Verwechselt „Tagesspiegel“ Hitler mit „Tagesspiegel“?

Am Samstag veröffentlichte die „FAZ“ in ihrer Gastautoren-Rubrik „Fremde Federn“ einen Artikel des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland. Das Stück sorgte für einige Aufregung — unter anderem beim „Tagesspiegel“, der gestern Abend enthüllte (heute auch bei unseren „6 vor 9“ verlinkt):

Twitter-User entdeckt Parallelen zwischen Gauland-Text und Hitler-Rede

Ein Twitter-User entdeckte Parallelen zwischen dem Kommentar des AfD-Vorsitzenden und einer Rede, die Adolf Hitler am 10. November 1933 vor Arbeitern in Berlin in Siemensstadt hielt.

Das Thema schaffte es heute sogar auf die Titelseite der Print-Ausgabe:

Historiker: Gauland argumentiert wie Hitler

(Inzwischen macht die Geschichte auch international die Runde.)

Konkret geht es um folgende Aussagen:

Screenshot eines Tweets von Jonas-Mueller-Töwe - Der Stand der Debatte 2018 in Deutschland: Paraphrasierte Hitler-Reden werden in der FAZ gedruckt. Wegen Pluralismus und so. Links Gauland, rechts Hitler - dazu zwei Screenshots mit Zitaten von Gauland und Hilter, die auch hier im Text gleich folgen

So schrieb Gauland:

(…) Diese globalisierte Klasse sitzt in den international agierenden Unternehmen, in Organisationen wie der UN, in den Medien, Start-ups, Universitäten, NGOs, Stiftungen, in den Parteien und ihren Apparaten, und weil sie die Informationen kontrolliert, gibt sie kulturell und politisch den Takt vor. Ihre Mitglieder leben fast ausschließlich in Großstädten, sprechen fließend Englisch, und wenn sie zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur ziehen, finden sie überall ähnliche Appartements, Häuser, Restaurants, Geschäfte und Privatschulen.

Das hat zur Folge, dass die Bindung dieser neuen Elite an ihr jeweiliges Heimatland schwach ist. In einer abgehobenen Parallelgesellschaft fühlen sie sich als Weltbürger. Der Regen, der in ihren Heimatländern fällt, macht sie nicht nass. Sie träumen von der one world und der Weltrepublik. Da dieses Milieu ,sexy’ ist, hat es auch auf Teile der Gesellschaft großen Einfluss, denen der Zutritt dorthin versperrt bleibt.

Und Adolf Hitler hatte, wie der „Tagesspiegel“ dokumentiert, 1933 vor Siemens-Arbeitern gesagt:

(…) Der Völkerstreit und der Haß untereinander, er wird gepflegt von ganz bestimmten Interessenten. Es ist eine kleine wurzellose internationale Clique, die die Völker gegeneinander hetzt, die nicht will, daß sie zur Ruhe kommen. Es sind das die Menschen, die überall und nirgends zuhause sind, sondern die heute in Berlin leben, morgen genauso in Brüssel sein können, übermorgen in Paris und dann wieder in Prag oder Wien oder in London, und die sich überall zu Hause fühlen. (Zuruf aus dem Publikum: „Juden!“)

Es sind die einzigen, die wirklich als internationale Elemente anzusprechen sind, weil sie überall ihre Geschäfte betätigen können, aber das Volk kann ihnen gar nicht nachfolgen, das Volk ist ja gekettet an seinen Boden, ist gekettet an seine Heimat, ist gebunden an die Lebensmöglichkeiten seines Staates, der Nation.

Nun kann man dort durchaus Ähnlichkeiten erkennen. Vielleicht hat Gauland aber gar nicht, wie der „Tagesspiegel“ vermutet, bei Hitler abgeschrieben, sondern — beim „Tagesspiegel“.

Der veröffentlichte 2016 nämlich einen Gastbeitrag von Michael Seemann, in dem es hieß:

Diese neue globalisierte Klasse sitzt in den Medien, in den StartUps und NGOs, in den Parteien, und weil sie die Informationen kontrolliert („liberal media“, „Lügenpresse“), gibt sie überall kulturell und politisch den Takt vor.

Gauland in der „FAZ“:

Diese globalisierte Klasse sitzt in den international agierenden Unternehmen, in Organisationen wie der UN, in den Medien, Start-ups, Universitäten, NGOs, Stiftungen, in den Parteien und ihren Apparaten, und weil sie die Informationen kontrolliert, gibt sie kulturell und politisch den Takt vor.

„Tagesspiegel“ 2016:

Es ist eine Klasse, die fast ausschließlich in Großstädten lebt, die so flüssig Englisch spricht wie ihre Muttersprache, für die Europa kein abstraktes Etwas ist, sondern eine gelebte Realität, wenn sie zum Jobwechsel von Madrid nach Stockholm zieht.

Gauland:

Ihre Mitglieder leben fast ausschließlich in Großstädten, sprechen fließend Englisch, und wenn sie zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur ziehen, finden sie überall ähnliche Appartements, Häuser, Restaurants, Geschäfte und Privatschulen.

Diese teils wörtliche Übereinstimmung ist nicht nur „Tagesspiegel“-Lesern aufgefallen, sondern auch dem Verfasser des ursprünglichen „Tagesspiegel“-Beitrags:

Screenshot eines Tweets von Michael Seemann - oha. es sieht so aus als hätte alexander gauland fast wörtlich bei mir abgeschrieben. allerdings habe ich mit der globalen klasse ja auch explizit das feindbild der afd rekonstruiert.

Nur der „Tagesspiegel“ selbst scheint noch nichts bemerkt zu haben. Aber vielleicht bringt er’s ja morgen auf der Titelseite: Tagesspiegel verwechselt Tagesspiegel mit Hitler.

Mit Dank an Stefan S. und Alexander H. für die Hinweise!

Nachtrag, 11. Oktober: Im Interview mit t-online.de erzählt Michael Seemann, dass er sich sehr sicher sei, dass Alexander Gauland bei ihm abgeschrieben hat:

Der Beitrag von Herrn Gauland in der „FAZ“ enthält mit leichten Abwandlungen eins zu eins Sätze aus meinem Text für den „Tagesspiegel“. Das sind eindeutige Plagiate. Wie ein Fingerabdruck. Das hat mich erschreckt.

Gauland hingegen lässt einen Sprecher ausrichten, dass er den Text von Seemann nicht gekannt habe.