzt auf der Eckbank in der Küche seiner 600-Quadratmeter-Villa in Tötensen. Lebensgefährtin Carina (23) reicht ihm Früchtetee. Im Flur und an der Haustür sichern die Beamten der Kripo Buchholz Spuren. Es ist gerade 117 Minuten her, dass zwei bewaffnete Männer sein Haus gestürmt, ihn gefesselt und mit der Pistole bedroht haben. Dieter Bohlen wirkt sehr gefasst. An den Unterarmen hat er Schürfwunden, die er bei der Rangelei mit den Tätern erlitten hat.
BILD: Herr Bohlen, wie fühlen Sie sich? …
Und vermutlich meint “Bild” nicht 117, sondern 177 Minuten, denn der Überfall war um 8.45 Uhr. Dennoch ist das ja wirklich eindrucksvoll, das Tempo, mit dem die “Bild”-Leute und Bohlen sich nach so einem Überfall an die “journalistische” Aufbereitung des Geschehens machen. Allerdings endet das “Bild”-Interview, das um 11.42 Uhr begann, so:
BILD: Wie geht es Ihrer Lebensgefährtin?
Bohlen: “Carina war die ganze Zeit sehr tapfer. Aber am Nachmittag brach dann alles aus ihr raus. Sie bekam Beruhigungsmittel, inzwischen geht es ihr besser.”
(Hervorhebungen von uns.)
Und falls Bohlen diesen Satz überhaupt gesagt hat, dann jedenfalls nicht am Vormittag. Aber eine gute Erklärung für diese erstaunliche Diskrepanz müssen Sie sich schon selbst ausdenken. Wir haben nämlich keine.
Danke an Sebastian L., Svenja K., Günther F., Knut I. und Felix S.
Nachtrag, 13. Dezember. Die Störung des Raum-Zeit-Kontinuums ist anscheinend noch größer als bisher angenommen. Bohlens Freundin Carina sagt heute “EXKLUSIV” in “Bild”, sie habe es am Montag nicht mehr in dem Haus in Tötensen ausgehalten und sei deshalb am Nachmittag mit Bohlen nach Köln geflogen. Wenn das stimmt, wäre an dem “Bild”-Interview entweder nicht nur die Zeitangabe, sondern auch die Ortsangabe falsch — oder natürlich das Interview.
Denn die Abgeordneten des Deutschen Bundestages kriegen jedes Jahr zum 1. Januar mehr Geld, weil sich dann ihre steuerfreie Kostenpauschale erhöht. Und zwar um den Prozentsatz, um den die Lebenshaltungskosten zwei Jahre zuvor gestiegen sind. Das steht so im Abgeordnetengesetz. Weil die Lebenshaltungskosten 2005 um zwei Prozent stiegen und die Pauschale aktuell 3.647 Euro beträgt, bekommen die Abgeordneten 2007 also rund 70 Euro im Monat mehr.
Wer will, kann daraus aber noch am 11. Dezember einen Aufreger machen und aus einer automatischen Erhöhung einen aktiven Akt ungenierter Selbstbedienung:
Und wer ist wieder ganz vorne dabei, beim Selbstbedienen? Klar: der Lammert.
Aber schön, dass sich das, was Lammert “nach BILD-Informationen plant”, mit dem deckt, was nach BILDblog-Informationen Gesetz ist.
Vielen Dank an Jason M. für den sachdienlichen Hinweis!
Tja. Die Leute von der gedruckten “Bild am Sonntag” haben’s irgendwie geschafft, dass das Alter von Herrn und Frau Effenberg im Bildtext mit dem im Fließtext übereinstimmt. Aber den Online-Kollegen von Bild.de hat wieder einmal keiner Bescheid gesagt. Und von allein merken sie’s ja nicht.
Angenommen, jemand behauptet fälschlicherweise über Sie, Sie würden regelmäßig Giraffen mit Hustenbonbons bewerfen. Und dieser jemand erzählt das der “Bild am Sonntag”. Und die “Bild am Sonntag” ruft bei Ihnen an und fragt Sie, ob das stimmt. Und Sie haben keine Lust, mit der “Bild am Sonntag” zu reden, und sagen das auch der “Bild am Sonntag”. Darf die “Bild am Sonntag” dann über Sie schreiben: “… bewirft regelmäßig Giraffen mit Hustenbonbons”?
Natürlich nicht. Aber genauwie ihre Schwesterzeitung “Bild” glaubt die “Bild am Sonntag”, das zu dürfen.
Und findet es deshalb sehr ungerecht, heute diese Gegendarstellung von Günther Jauch abdrucken zu müssen:
Am 6. August 2006 hatte die “Bild am Sonntag” behauptet, Jauch müsse wegen einer Klage des Boxers Rene Weller vor Gericht erscheinen:
Diese Behauptung, die offenbar vom Anwalt von Rene Weller stammte, war zweifellos falsch. Das räumt nach Bild.de heute auch die “Bild am Sonntag” ein. Sie fügt aber u.a. hinzu:
Mit anderen Worten: Wenn es der “Bild am Sonntag” nicht gelingt, korrekte Tatsachen über Günther Jauch zu recherchieren, liegt das nicht an den Recherchemängeln von “Bild am Sonntag”, sondern an der fehlenden Mitwirkungsbereitschaft von Günther Jauch.
Noch aus einem anderen Grund scheint die “BamS” es ungerecht zu finden, dass sie gerichtlich zum Abdruck der Gegendarstellung gezwungen wurde. Sie schreibt:
[Wir haben] unsere Leser bereits in der Ausgabe vom 13. August darüber informiert, dass Günther Jauch vom persönlichen Erscheinen vor dem Landgericht befreit worden ist.
Das klingt, als hätte die “BamS” ihren Fehler schnell korrigiert. Und wenn sie das getan hätte, wäre Jauch es tatsächlich schwer gefallen, eine Gegendarstellung durchzusetzen.
Richtig ist zwar, dass die “BamS” am 13. August berichtet hatte:
“BamS”-Redakteurin Angelika Hellemann, die schon den falschen ersten Artikel geschrieben hatte, vermied dabei aber konsequent den Hinweis, dass dies bereits seit Monaten feststand. Mit vielen Formulierungen erweckte sie den Eindruck, erst nach ihrem ursprünglichen Artikel hätte sich der neue Sachverhalt ergeben:
“Sie müssen sich vor Gericht doch nicht in die Augen blicken.”
“…braucht nicht mehr persönlich im Gerichtssaal zu erscheinen…”
“…teilte Gerichtssprecher Dr. Tiemann jetzt mit.”
“Jetzt ist Weller enttäuscht…”
(alle Hervorhebungen von uns)
Einen Fehler zuzugestehen, war der “Bams” offenbar nicht möglich. Kein Wunder: Nach ihrem journalistischen Verständnis lag der Fehler ja nicht bei ihr, sondern bei Jauch.
PS: Unmittelbar über die große Jauch-Gegendarstellung hat die “BamS” heute dieses Stück u.a. von Angelika Hellemann platziert:
+++Wir unterbrechen dieses Blog für eine Eilmeldung. Das südliche Bayern wäre, wie wir soeben erst erfahren, am Mittwoch beinahe durch ein Flammeninferno dem Erdboden gleichgemacht worden. Ein Papierkorb in einer Damentoilette in München war in Brand geraten. Nur durch den Einsatz eines Feuerlöschers konnte ein Übergreifen der Flammen auf Herrentoilette, Flur, Etage, Haus, Straße, Stadt und Freistaat verhindert werden.+++
Ja: Bei der “Süddeutschen Zeitung” hat’s gebrannt. Die Berufsfeuerwehr informierte die Öffentlichkeit über das Geschehen mit den Worten (pdf):
Im vierten Obergeschoss eines Münchner Zeitungsverlags geriet in der Damentoilette am Mittag ein Mülleimer in Brand. Noch vor Eintreffen der Einsatzkräfte der Feuerwache Mitte hatten Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes den Brand mit einem Schaumlöscher gelöscht.
Und “SZ”-Redakteur Karl Forster schreibt heute in seiner Kolumne:
Da diese Zeilen hier in unmittelbarer Nachbarschaft der gebrannt habenden Toilette entstehen, ist festzustellen: Seitens der Behörde ist alles korrekt berichtet.
Zum Erstaunen der Toilettennachbarn aber war laut einer vierbuchstabigen Zeitung sehr viel mehr geschehen: Unter der Rubrik “Flammen bis zur Decke” steht geschrieben: “Das Stammhaus an der Sendlinger Straße wäre beinahe abgebrannt.” Und dass der Sicherheitsdienst sich durch den Qualm habe “kämpfen” müssen. Haben wir da vielleicht eine Katastrophe verpennt?
“Bild”-Kolumnist Franz Josef Wagner beklagt heute, wenn wir ihn richtig verstanden haben, dass man als Politiker nirgends mehr unbeobachtet ist. Schuld daran sei: der “totale Tourismus”.
(…) es gibt auf unserer Erde leider keinen Flecken mehr, wo ein verheirateter EU-Kommissar mit seiner Kabinettschefin unbegafft nackt baden kann. Wir leben nun einmal im totalen Tourismus, der auf Einzelschicksale keine Rücksicht nimmt.
Touristen knipsen alles, den schiefen Turm von Pisa und den nackten EU-Kommissar mit seiner ebenfalls nackten Bürochefin.
Ich wünschte, die Fotos gäbe es nicht. (…)
Zufälligerweise hat sich am vergangenen Sonntag auch der Komiker Michael Mittermeier über die Auswirkungen des, äh, totalen Tourismus geäußert. Auf SWR 1 sagte er:
Der “Bild”-Leser-Reporter ist meines Erachtens einfach eine böse, voyeuristische Aktion, die leider Gottes uns Leuten einfach schadet, uns Künstlern. Weil Leute dich wirklich verfolgen mit Foto-Handys. Und ich hab mich schon mit Leuten gestritten, die mich angemacht haben, weil sie sagen: Ey, wieso gönnst Du mir kein Foto, ich will 300 Euro verdienen, und da muss ich sagen: Das ist schon ‘ne ziemliche Sauerei. Weil: Wenn ich privat bin, bin ich privat. Und es geht nicht, jemanden zu fotografieren, wenn er im Tengelmann steht, ich meine, das ist wirklich eine böse Aktion.