Suchergebnisse für ‘piratenpartei’

RT deutsch, Lauers Antwort, Admiral Tamm

1. Russische Propaganda für deutsche Zuschauer
(correctiv.org, Camilla Kohrs)
Camilla Kohrs von “Correctiv” hat mehrere Monate über die Medien der Neuen Rechten recherchiert und eine lesenswerte achtteilige Artikelserie vorgelegt. Im aktuellen und letzten Teil der Serie geht es um den russischen Auslandssender “RT deutsch”. Das Besondere bei der Plattform: “RT Deutsch” biete europakritischen Politikern von ganz links und ganz rechts eine Bühne – Hauptsache die Interviewten seien Merkel- und europakritisch.

2. Bedrohter Politiker outet Sparkassen-Mitarbeiter als AfD-Fan
(waz.de, Lars Wienand)
Darf man eine Mail veröffentlichen, samt Foto und Namen des Absenders, auch wenn diese besonders kritisch war und man vielleicht schon durch andere unschöne Nachrichten vorsensibilisiert war? Das ist die Frage, die sich im Falle des Politikers Christopher Lauer (ehemals Piratenpartei, jetzt SPD) stellt, der genau dies bei einem Kritiker getan hat. Dieser hatte für einen Leserbrief an Lauer, wahrscheinlich versehentlich, eine Mailadresse seines Arbeitgebers, einer Kreissparkasse, verwendet. Daraufhin hatte Lauer die Mail öffentlich gemacht. Ein Vorgehen, bei dem es zumindest Zweifel an der Rechtmäßigkeit gibt, so ein hinzugezogener Rechtsanwalt.

3. 25 Beschwerden beim Presserat
(taz.de)
Nach dem Terroranschlag von Berlin gingen beim Deutschen Presserat 25 Beschwerden über die Berichterstattung ein. Hauptsächlich ging es dabei um die unverpixelte Darstellung des getöteten Lkw-Fahrers und Bilder der Leiche des mutmaßlichen Attentäters. Insgesamt seien es deutlich weniger Beschwerden als nach den Terroranschlägen in Paris im November 2015.

4. Software überlistet: US-Bibliothekare erfinden Kunden, um Bücher zu bewahren
(heise.de, Martin Holland)
In einer Bücherei in Florida sortiert eine Bibliothekssoftware vollautomatisch all die Bücher aus, die länger nicht mehr ausgeliehen wurden. Um dies zu verhindern, erfanden Bibliothekare den fiktiven Kunden “Chuck Finley” und ließen ihn in einem Zeitraum von neun Monaten 2.361 Bücher ausleihen. Um finanzielle Vorteile ging es dabei ausdrücklich nicht, trotzdem ist der dafür verantwortliche Mitarbeiter beurlaubt worden.

5. Zum Tod von Peter Tamm: Im Blutmeer
(konkret-magazin.de, Kay Sokolowsky)
Der Journalist, Manager und Verleger Peter Tamm (lange Jahre Vorstandsvorsitzender des Axel Springer Verlages) ist Ende des Jahres im Alter von 88 Jahren verstorben. Ihm zu Gedenken hat “konkret” einen älteren, aber dennoch zeitlosen Artikel aus dem Archiv gekramt. Darin geht es um das, was der sich selbst angeblich “Admiral” nennende Mann, der Welt hinterlässt: ein Marine-Museum. Kay Sokolowsky hat sich das Ganze seinerzeit angeschaut: “Gelegentlich empfindet man beim Rundgang fast Mitleid für den »Admiral«: Welch ungeheure Leere muss ausfüllen, wer so megaloman Nippes auf Nippes häuft? Was ist schiefgelaufen in einem Leben, das dermaßen von Fetischen beherrscht wird?”

6. Krimi, Krimi, Krimi – und das Publikum ist begeistert
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Joachim Huber vom “Tagesspiegel” hat über das Fernsehprogramm der ersten Tage des Jahrs geschaut und hat jetzt schon genug von all den Krimis und der seichten Unterhaltung: “Breaking-News-Momente – woher, warum, von wem, wieso? Da wird es viel Ahnungslosigkeit, viel Schulterzucken geben im weiten Rund der TV-Maniacs, auf jeden Fall einen Überschuss an Überraschung, dass die Fiktion des Fernsehens und die Faktizität der Nachrichten so sehr auseinanderfallen. Und weil so was von so was kommt, ist die Massivität der Krimiunterhaltung ein Fehler. 2017 muss ein Jahr der Information sein.”

Zum “Sex-Killer” erklärt

Gerwald Claus-Brunner, der frühere Politiker der Piratenpartei, den Polizisten am Montag tot in seiner Berliner Wohnung gefunden haben, soll zuvor einen anderen Mann und dann sich selbst getötet haben.

Die heutige Titelseite der “Bild”-Zeitung:

Heute bei Bild.de:

Die “B.Z.” titelt und schreibt:

Die Ermittler vermuten, dass das Opfer vor der Tat sexuell missbraucht wurde.

Und beim “Berliner Kurier” heißt es:

Der Suizid des bekannten Politikers schockte Berlin. Entsetzlicher, was Ermittler jetzt herausfanden: Claus-Brunner tötete und missbrauchte vorher einen Mann (29), fuhr die Leiche sogar noch quer durch Berlin.

Wir haben bei der zuständigen Berliner Staatsanwaltschaft nachgefragt, ob es derzeit Hinweise dafür gibt, dass das Opfer, wie von den Medien behauptet, vor dem Tod missbraucht wurde. Ihr Sprecher Martin Steltner sagte uns, dass er die Berichterstattung nicht bestätigen könne: “Wir haben keine Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch.”

Mit Dank an Fabian S. und Sascha K. für die Hinweise!

Richter, Quellenschutz, G7-Gipfel

1. “G7 – Ein Transparenzbericht”
(flaschenpost.piratenpartei.de, Steve König)
Steve König berichtet aus dem Medienzentrum am G7-Gipfel auf Schloss Elmau 2015: “Eine Kommunikation zu den Delegationen der G7 gibt es so gut wie nicht. Außerhalb von Pressekonferenzen und Briefings ist es nicht möglich, mit ihnen in den Kontakt zu treten. Allerdings gibt es ein reichhaltiges Angebot an Presseterminen: Fotoshooting von der Ankunft in München, Fotoshooting vom Weg zu Schloss Elmau, Fotoshooting vor dem Treffen, zwischen den Treffen, während des Abendessens.” Siehe dazu auch “Nach Merkels Elmau-Show ist Scham angesagt” (heise.de/tp, Florian Rötzer).

2. “Fast 30’000 Mal geteilt: Darum geht ein drei Jahre alter Leserbrief mit Falschinformationen über Asylbewerber viral – und das sagt die Autorin dazu”
(watson.ch, Daria Wild)
Daria Wild geht einem in sozialen Netzwerken geteilten Leserbrief nach, der Zahlungen an Asylbewerber und Zahlungen an Rentner miteinander vergleicht: “Der Betrag, auf den sie sich bezieht, ist eine Pauschale an die Kantone pro Asylbewerber und kein Sackgeld. Kleider kriegen Asylbewerber genauso wenig geschenkt wie die Zahnreinigung – der Vergleich mit den AHV-Beträgen ist an den Haaren herbeigezogen.”

3. “Test zum Quellenschutz: Medienschaffende schlechter als Schimpansen”
(dominiquestrebel.wordpress.com)
Die Bachelorstudie “Der Informanten- und Quellenschutz im schweizerischen Strafrecht” (PDF-Datei) zeige, berichtet Dominik Strebel, dass Journalisten “ihre Möglichkeit zum Informanten- und Quellenschutz generell und stark” überschätzen.

4. “Neue ‘Economist’-Chefredakteurin: ‘Sorry! Wir Briten halten mit niemandem Händchen'”
(spiegel.de, Barbara Hans und Christian Rickens)
“Spiegel Online” spricht mit der neuen “Economist”-Chefredakteurin – weil sie eine Frau ist: “Ganz ehrlich: Wir säßen vermutlich nicht hier, wenn Sie ein Mann wären. Nervt es Sie, wenn sich Journalisten nur für Sie interessieren, weil sie die erste Frau in dieser Funktion sind?”

5. “Die Augen des Revisionsgerichts”
(zeit.de, Thomas Fischer)
Bundesrichter Thomas Fischer legt in einem langen Text dar, wie Entscheidungen am Bundesgerichtshof (BGH) tatsächlich zustandekommen: “Fünf höchstqualifizierte Richter lauschen 16 Stunden pro Woche mit unbewegtem Gesicht, innerem Stöhnen und gelegentlich überwältigender Müdigkeit den ‘Vorträgen’ von Kollegen, die sich redlich, aber vergebens bemühen, 200 Seiten lange hochkomplizierte ‘Einerseits-Andererseits’-Abwägungen umfassend, lückenlos und neutral darzustellen. Anschließend entscheiden drei von fünf Richtern, ob sich in den Formulierungen des Urteilstexts ein Rechtsfehler befindet – und damit über das Schicksal eines verurteilten Menschen –, ohne auch nur eine einzige Zeile des angefochtenen Urteils gelesen zu haben.” Siehe dazu auch “Der Richterkönig lebt!” (faz.net, Volker Rieble, 31. Mai).

6. “5 Ways Powerful People Trick You Into Hating Protesters”
(cracked.com, David Wong, englisch)

Heftig, Strafzettel, Marie Antoinette

1. “‘Buzzfeed-Redakteure müssen verrückt sein'”
(horizont.at, Jakob Steinschaden)
Will Hayward, Vice President von Buzzfeed Europe, im Interview: “Ich finde es auch gefährlich, dass große Medienunternehmen in Großbritannien, Deutschland oder ­Österreich auf den Verfall der Werbepreise damit reagieren, Werbern Zugang zu ihren Redaktionen zu bieten. Bei BuzzFeed tun wir das nicht. Wir ­haben ein großes Redaktionsteam, bei dem Werber keine Chance haben. Dafür haben wir ein Team von Kreativen, die genau wissen, wie wertvoller Content für Marken aussehen muss, und mit diesen Leuten dürfen die Werber sprechen.”

2. “Schlagzeilenprosa”
(faz.net, Harald Staun)
Harald Staun beschäftigt sich mit “Heftig”: “Die Seite läuft auf einer kolumbianischen Domain (heftig.co), als Administrator ist eine Firma in Panama eingetragen, eine Art Impressum weist die Firma Spring Surfer Ltd. in Belize als Betreiber aus. Die Heimlichtuerei hängt vermutlich mit den zahlreichen Urheberrechtsverletzungen zusammen, auf denen die Artikel basieren: Viele Texte sind einfach von andern Seiten geklaut, selbst das Motto ist eine Übersetzung des ‘Upworthy-Slogans’: ‘Dinge die wichtig sind. Erzähl’ sie weiter!'”.

3. “Bullshit-Alarm am digitalen Zeitschriftenregal”
(clickomania.ch, Matthias Schüssler)
Matthias Schüssler kauft die Zeitschrift “Chip” als PDF-Datei: “Warum digitale Zeitschriften nicht markant oder zumindest etwas billiger sind als gedruckte, bleibt völlig unverständlich.”

4. “Dem Volk aufs Maul geschaut”
(notes.computernotizen.de, Torsten Kleinz)
Ein Vorschlag der Piratenpartei im Kommunalwahlkampf in Köln – und was der “Express” daraus macht.

5. “Journalisten brauchen Demut”
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Giovanni di Lorenzo wirke “weltfremd wie Marie Antoinette”, schreibt Thomas Knüwer zu di Lorenzos zweifacher Stimmabgabe bei der Europawahl: “Immer weiter entfernen sich die Journalismus-Granden von der Realität ihrer Leser und deren Ansprüche in Sachen Transparenz. In einer Zeit, in der jeder Mensch in Minuten feststellen kann, dass es verboten ist, bei einer Wahl zwei Stimmen abzugeben, ein angeblicher Top-Journalist dies aber normal findet, tut sich eine Kluft auf.”

6. “Strafzettel für eine sogenannte Verkehrswidrigkeit”
(mequito.org)

Ines Pohl, Bürgerkinder, Westfalenpost

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Der Ekel schaltet Gehirnzellen aus”
(blog.alvar-freude.de)
“Taz”-Chefredakteurin Ines Pohl schreibt in einem Beitrag für den Deutschlandfunk, dass im vergangenen Jahr “250.000 Deutsche rund 20 Milliarden Euro für Bilder und Filme mit nackten Kindern ausgegeben” hätten. “Das bedeutet: durchschnittlich 80.000 Euro, achtzigtausend Euro pro Konsument. Der Ekel hat bei Ines Pohl offensichtlich alle Gehirnzellen abgeschaltet.”

2. “Wie klingt eigentlich eine Zeitung?”
(jawl.net, Christian Fischer)
Auf der Website So-klingt-die-wp.de sucht die “Westfalenpost” ein Soundlogo: “In den AGB, die liest ja eh keiner, versteckt man dann, dass der Gewinner für diese tausend Euro sämtliche Rechte an dem von ihm komponierten Logo abtritt. Die Mitmach-Aktion-Veranstalter dürfen das Soundlogo wo und wann auch immer sie wollen abspielen, sie dürfen es weiter bearbeiten, sie dürfen es sogar weitergeben und sie sind auf immer und ewig die einzigen die das alles dürfen. Schicke Sache, so für tausend Euro. Glaubt mir: das ist ziemlich günstig.”

3. “Piraten dementieren Bombergate”
(taz.de, Sebastian Heiser)
Die Bundespressesprecherin der Piratenpartei sendet der “taz” per E-Mail einen “Korrekturhinweis”, doch diese will von ihrer bisherigen Berichterstattung nicht abrücken. “Wenn Anne Helm den Prozess gegen den Berliner Kurier und die taz gewinnt, ist das Verfahren für sie kostenlos und sie kann zudem Schmerzensgeld wegen der Falschberichterstattung einfordern.”

4. “Die Lanz-Stromberg-Filter-Bubble”
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Gelangweilt liest Christian Jakubetz den x-ten Verriss der ZDF-Show “Wetten, dass..?”. “Der SZ/SpOn-Leser will bestätigt wissen, wie recht er hatte, die Sendung nicht zu schauen und den Lanz doof zu finden. Wenn es also eine Art Lanz-Filter-Bubble gibt, dann tun SZ und ‘Spiegel’ gerade alles dafür, dass diese Blase ja nicht platzt.”

5. “Seitdem bewegt sich niemand mehr”
(perlentaucher.de, Anja Seeliger)
“Die teilweise erstickende Uniformität und Leere im deutschen Kulturbetrieb ist genau den Bürgerkindern geschuldet, die sich jetzt die Stellen und öffentlichen Gelder teilen”, schreibt Anja Seeliger zur Personalsituation (auch) in den Feuilletons. “Frank Schirrmacher wurde mit 35 Jahren Herausgeber der FAZ und damit unkündbar. Das ist zwanzig Jahre her, gut möglich, dass noch zwanzig dazukommen. Thomas Steinfeld leitet seit 1997 als Chefredakteur erst das Literaturressort der FAZ und dann das Feuilleton der SZ. Das sind 17 Jahre. Wer jetzt noch mit einem festen Vertrag in einer Zeitungsredaktion sitzt, wird dort, wenn es irgend geht, bis zur Pensionierung ausharren. Wie kann in solchen Verhältnissen Durchlässigkeit entstehen?”

6. “Jimmy Kimmel Reveals ‘Epic #SochiFail: Wolf in My Hall’ Prank”
(youtube.com, Video, 8:05 Minuten)

Skilift, Selbstentzündung, Schupelius

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Pöse, pöse Piraten? Pöse, pöse Presse!”
(wp.fink.sh, Oliver Fink)
“Kreuzberg verweigert Bürgern die Ehrung, wenn sie in einer Kirche engagiert sind”, schreibt Gunnar Schupelius in der “B.Z.”. Dagegen sagt Jessica Zinn, Fraktionschefin der Piratenpartei: “Menschen, die sich im Rahmen einer Kirche ehrenamtlich engagieren, können weiter geehrt werden. Wir fanden nur, niemand sollte geehrt werden, nur weil er zum Beispiel evangelisch ist.”

2. “47 Stockwerke, 11 Lifte und eine ‘lächerliche Lüge'”
(20min.ch, Karin Leuthold)
Karin Leuthold spricht mit Rafael Ballesta, Verkaufsleiter für Apartments des Intempo-Hochhauses, das angeblich mit fehlenden Aufzügen gebaut wurde (BILDblog berichtete). Er habe der “im Internet Hunderte falsche Berichte über das InTempo-Gebäude gelesen”: “Von all den Schreibern haben sich kaum vier Prozent bei mir gemeldet und nachgefragt, ob die Informationen stimmen.”

3. “Journalisten im Krisenherd Ägypten”
(ndr.de, Video, 4:14 Minuten)
In Ägypten übt die aktuelle Regierung massiven Druck aus auf die Ausrichtung der Berichterstattung. “Zwei Jahre nach der Revolution ist das Experiment mit der Pressefreiheit gescheitert. Auf den Straßen Ägyptens müssen Journalisten heute Angst haben.”

4. “‘Spontane Selbstentzündung’ oder Kindesmissbrauch?”
(blog.gwup.net, Bernd Harder)
“Der dreimonatige Rahul aus Indien leidet unter einer seltenen und gefährlichen Krankheit: der spontanen menschlichen Selbstentzündung”, ist auf Blick.ch zu lesen. Bernd Harder zweifelt daran.

5. “Kims Skiliftparadies — Von der Überwindung der Moral”
(nordkoreainfo.wordpress.com, tobid001)
Tobid001 liest Meldungen über die Auswirkungen von im Juli verschärften Sanktionen gegenüber Nordkorea.

6. “Kein Interview mit Künast”
(mittelhessen.de)
Mittelhessen.de spricht 90 Minuten mit Politikerin Renate Künast: “Allerdings haben wir auf die Veröffentlichung dieses Interviews verzichtet, weil die Grünen bei der üblichen Autorisierung derart massive redaktionelle Eingriffe in den Text vornahmen, dass er das geführte Interview in völlig anderem Licht erscheinen ließ.”

Movie2k, Bundestagswahl, Intellektuelle

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “The man behind the great Dickens and Dostoevsky hoax”
(guardian.co.uk, Stephen Moss, englisch)
Stephen Moss besucht AD Harvey, der ein angebliches Treffen zwischen Charles Dickens und Fjodor Michailowitsch Dostojewski im Jahr 1862 erfunden hatte. Siehe dazu den sehr ausführlichen Artikel “When Dickens met Dostoevsky” (the-tls.co.uk, Eric Naiman, 10. April, englisch).

2. “Sehnsucht nach dem guten König”
(begleitschreiben.net, Gregor Keuschnig)
Was passiert eigentlich, wenn der Intellektuelle überrascht, fragt Gregor Keuschnig. “Klopfen dann nicht die gleichen, die das Engagement des Intellektuellen mit Verve gefordert haben, die entsprechenden Äußerungen auf ihre eigene Meinung ab? Und was passiert, wenn dies dann nicht mit dem längst vorgebildeten Urteil der Redaktion, der Partei, der NGO übereinstimmt? Mindestens winkt dann das Etikett ‘umstritten’, wenn nicht gar noch Schlimmeres: Der Ausstoß aus dem mehr oder weniger exklusiven Club der gutmeinenden Welterklärer.”

3. “‘Kate: Das Baby ist da!'”
(tagesspiegel.de, Fritz Habekuß)
Schlagzeilen der deutschsprachigen Regenbogenpresse: “Als ‘der neue Mann an Heidi Klums Seite’ wurde Ralf Höcker Lesern einmal vorgestellt. Was daran stimmte: Höcker ist ein Mann. Und neu an der Seite der Moderatorin. Unterschlagen wurde: Er war nur ihr neuer Medienanwalt.”

4. “movie2k-Aus: Diese Portale protifieren”
(meedia.de, Jens Schröder)
Die Streaming-Website Movie2k.to hatte etwa so viele Besucher wie Bild.de oder Spiegel.de. Jens Schröder versucht herauszufinden, wer davon profitierte, als die Plattform im Mai offline ging. “Die Fans der illegalen Portale werden im Umkehrschluss nicht auf legale Plattformen wechseln, so lang es dort eben nicht die neuesten Filme gibt.”

5. “Endlich raus aus dem Sachsensumpf”
(taz.de, Michael Bartsch)
Thomas Datt und Arndt Ginzel werden rechtskräftig freigesprochen: “Beide Journalisten waren 2008 wegen übler Nachrede angeklagt worden. Es ging um zwei Beiträge in Spiegel und in Zeit online, in denen in Frageform die möglichen Verstrickungen sächsischer Justizbeamter in Leipziger Korruptionsnetzwerke beleuchtet wurde.”

6. “protestwahl”
(wirres.net, Felix Schwenzel)
Die Bundestagswahl 2013: Felix Schwenzel hat sich entschieden, “das erste mal in meinem leben nicht wählen zu gehen”. “dann habe ich aber weiter drüber nachgedacht und mich erinnert, dass die enthaltung meistens genau die falschen stärkt. (…) deshalb wähle ich am 22. september die piratenpartei. nicht weil ich ihnen zutraue wirklich etwas zu ändern oder zu entern, nicht weil ich glaube, dass sie bald zu sinnen kommen und sich nicht mehr selbst oder gegenseitig zerreiben, sondern weil sie ein symbol dafür sind, dass sich etwas ändern muss und wir uns auf unsere demokratischen wurzel zurückbesinnen sollten. wer glaubt dass das naiv ist hat möglicherweise recht.”

Der imaginäre Umfragen-Aufwind der Piraten

Dafür, dass die Medien kaum etwas für so nachrichtenträchtig halten wie Meinungsumfragen, tun sie sich erstaunlich schwer, sie korrekt zu interpretieren.

Heute berichtet die Nachrichtenagentur dpa in mehreren Meldungen, dass die Piratenpartei “Aufwind in Umfragen” erfahre:

Nach vielen Rückschlägen über Monate hinweg geht es für die Internet-Partei laut Umfragen endlich wieder aufwärts. Im Wahltrend der “Bild am Sonntag” liegt sie nun mit vier Prozent auf Augenhöhe mit der FDP.

Entsprechend schreibt “Spiegel Online”, die Umfrage sorge auf dem aktuell in Neumarkt stattfindenden Bundesparteitag der Piraten für “gute Laune”, und behauptet: “Das Umfrageergebnis ist nach Monaten der erste Hoffnungsschimmer für die Partei (…).”

Keineswegs.

Auch in der Vorwoche hatte die Emnid-Umfrage für die “Bild am Sonntag” die Piraten schon bei vier Prozent gesehen, ebenso wie übrigens auch einmal im April, den größten Teil des Februar und den ganzen Januar.

Die neue Umfrage zeigt keinen “Aufwind” für die Piraten: Sie stagnieren laut Emnid bei vier Prozent (siehe Ausriss).

Um einen Aufwärtstrend zu konstruieren, müsste man die wöchentlichen Emnid-Umfragewerte mit denen anderer Institute vergleichen, zum Beispiel denen von Forsa für den “Stern” und RTL, die die Piraten aktuell bei 2 Prozent sehen. Wenn das funktionierte, könnte man aber zum Beispiel auch jede Woche vermelden, dass die SPD im Aufwind und im Sturzflug ist: Forsa schätzt die Wahlchancen der Sozialdemokraten nämlich chronisch niedriger ein als die anderen Institute. So würde jede neue Forsa-Umfrage (im Vergleich mit Emnid) einen Absturz der SPD in der Wählergunst bedeuten und jede neuen Emnid-Umfrage (im Vergleich mit Forsa) einen Zuwachs.

Nachtrag, 14:35 Uhr. Das ging schnell. Die dpa hat ihre Zusammenfassung berichtigt mit den Hinweis, die Neufassung stelle “in Überschrift und Text die Entwicklung bei den Umfragen klar: Kein Aufwind, da Emnid schon vergangene Woche für die Piraten 4 Prozent errechnet hatte.”

dpa, n-tv.de  etc.

Die Nichtzahlen nichtzahlender Piraten

Die größten Schlagzeilen sind Nachrichten, die sehr unwahrscheinlich sind. Das Problem ist nur, dass Nachrichten, die sehr unwahrscheinlich sind, oft auch gar nicht stimmen.

Die Nachricht, die die Agentur dpa am heutigen Sonntagmorgen über die Ticker schickte, klang sehr unwahrscheinlich: In Niedersachsen gebe es in der Piratenpartei nur noch zwei Menschen, die ihren Mitgliedsbeitrag zahlen. In Bayern und Baden-Württemberg sei der Anteil der zahlenden Mitglieder innerhalb eines guten Jahres “dramatisch” gefallen: von über 50 Prozent auf sechs bis sieben Prozent.

Inbesondere die Angaben über Niedersachsen wären ein guter Anlass gewesen, die dpa-Zahlen zu bezweifeln, denn bei den Piraten sind nur zahlende Mitglieder stimmberechtigt, und in Niedersachsen hat gerade erst vor vierzehn Tagen ein Parteitag stattgefunden — mit offenkundig mehr als zwei Stimmberechtigten.

Quelle für die dpa-Meldung war eine Aufstellung der Piraten im Internet, aus der sich auch scheinbar ergab, dass in Bremen kein einziger Pirat seine Mitgliedsbeiträge zahlte.

Allerdings stand über der Tabelle auch ein etwas kryptischer Hinweis, der der Agentur und den Medien vielleicht eine Warnung hätte sein sollen:

Diese Zahlen beruhen auf (noch nicht bearbeiteten) Anträgen und den schon eingepflegten Mitgliedsanträgen der Landesverbände.

Inzwischen hat die Partei den Hinweis deutlich erweitert. Jetzt lautet er:

Diese Zahlen beruhen auf (noch nicht bearbeiteten) Anträgen und den schon eingepflegten Mitgliedsanträgen der Landesverbände. An jedem 01.01. eines Jahres setzen wir den Stand der stimmberechtigten Mitglieder wieder auf “0” weil dann ein neues Jahr beginnt und damit laut Satzung die Stimmberechtigung für Mitglieder vorerst nicht gegeben ist.

Die Mitglieder zahlen in der Regel ab Dezember und im ersten Quartal regelmäßig ihren Beitrag auf unsere Konten ein. Sobald die Schatzmeister diesen Eingang in unserer zentralen Buchhaltung buchen, sehen wir intern den aktuellen Stand unserer stimmberechtigten Mitglieder. Unsere Schatzmeister arbeiten ehrenamtlich, in der Regel sind sie im Frühjahr noch damit beschäftigt, das Vorjahr ordnungsgemäß zu buchen. Diese Buchungen sind für unsere Schatzmeister aktuell vorrangig, bevor sie die Mitgliedsbeiträge im laufenden Jahr buchen, damit der Abschluss des Vorjahres fertiggestellt werden kann.

“Spiegel Online” hatte am Morgen die falsche dpa-Meldung übernommen, aber nach Hinweisen auf Twitter schnell selbst recherchiert und transparent korrigiert. Aus der Überschrift “Schlechte Zahlungsmoral: Mehrheit der Piraten zahlt Mitgliedsbeitrag nicht” wurde “Fehlende Jahresbeiträge: Verwirrung um Zahlungsmoral der Piraten”.

Die Bundesschatzmeisterin Swanhild Goetze veröffentlichte noch am Vormittag eine Erklärung.

Die Agentur dpa verabschiedete sich nur zögernd von ihrer Berichterstattung. Um 11:23 Uhr warnte sie ihre Kunden:

Der Bundesverband der Piratenpartei hat in Medienberichten angegeben, dass die im Internet verbreitete Aufstellung über die Zahl der Mitglieder nicht aktuell ist. Diese Angaben waren Ausgangspunkt der dpa-Umfrage “Piraten leiden unter dramatischem Schwund zahlender Mitglieder”. dpa bietet schnellstmöglich eine klärende Berichterstattung an.

Erst um 12:59 Uhr rief sie ihre Meldung zurück. In einer Neufassung um 14:42 Uhr heißt es nun:

Bei Piraten zeichnet sich sinkende Zahlungsmoral ab

Berlin (dpa) – In mehreren Landesverbänden der Piratenpartei zeichnet sich ein Schwund zahlender Mitglieder ab. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur dpa unter den Verbänden schlagen sich die Querelen in der Bundesspitze teilweise auch auf die Zahlungsmoral der stimmberechtigten Mitglieder nieder. “Die Tendenz ist klar”, hieß es am Sonntag aus Kreisen der süddeutschen Landesverbände. (…)

Die Bundespartei bestritt am Sonntag, dass sich aus den ins Internet gestellten Mitgliederzahlen ein Trend zum Rückgang ablesen lasse. Nach dieser Statistik wäre die Zahl der zahlenden Mitglieder von 60 Prozent Ende 2011 auf etwa ein Drittel Anfang 2013 gefallen. Es handele sich jedoch nur um Arbeitsstände der Landesverbände, aus denen sich nicht schließen lasse, wieviele Mitglieder aktuell ihre Beiträge bezahlt hätten und damit stimmberechtigt seien, sagte Bundesschatzmeisterin Swanhild Goetze der dpa.

Doch nicht alle Medien, die die dpa-Meldung übernommen hatten, wollten sich wieder von den aufregenden Zahlen verabschieden. So referiert n-tv.de erst das Dementi der Piraten, behauptet dann aber unberirrt:

Der größte Landesverband in Bayern hat 6835 Mitglieder – 2500 mehr als Ende 2011. Davon zahlten aber nur noch 470 Beiträge. Das sind noch 7 Prozent der Mitglieder. (…)

Düstere Zahlen verzeichnen auch die Piraten in Baden-Württemberg. Gerade mal 6 Prozent der Mitglieder zahlen noch ihren Beitrag. (…)

In Niedersachsen ist es in Sachen Finanzen noch schlimmer: Von den 782 Zahlern 2011 sind noch ganz 2 übrig geblieben.

Dass das nicht stimmt, ist für n-tv.de kein Grund, es nicht mehr zu behaupten.

Mit Dank an Christian N.

Nachtrag. n-tv.de hat den Artikel überarbeitet und um den Text ergänzt:

An dieser Stelle wurde ursprünglich gemeldet, dass der Anteil der zahlenden Mitglieder von 60 Prozent (Ende 2011) auf etwa ein Drittel (Anfang 2013) gefallen sei. Diese Information ist falsch. Sie beruhte auf einem Missverständnis der im Internet aufgeführten Mitgliederstatistik.

Verpeiljournalismus: Der falsche Pirat

Vermutlich wäre schon viel gewonnen, wenn man die Berichterstattung über die Piratenpartei ausschließlich Journalisten überließe, die das Internet bedienen können.

Die könnten zwar natürlich immer noch, wie stern.de, behaupten, dass die “Verpeilten Piraten vor dem Untergang” stehen, wenn sie bei der Landtagswahl in Niedersachen nicht mehr als drei Prozent der Stimmen bekommen. Sie könnten natürlich auch weiterhin bemängeln, dass im Programm zu einer Landtagswahl (!) so gut wie nichts über die “großen Themen – wie geht es weiter mit dem Euro?” zu lesen sei.

Aber sie würden wenigstens den Twitter-Account des Piraten-Bundesvorsitzenden Bernd Schlömer von einem Scherz-Account von jemandem unterscheiden können, der sich “Größter Vorsitzender aller Zeiten” nennt, als Motto “PIFF PAFF alles kapottschießen!” angibt und in seinem Profilbild über ein Foto von Schlömer die Ausrufe “GEIL!” und “RATATATATA” gesetzt hat:

Die stern.de-Autorin Katharina Grimm konnte das nicht unterscheiden, weshalb sie in ihrem Artikel ein Zitat des falschen Schlömers für ein Zitat des echten Schlömers ausgibt:

Der Parteivorsitzende, Bernd Schlömer, will gegensteuern. "Die Piratenpartei darf intern keine Diktatur der ahnungslosen Massen bleiben", schrieb er auf Twitter.

Seit fast zwei Tagen steht das trotz Hinweisen auf den Fehler unkorrigiert da. Vielleicht ist es doch keine Frage des Könnens, sondern des Wollens.

Nachtrag, 19.40 Uhr. Jetzt hat stern.de sich unter Verweis auf diesen Blog-Eintrag doch korrigiert, das falsche Zitat entfernt und sich für den Fehler entschuldigt.

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