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Hitlers Cognac und die falschen Flaschen von der „Bild“-Zeitung

Die Leute von Bild.de wollen, dass ihre Leser für manche Artikel zahlen, „Bild+“ nennen sie dieses Abo-Modell. Klar, dass die Redaktion da schon was Besonderes bieten muss. Zum Beispiel solche Service-Artikel:

Die Tipps für die Bilderklau-Suche sollte sich auch mal François aus dem Cognac-Forum anschauen. Der hatte vor zweieinhalb Jahren nämlich in Paris ein paar alte Flaschen Schnaps ausfindig machen können und diesen dollen Fund stolz seinen Sammler-Kollegen im Internet präsentiert. Und wo findet man François‘ Cognac-Fotos seit heute ohne irgendeine Quellenangabe wieder? Logo:

Nach Hitlers Badewanne, Hitlers Pferden und Eva Brauns Schlüpfer jetzt also der Cognac-Keller.

Die Entdeckerstory läuft groß bei Bild.de

… etwas kleiner in der „Bild“-Bundesausgabe …

… und riesengroß in der Dresdenausgabe:

Und jedes Mal dabei: die Flaschen von François, die rein gar nichts mit Hitlers angeblichem Cognac-Keller zu tun haben.

Autor der Geschichte ist „Bild“-Redakteur Jürgen Helfricht. Genau, DER Jürgen Helfricht: Erfinder des Katzenbenzins, kritischer Beobachter der „LAUSITZ-WÖLFE“, kritischer Beobachter aller anderen Wölfe, Enthüller der seit Jahrzehnten bekannten „Wahrheit über den Dresdner Feuerstum“, Rechtehändler des Sandmanns und Weinkenner.

Logisch, dass nur dieser „Bild“-Tausendsassa Adolf Hitlers geheimen Cognac-Keller entdecken kann, und zwar in der Nähe des sächsischen Wasserschlosses Moritzburg:

Während Deutschland hungerte, versteckte Adolf Hitler (†56) hier Ende 1944 seine Delikatessen und Unmengen Cognac…

Neben dem Alkohol habe Hitler auch noch „hunderte Kisten“ mit „Käse, Leibnitz-Keksen, Butter, Salamiwurst, Kaffee, Schokolade, Zigaretten“ dorthin geschafft, schreibt Helfricht.

Nun soll Adolf Hitler seit seiner Jugend Nichtraucher gewesen sein und keinen Alkohol getrunken haben, später auch keinen Kaffee mehr und seit 1932 vegetarisch gelebt haben. Doch für Jürgen Helfricht und „Ortschronist“ Silvio Stelzer ist das kein Grund, an ihrer Entdeckung zu zweifeln.

Von Hobby-Historiker Stelzer kam der entscheidende Tipp zu Hitlers geheimer Lagerstätte. Ihm gehört der Fundort, an dem er zufällig ein Restaurant betreibt. Helfricht widmete dem Gastronom erst vor sechs Wochen einen größeren Artikel.

Gemeinsam erkundete das Duo jetzt die Kellerräume. Der einzige Hinweis darauf, dass die angeblich mit Hitler zu tun haben, ist dieser eine Satz:

Der Ortschronist fand die Sensation kürzlich in den Aufzeichnungen des letzten Schlossbewohners Prinz Ernst Heinrich von Sachsen (1896-1971).

Was genau in diesen „Aufzeichnungen“ stehen soll, verrät Helfricht nicht, er geht mit keinem weiteren Wort auf den vermeintlichen Beweis ein. Blöderweise haben Helfricht und Stelzer — der das Kellergewölbe mit einer Taschenlampe betritt und auf dem nächsten Foto plötzlich einen Kerzenständer in der Hand hält — nicht einmal Belege dafür, dass in Moritzburg all die Fressalien mal zu finden waren.

Stelzer: „Der Sachsens-Prinz [sic] erhielt für das Verstecken der Kisten ein Führerpaket mit Delikatessen. Von all den Lebens- und Genussmitteln blieb nichts übrig. Nach dem 8. Mai 1945 plünderten russische Truppen alles.“

Und genau deswegen brauchte Jürgen Helfricht die Fotos von François‘ verstaubten Cognac-Flaschen, die er und „Bild“ (ohne Quellenangabe) so präsentieren, als stammten sie aus Hitlers Sammlung. Dann sieht es zumindest auf den ersten Blick so aus, als könnte an dieser Geschichte tatsächlich was dran sein.

Mit Dank an Philipp!

Bild  

Wenigstens im Wein liegt Wahrheit

Wein und Journalismus eint, dass es sie in unterschiedlichen Qualitätsstufen gibt und man von schlechtem bisweilen Kopfschmerzen bekommt. Im Unterschied zum Journalismus ist die Qualität von Weinen allerdings gesetzlich geregelt.

Und damit zu „Bild“: Am Dienstag ließ Jürgen Helfricht (Experte für Sandmännchen, Wölfe und Katzenbenzin) in der Dresdner Regionalausgabe einen „mutigen Elbtal-Winzer“ „enthüllen“:

Mutiger Elbtal-Winzer enthüllt: Beim teuren Sachsen-Wein wird gepanscht

Nun schmälert den Mut des Elbtal-Winzers vielleicht ein wenig, dass er das nicht über den eigenen Wein enthüllt, sondern über die Produkte eines Konkurrenten. Und die Enthüllung ist auch nicht mehr ganz so spektakulär, wenn man weiß, dass auch dieser Konkurrent gar nicht gepanscht haben soll: Der sächsische Winzer hatte nämlich nicht etwa Zusatzstoffe wie Glykol in seinen Wein gemischt, sondern schlicht „Wein aus der Pfalz geholt“ und in Flaschen gefüllt, auf deren Etikett groß „Pfalz“ steht. Eine Praxis, die „Bild“ selbst als „legal, aber jetzt in der Kritik“ beschreibt.

Auch die Winzergenossenschaft Meißen wird angegriffen:

Die Winzergenossenschaft Meißen, die mit dem „ehrlichen Genuss“ sächsischer Weine wirbt, versteckt die Herkunft ihres „Hausweines“ namens „Winzerschoppen“ (Flasche 7,55 Euro) neuerdings schamhaft auf der Rückseite: „20 Jahre nach der Wiedervereinigung machen wir möglich, was vorher nicht ging: Die Vermählung von Weinen aus Ost und West.“ Im Klartext: Hier kauft man einen Mix, von dem man nicht weiß, wie viel Sachsen drin steckt!

Damit hat sie es sogar zum „Verlierer“ auf Seite 1 der Bundesausgabe geschafft:

Verlierer: Der Sächsische Wein hat seine Reinheit verloren. Statt des edlen und teuren sächsischen Tropfens wird immer häufiger auch Wein aus der Pfalz, Baden und Mosel mitabgefüllt. Selbst die Winzergenossenschaft Meißen, die mit dem "ehrlichen Genuss" wirbt, verkauft als "Hauswein" einen Ost-West-Mischmasch. BILD meint: Wohl zu tief ins Glas geschaut?

Doch die Reinheit des Sächsischen Weins ist nicht in Gefahr, der Skandal, den „Bild“ daraus zu konstruieren versucht, ist keiner: Die Winzergenossenschaft Meißen nennt den „Ost-West-Mischmasch“ auf ihren Etiketten nicht etwa „Sächsischen Wein“, sondern bezeichnet ihn als „Deutschen Wein“. Diese Bezeichnung sieht das deutsche Weinrecht vor für einen Verschnitt aus Trauben, die in Deutschland angebaut wurden. So erklärt es der Deutsche Raiffeisenverband in einer Pressemitteilung.

Ein „Qualitätswein aus Sachsen“ enthalte auch weiterhin „zu 100 Prozent Trauben aus dem geografisch streng abgegrenzten Gebiet Sachsen“. Aber wo wäre da die Geschichte?

„Bild“ macht Wessi aus Sandmännchen

Jürgen Helfricht, der Mann, der für „Bild“ aus Katzen Benzin macht, kennt sich damit aus, anderen Sand in die Augen zu streuen.

Und so schrieb Helfricht gestern unter der (insbesondere in den ostdeutschen „Bild“-Ausgaben, in denen die folgende Geschichte ausschließlich zu lesen war) berückenden Überschrift…

"Sandmann in den Westen verkauft"

… dass „der Osten“ ab 1. April „die Lizenz für seinen größten TV-Liebling“ verliere:

Generationen von Kindern brachte Sandmännchen (…) seit 1959 ins Bett. Und bis heute schalten ihn täglich 1,5 Mio. Fans ein. Genauso erfolgreich ist der TV-Knirps als Märchenfigur auf den Bühnen zwischen Rügen und Fichtelberg.

Doch damit ist jetzt Schluss. Ausgerechnet zum 50. Sandmann-Geburtstag hat der RBB die Sandmann-Lizenz in den Westen verkauft. Und zwar an das Kölner Theater Cocomico.

(…) Der Vertrag läuft vorerst zwei Jahre. Danach können wir wieder auf unseren Sandmann hoffen!

Schnüff. Beziehungsweise so irreführend, dass der öffentlich-rechtliche RBB gestern bei Helfricht anrief, um ihn darauf hinzuweisen.

„Sächsische Zeitung“ vom 21.2.2009:

„Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) hat die Lizenz an den Aufführungsrechten neu vergeben. (…) Die Ausstrahlung im Fernsehen bleibt von den Aufführungsrechten unbeeinflusst.“

Denn „verkauft“ (im Sinne von neu vergeben) hat der Sender, wie uns heute ein RBB-Sprecher auf Anfrage sagt, „ausschließlich die Musical-Rechte“ fürs Sandmännchen, mehr nicht. Für Figur, Sendung usw. bleibt alles wie gehabt – was, wie offenbar auch „Bild“-Mann Helfricht wusste, zwei Tage vor „Bild“ auch schon in der „Sächsischen Zeitung“ stand (siehe Kasten). Statt bislang jährlich 10 Sandmännchen-Aufführungen im Osten Deutschlands soll es ab August 60 Aufführungen in zwei Jahren geben – in Bonn und Bergisch Gladbach, aber auch in Potsdam, Berlin, Neubrandenburg, Frankfurt/Oder, Gera, Rostock, Schwerin, Dresden …

Genutzt hat der RBB-Anruf bei Helfricht wenig.

Denn heute berichtet er in „Bild“ wieder über das Sandmännchen:

Der schnelle Verkauf unseres Sandmännchens in den Westen – Tausende Kinder zwischen Rügen und Fichtelberg sind traurig. (…) „Die Entscheidung, die Lizenz nach Köln zu geben, ist uns nicht leicht gefallen“, räumt RBB-Sprecher Ralph Kotsch (48) ein.

Letzteres sei übrigens, wie uns der RBB-Sprecher glaubhaft versichert, ein Satz, den „Bild“-Mann Helfricht „komplett frei erfunden“ habe. Er selbst habe das „nie gesagt“ – nicht zuletzt deshalb nicht, weil das Sandmännchen im Westen ohnehin längst so beliebt ist wie, ähm, „zwischen Rügen und Fichtelberg“ und 20 Jahre nach dem Mauerfall eigentlich nicht zum Ost-West-Konflikt tauge.

Enthüllt: „Bild“ kennt die Wahrheit jetzt auch

Anders als etwa bei den „Benzinkatzen“ kann man bei der „Wahrheit über den Dresdner Feuersturm“, die Jürgen Helfricht am Montag in die „Bild“-Zeitung schrieb, nicht einmal sagen, dass sie nicht wahr wäre.

Und doch ist es falsch, wenn Helfricht schreibt:

"Enthüllt!"
(…) 63 Jahre nach dem Inferno von Dresden ist endlich klar, was rund 30 000 Menschen den Tod brachte und die Stadt verwüstete. Kein Phosphorhagel, wie Augenzeugen tausendfach erzählten, sondern das noch gefährlichere Thermit! Das fand jetzt der Koblenzer Historiker Dr. Helmut Schnatz (74) heraus.

„Enthüllt“? – Was für Helfricht „jetzt“ „endlich klar“ ist, ist eigentlich seit vielen Jahren bekannt, wie man z.B. bei Spiegel Online (2005) oder in Websters „History of the Second World War“ (1961) nachlesen kann – und wie uns auf Nachfrage auch der in „Bild“ zitierte Historiker Helmut Schnatz (mit Hinweis auf den „vereinfachenden aufblasenden Stil der ‚Bild‘-Zeitung, auf den man als Befragter leider kaum Einfluß hat“) bestätigt:

Sie haben natürlich recht darin, daß der Abwurf von Stabbrandbomben mit Thermit-Füllung nichts neues ist, auch nicht auf Dresden.

Aus dem „Bild“-Archiv
"Jetzt enthüllt: Es war auch Napalm!"
So berichtete „Bild“ am 9.2.2005 über eine umstrittene Behauptung aus der ZDF-Doku „Das Drama von Dresden“. Der Historiker Schnatz nennt die damalige „Napalm“-Behauptung übrigens „Unsinn“.

Neu sei „nur“, so Schnatz, dass er eine weitere Bestätigung für die längst bekannte Thermit-Wahrheit ausfindig machen konnte. Das sei „alles ein bißchen kompliziert“.

Womöglich aber ist Helfrichts schlichte „Wahrheit über den Dresdner Feuersturm“ bloß eine verspätete Korrektur eines anderen Artikels aus seiner Feder. Schließlich hatte er am 12. Februar 2005, also fast auf den Tag genau drei Jahre vor seinem jetzigen „Enthüllt!“-Artikel, in „Bild“ geschrieben:

Eine Nacht in Dresden wurde zum deutschen Alptraum. (…) Wie glühende Lava floß Phosphor aus brennenden Häusern auf die Straße.

Mit Dank an Boerries K. für den Hinweis – und Waldemar K. für den Scan.

Allgemein  

Das Märchen vom Wolf und den fünf Experten

Am Dienstag veranstaltete das Bundesumweltministerium in Berlin eine Tagung „Wer hat Angst vorm bösen Wolf?“. Es ging darum, wie bei einem solch konfliktreichen, emotionalisierten Thema wie der Wiederansiedelung des Wolfes in Deutschland eine sachliche Auseinandersetzung gelingen kann.

Am gleichen Tag demonstrierte die „Bild“-Zeitung, wie leicht es ihr fällt, bei diesem Thema jede sachliche Auseinandersetzung zu torpedieren. Jürgen Helfricht, in Dresden bei „Bild“ der Mann fürs Grobe und einschlägig bekannt, schrieb diesen Artikel:

EXPERTEN FORDERN: Schießt die deutschen Wölfe ab!

(…) Jetzt warnen internationale Experten vor den Tieren, fordern ihren Abschuss! Lesen Sie selbst, was die Fachleute sagen.

Was die fünf „Fachleute“ aus drei Ländern sagen, liest sich tatsächlich erfrischend eindeutig. Einer behauptet:

„Menschen sind die natürlich Beute des Wolfes.“

Ein anderer:

„Ich erwarte, dass bald Kinder von den Wölfen getötet werden.“

Hinter die Warnungen schreibt „Bild“ noch den erschütternden Satz:

Sachsens Umweltminister will die Experten ignorieren.

Und fügt, ein bisschen verwirrend, die Information hinzu:

Eine Umfrage des „Internationalen Tierschutz Fund“ (IFAW) ergab: Seit Jahrzehnten kam es in keinem europäischen Land mit Wolfsbestand zu Angriffen auf Menschen.

Ach.

Eine Umfrage auf der Tagung des Bundesumweltministeriums ergab nach Angaben einer Teilnehmerin, dass keiner der anwesenden internationalen Experten die „internationalen Experten“ von „Bild“ kannte. Allerdings scheinen sich die „internationalen Experten“ von „Bild“, wie ein Gruppenfoto in „Bild“ andeutet, untereinander zu kennen. Sie sitzen alle gemeinsam auf einem Sofa mit Joachim Bachmann. Und den kennen wir.

Bachmann ist Jäger, Gründer des Vereines „Sicherheit und Artenschutz“, der dafür kämpft, die Wölfe in Deutschland wieder auszurotten. Er empfindet es laut „FAZ“ als eine Ehre, unter den Wolfsfreunden in der Lausitz als „Wolfsfeind Nummer eins“ zu gelten. Die „Sächsische Zeitung“ zitiert ihn mit den Worten: „Mit dem Wolf ist es wie mit dem Krebs im Körper. Wenn sie ihn frühzeitig bekämpfen, haben sie hohe Heilungschancen. Wenn sie warten, bis die Metastasen da sind, haben sie nur noch fünf Prozent Heilungschancen.“

Das Wildbiologische Büro „Lupus“, das in der Lausitz die Rückkehr der Wölfe fachlich begleitet und von „Bild“ und Bachmann heftig kritisiert wird, sagte gegenüber BILDblog, die „internationalen Experten“ von „Bild“ seien allesamt von Bachmanns „Sicherheit und Artenschutz e.V.“ in die Lausitz eingeladen worden. Was natürlich erklärt, warum ihre Forderungen so sehr übereinstimmen. Und warum sie in keiner Weise repräsentativ sind.

Mit der gleichen Logik, mit der „Bild“ diese Leute schlicht zu Wolfs-„Experten“ macht, könnte sie auch CDU-Politiker zu Fachleuten für die SPD erklären („Experten fordern: Wählt keine Sozialdemokraten!“). Oder sich selbst zum Experten für Wahrheit.

PS: Gestern legte Jürgen Helfricht in einem weiteren „Bild“-Artikel nach. Der Text begann mit den Worten:

„Die Angst der Menschen vor den rund 30 Lausitz-Wölfen wächst von Woche zu Woche!“

Na, woher das wohl kommt.

Danke auch an Benjamin S.!

Neues vom Rotkäppchen

Heute reden wir über Wölfe. Oder, wie „Bild“ sie nennt: WÖLFE.

In der Lausitz gibt es seit kurzem wieder ein paar. In der Lausitz liegt auch Löbau, und irgendwo bei Löbau lebt eine kleine Familie mit ihrer fünf Monate alte Tochter sehr, sehr naturnah in einer kleinen Hütte im Wald. Zwei Tage in Folge hatte „Bild“ relativ friedlich über den „Waldkauz“ und sein Kind geschrieben, aber dann musste wohl ein bisschen Action her. Die Wendung deutete sich schon am Ende des zweiten Artikels an:

Ist ein Leben im Wald gefährlich für Kinder?

„Im Lausitz-Wald gibt es Wölfe“, sagt Jäger Rudolf Schellbach (76). „Zwar meiden sie Menschen. Doch ein Restrisiko bleibt.“

Ein Restrisiko, hoho. Nun könnte man argumentieren, dass für Kinder außerhalb des Waldes das Risiko, vom Auto überfahren zu werden, deutlich mehr ist als ein Restrisiko, aber lassen wir das.

Jedenfalls erschien am dritten Tag der kleinen Waldkauz-Reihe, für die übrigens „Bild“-Redakteur Jürgen Helfricht verantwortlich zeichnet, der schon die Katzen-zu-Benzin-Geschichte erfand, ein Artikel mit der Überschrift:

Jäger in großer Sorge!
Holen sich Wölfe das Wald-Baby?

Der Artikel beginnt im Rotkäppchen-Stil:

Der Waldmensch läuft mit seinem süßen Töchterchen durchs Dickicht. Neugierig schaut sich Johanna (5 Monate) in der wilden Natur um. Alles sieht so friedlich aus. Doch im Unterholz lauert Gefahr. DIE LAUSITZ-WÖLFE!

Als Beleg für die „Gefahr“ kommt erneut Rudolf Schellbach (76) zu Wort. Diesmal hat sich sein Zitat leicht verändert, aber nach der behaupteten „großen Sorge“ klingt es immer noch nicht:

„Zwar meiden Wölfe die Menschen. Aber ein Restrisiko gerade für ein in Schafspelz eingewickeltes Baby bleibt.“

Aber „Bild“ hat noch einen Kronzeugen: Den Jäger Joachim Bachmann. Ihm glaubt „Bild“, dass die zwei Wolfsrudel in der Lausitz „ein Risiko für Menschen“ und „die heimischen Wildbestände“ darstellten. Bachmanns „große Sorge“ laut „Bild“:

Gefährlich wird es, wenn sich diese unberechenbaren Tiere an den Menschen gewöhnen, ihre Scheu verlieren. Wir haben schon Wolfsspuren in Dörfern gefunden.

Bachmann ist, vorsichtig gesagt, kein richtig guter Kronzeuge. Denn Bachmann hat gerade vor dem Verwaltungsgericht Dresden einen Prozess verloren, mit dem er sich das Recht erstreiten wollte, einen freilebenden Wolf in seinem Revier abzuschießen.

Was seine Kompetenz angeht, ist ein Artikel aus der heutigen „Sächsischen Zeitung“ zum Thema interessant:

Gleich 27 Wölfe vermutete der Kläger in der Lausitz, erst Anfang September hätten Jagdfreunde die riesigen Fußspuren von fünf ausgewachsenen Wölfen bei Boxberg gesehen, zehn bis zwölf Zentimeter im Durchmesser. Gesa Kluth, die Wolfsbeauftragte des Freistaates, erklärte daraufhin dem Jäger und Träger der Verdienstmedaille des Deutschen Jagdverbandes die Biologie dieser Tiere. Schon die Welpen haben so große Füße wie die Alttiere, allerdings acht bis neun Zentimeter groß (…).

Das Verwaltungsgericht kam außerdem zu dem Ergebnis, ein Angriff auf Menschen sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen“.

Bei den „Jägern“, die laut „Bild“ in „großer Sorge“ um das Mädchen im Wald sind, handelt es sich also um einen Jäger, der nicht in großer Sorge ist, und einen weiteren Jäger, der nicht sehr viel von Wölfen zu verstehen scheint. Das hat er mit der „Bild“-Redaktion gemein, die tatsächlich dieses Foto rechts mit dem Text versah: „Ein Wolf fletscht die Zähne. Er ist auf der Suche nach Beute.“ Wenn uns nicht alles täuscht, muss er, um seine Beute wiederzufinden, nur kurz den Kopf senken und zwischen seine acht bis neun Zentimeter großen Pfoten schauen.

Danke an Balu!

Allgemein  

Von Katzen und dummen Menschen

Gestern berichtete „Bild“:

… und okay-okay, im letzten Absatz, ganz am Ende ihrer Berichterstattung hat „Bild“ im Vornamen der darin zitierten Tierschützerin „Annelise Krauß“ ein „e“ vergessen. Aber selbst Anneliese Krauß findet das nicht so schlimm. Allerdings steht ihr Name natürlich nicht nur zum Spaß in „Bild“. Zitiert wird sie dort – und zwar wie folgt:

‚Das ist so schlimm wie grausame Tierversuche‘, wettert Annelise Krauß vom Tierschutzverein Dresden.“

Und das sei nun wirklich „Quatsch“, sagt Krauß, wenn man sie fragt. Weil sie nämlich den von „Bild“ zitierten Satz weder gewettert noch gesagt habe. Im Gegenteil: „Das wäre ja auch idiotisch,“ sagt Krauß, „denn wenn es um tote Tiere geht, dann ist das ja kein Problem des Tierschutzes!“ Zusammenfassend sagt uns die Tierschützerin über die Erfindung von Christian Koch (der laut „Bild“ ja „aus Katzen Benzin machen“ kann):

„Von unserer Seite ist daran nichts auszusetzen.“

Und genau so habe sie das im Übrigen auch zu „Bild“ gesagt. (Aber, so Krauß weiter, wenn „der Herr Helfricht“, also einer der Autoren des „Bild“-Artikels, sie anrufe, dann wisse sie schon aus Erfahrung, dass hinterher Sachen in „Bild“ stünden, die sie so gar nicht gesagt habe. Das gehe in Dresden schließlich schon über zehn Jahre so, so Krauß. — Und soviel vielleicht nur zum letzten Absatz des obigen Artikels.)

Kommen wir zum Rest, dem Eigentlichen, also darum, dass „Dr. Christian Koch (55) aus Kleinhartmannsdorf (Sachsen)“, wie es in „Bild“ heißt, „aus Katzen Benzin machen“ könne: Denn dass die „Benzin“-Überschrift Unsinn ist, verrät schließlich schon der dazugehörige „Bild“-Text selbst, weil darin nur von „Bio-Diesel“ oder „Diesel“ die Rede ist… Tatsächlich aber hat Koch offenbar eine ungewöhnliche und effektive Alternativmethode zur Treibstoffgewinnung entwickelt: die katalytische drucklose Verölung (KDV), über die beispielsweise schon der MDR im Mai 2003, 3sat im Juli 2004, die „Welt“ im Januar 2005, die „Pirmasenser Zeitung“ im Juli, der RBB vergangene Woche oder auch RTL berichteten. Und all diesen Berichten ist eines gemein: dass sie dem Gegenstand, über den sie (durchaus auch kritisch) berichten, gerecht werden.

„Bild“ indes nennt Kochs Erfindung einen „Spezialreaktor“ und schreibt Sätze wie diesen:

„Die Katzen-Kraft lässt sich theoretisch exakt berechnen: Aus einem ausgewachsenen 13-Pfund-Kater könnten 2,5 Liter Sprit entstehen, vier Miezen würden für 100 Kilometer reichen, für eine Tankfüllung wären 20 tote Katzen erforderlich.“

Und fragt man einfach mal nach bei dem „Mann, der (Stuben-)Tiger in den Tank packen kann“ („Bild“), antwortet Christian Koch, der „Bild“-Bericht habe „nichts mit der Wahrheit zu tun“ und sei „zudem grenzenlos dumm“. Koch weiter:

„Wie kann man mit gekochtem tierischen Material Auto fahren? Wasser würde jeden Motor sofort zum Stillstand bringen. Hier wird an die niedrigsten Instinkte von dummen Menschen appelliert, um eine wertvolle Entwicklung zu verunglimpfen. (…) Mir zu unterstellen, dass ich mit Tierkadavern herumhantiere, ist kriminell. Das ist nicht im geringsten der Inhalt der Entwicklung und kann deshalb nur als gezielte Verleumdung angesehen werden.“

Auf der Website von Kochs Firma heißt es zudem inzwischen:

Mit Dank an Jan S. für die Anregung.
 
Nachtrag, 12:15:
„Bild“ hat die Sache mit der „Katzen-Kraft“ heute noch einmal aufgegriffen:

Darf man aus Katzen wirklich Benzin machen?

Doch wenn es jetzt etwas vorsichtiger als gestern heißt, dass Christian Koch „theoretisch auch aus Katzen“ Bio-Diesel herstellen „könnte“, wenn jetzt nicht Koch, sondern ein Konkurrent die gestern von „Bild“ aus der Luft gegriffene Skandalisierung zurechtrücken darf, wenn nun auch die gelassene Position der Tierschützer weniger sinnenstellend als gestern wiedergegeben wird und sich im heutigen „Bild“-Bericht immerhin ein einziger halbwegs sinnvoller Satz („Die Diskussion ist überflüssig“) wiederfindet, dann macht das alles den Nonsens von gestern weder ungeschehen noch besser — und sei es nur deshalb, weil es „Bild“ offenbar immer noch nicht gelingen will, zwischen „Benzin“ (Überschrift) und „Diesel“ (Text) zu unterscheiden…

Mehr dazu hier und hier.