Rechtes für die Frau

Der Stange-Verlag, ein kleines Familienunternehmen an der Nordsee, ist (zumindest laut Eigenbeschreibung) der „Verlag für wirklich schöne und erfolgreiche Zeitschriften“. Die schönste und erfolgreichste von allen, das „Flaggschiff“ des Hauses, ist das Blatt „aktuell für die Frau“, eine Frauenzeitschrift mit Ratgebern, Rezepten und harmlosen Klatschgeschichten.

Laut Verlag ist es mit über 230.000 verkauften Exemplaren „die klare Nr. 1 im Pressesegment der monatlichen unterhaltenden-serviceorientierten Frauenzeitschriften“. Und das nicht ohne Grund, denn das Heft „bietet einfach mehr!“, wie es unter dem Logo selbst verspricht:
Cover

So bietet es in der aktuellen Ausgabe zum Beispiel „42 herzliche Liebes-Grüße“ zum Aufkleben, ein „großes Mondhoroskop“, die „10 besten Schlank-Tricks“, das „Leckerste mit Pasta & Hack“, Ratgeber gegen Rückenschmerzen und Werbung für die deutsche Nationalhymne.

Ganz recht: Zwischen Gemüsekuchen und Frauenkräutern plötzlich — Vaterlandsliebe.

Die ganzseitige Anzeige wurde vom Verein „Die Deutschen Konservativen“ geschaltet, der 1995 vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wurde. Anführer des Vereins ist Joachim Siegerist, ein ehemaliger „Bild“-Redakteur und verurteilter Volksverhetzer.

Der Verein wettert gegen alles, was nicht rechts ist. Derzeit am liebsten gegen die „linke Meinungsvorschrift“ in den Medien und die „Vernichtungskultur“ der „political correctness“, gegen die „Gutmenschen“, „Muslimischen Sozialromantiker“ und die „Gehirnwäsche der p.c.-Generation“. Ach, und Sarrazin „hat doch recht!“

Schon in den 80er-Jahren hatte der „Spiegel“ über den „rechten Kreuzzug“ der „Deutschen Konservativen“ berichtet. Und schon damals hatten Siegerist und Kameraden — seinerzeit noch mit dem Vorgänger-Verein „Konservative Aktion“ — eifrig Werbung für die deutsche Hymne gemacht:

Mehr als eine Million mal, rühmte sich die Konservative Aktion letztes Jahr, sei eine selbstproduzierte Schallplatte mit der Nationalhymne an den Mann gebracht worden – alle drei Strophen. „Deutschland, Deutschland über alles“. („Spiegel“, 42/1986)

Heute wird sie an die Frau gebracht, „die schönste Hymne der Welt“. Auf seiner Internetseite schreibt der Verein:

Ein interessanter Test für Die Deutschen Konservativen e.V.: Erstmals werben Die Deutschen Konservativen e.V. mit einer Groß-Anzeige in einer typischen Frauenzeitschrift. In der neuen Ausgabe von „aktuell für die Frau“ bieten wir in einer ganz seitigen Anzeige (Seite 65) die gedruckte Edel-Kassette mit dem „Lied der Deutschen“ an.

Wie kann das sein? Wie schafft es ein solcher Verein mit einer solchen Anzeige in ein Friede-Freude-Frauen-Heft? Oder anders gefragt: Warum lässt die „wirklich schöne und erfolgreiche“ „aktuell für die Frau“ Werbung für diese rechte Truppe zu?

Chefredakteur, Herausgeber und Verleger von „aktuell für die Frau“ ist Michael Stange. Laut Impressum ist er auch für die Anzeigen verantwortlich. Und er dürfte genau gewusst haben, mit was für einem Verein er es da zu tun hat. Er hat ihn nämlich mitgegründet.

Stange leitete in den 80ern schon die Jugend-Organisation der „Konservativen Aktion“. Nachdem er und Joachim Siegerist aus dem Verein geflogen waren, gründeten sie ihren eigenen — mit Sigerist als Chef und Stange als Stellvertreter. Und so begann er, der „rechte Kreuzzug“ der „Deutschen Konservativen“.

Michael Stange, den der „Spiegel“ 1988 noch einen„Rechtsradikalen“ genannt hatte, war später Chefreporter bei „Bild“, heute leitet er den Stange-Verlag, das kleine Familienunternehmen an der Nordsee, mit seinen „wirklich schönen und erfolgreichen Zeitschriften“. Auf seiner Internetseite schreibt er:

Unser Verlag und unsere bekannten und erfolgreichen Zeitschriften gehören (anders als die meisten anderen Titel im deutschen Markt) nicht zu einem der großen und mächtigen Presse-Konzerne. Wir sind ein Teil derer, von denen die Politik immer zu recht sagt, dass sie das Standbein der deutschen Wirtschaft darstellen: Ein kleines, mittelständisches und inhabergeführtes Familienunternehmen, das sich mit einem tollen und engagierten Team noch um seine Leserinnen und Leser, Kunden und Geschäftspartner kümmert und Arbeitsplätze schafft und sichert, statt sie abzubauen. Deshalb drucken wir auch alle unsere Zeitschriften (auch anders, als so mancher Konzern) bei Druckerei-Partnern in Deutschland – und das soll auch so bleiben.

So retten Stange & Co. nicht nur die deutsche Hymne, sondern die deutsche Wirtschaft gleich mit. „aktuell für die Frau“ bietet eben „einfach mehr!“

Mit Dank an topfvollgold-Leser Oliver K.

Nachtrag/Korrektur, 22.30 Uhr: Der Stange-Verlag sitzt nicht in Baden-Württemberg, wie wir zuerst geschrieben hatten, sondern in Friedrichskoog. In Baden-Württemberg sitzt die Redaktion der „aktuell für die Frau“. Danke an die Hinweisgeber!