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Die beispiellose Misserfolgsgeschichte von “Bild”


Max Goldt, 49, ist Schriftsteller und Musiker. Bekannt wurde er in den achtziger Jahren als Sänger und Texter des Duos “Foyer des Arts” (“Wissenswertes über Erlangen”) — das Munzinger-Personenarchiv spricht vom Beginn seiner “Karriere als humoristischer Szeneheld”, was man fast als Beleidigung verstehen kann. Er schrieb Texte für “Titanic”, veranstaltete Lesungen und Musikvorträge und veröffentlichte seine wunderbaren, meist kurzen Beobachtungen in Büchern wie “Schließ die Augen und stell dir vor, ich wär Heinz Kluncker”, “Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau”, “Ä” und zuletzt “QQ”. Als “Katz & Goldt” veröffentlichen der Zeichner Stephan Katz und er seit vielen Jahren Comics, u.a. in “Titanic”. Das achte Buch der beiden ist im Frühjahr erschienen und heißt “Der Globus ist unser Pony, der Kosmos unser richtiges Pferd”. Über “Bild” schrieb Max Goldt 2001: “Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.”

Von Max Goldt

Mein Verleger versucht hin und wieder, mir einzureden, ich sei konservativ. Er tut das gern mit dem Unterton “Willkommen im Club!”. Ich erwidere dann stets, es gebe mehrere Gründe, aus denen ich nicht konservativ sein könne, ein gewichtiger sei mein Mangel an Patriotismus. Im Prinzip hätte ich gar nichts gegen Vaterlandsliebe, sofern sie nicht allzu unterwürfig ausfiele, aber bezüglich eines Staates, dessen höchste Repräsentanten der “Bild”-Zeitung ständig Interviews geben, ihr zu Jubiläen gratulierten und mit Vertretern des Springer-Verlages auf Empfängen herumklüngelten, könne ich partout gar keinen Patriotismus empfinden.

An sich könnte man die “Bild” in ihrer kleinbürgerlichen Häßlichkeit einfach ignorieren, ebenso wie man in der Lage ist, Weihnachtsmärkte, Abba-Musicals und die frühabendlichen Klatschmagazine des Fernsehens zu ignorieren. Schließlich ist sie nüchtern betrachtet keineswegs übermäßig erfolgreich. Ein Blatt, das dermaßen vulgär daherkommt und sich seit Ewigkeiten mit Kleineleuteversteherei drastischster Art anbiedert, müßte angesichts des völligen Fehlens einer Konkurrenz eigentlich mehr als gerade mal 3,5 Millionen Exemplare absetzen. Die Zielgruppe ist doch viel größer. Man könnte von einer beispiellosen Mißerfolgsgeschichte reden. Um so idiotischer ist es, daß überall so getan wird, “Bild” sei ein unverzichtbares Steinchen im großen deutschen Mosaik. An “Bild” käme niemand vorbei, wird gesagt. Ja, warum denn nicht? Vielleicht sollte man erst einmal versuchen, an ihr vorbeizukommen! Meiner Erfahrung nach ist das gar nicht schwer.

Nur in der Bahn ist es zur Zeit schwierig. Im Rahmen einer “Erste-Klasse-Offensive”, mit der die DB AG seit Anfang Dezember das Reisen in der ersten Klasse populärer machen möchte, stehen auf den Kofferablagen Pappkartons mit Gratis-Tageszeitungen, u.a. mit “Bild”. Warum aber reisen Menschen in der ersten Klasse? Um etwas mehr Ruhe zu haben, sollte man meinen. Zur Ruhe gehört jedoch unbedingt auch die Abwesenheit optischen Gedröhnes auf den Nachbarsitzen. Neulich sah ich in einem Bahnhof ein hübsches Graffito: “Politik und Bahn schämt euch!” Ja, Bahn schäm dich! Raus also mit der “Bild”-Zeitung aus der ersten Klasse! Sonst fahr ich wieder zweiter Klasse, und die Offensive ist nach hinten losgegangen.

Als mein Freund Gerhard Henschel im letzten Jahr sein “Bild”-kritisches Buch “Gossenreport” herausbrachte, habe ich ihn dazu sehr beglückwünscht. Allerdings sei es schade, fügte ich hinzu, daß das Buch in einem linken Kleinverlag erschienen sei. Nicht, daß ich irgendetwas gegen linke Kleinverlage einzuwenden hätte. Gott schütze sie allesamt!

Nur: Eine “Bild”-Kritik von links wirkt nicht sonderlich überraschend. Man denkt: “Ach, das wird so ein wehmütiger Nachhall von Leuten wie Wallraff und Staeck sein. Warum sollte ich das hier und heute lesen?” Publizistisch effektiver wäre “Bild”-Kritik, die aus einem nicht dezidiert linken, sondern womöglich traditionell christlich fundierten Verlag kommt. Menschen, deren Konservativismus mehr umfaßt als eine affig-modische Anti-68-Haltung, hätten durchaus nicht weniger Anlaß als Linke, die “Bild”-Zeitung, ihre jahrzehntelange Tradition im Versimpeln, Verbiegen und Verleumden, den Sexualklatsch und die pornografisch gestalteten Zuhälteranzeigen abzulehnen. Solange deutsche Konservative es versäumen, ihre Distanz zu diesem unseligen Milieu öffentlich schärfstens deutlich machen, können sie mir mal im Mondschein begegnen.
 
Damit endet die unsere große Adventsaktion. Wir danken allen BILDbloggern für einen Tag ganz herzlich für Ihre Unterstützung!

Konkurrenten im Kampf um den primitiveren Witz


Martin Sonneborn, 42, ist (obwohl “Bild” das noch im November behauptete) schon seit zwei Jahren nicht mehr “Titanic”-Chefredakteur, sondern Mitherausgeber. Und darüber, “wie die TITANIC einmal die Fußball-WM 2006 nach Deutschland holte”, hat er ein Buch geschrieben. Sonneborn ist Bundesvorsitzender der Partei DIE PARTEI, die vor der Bundestagswahl 2005 die Sendezeit für ihre WahlwerbeSpots bei Ebay versteigerte. Heute arbeitet er u.a. für die Satire-Rubrik von “Spiegel Online”, “Spam”, wo er auch in den Kurzfilm-Reihen “Hinterbänkler heute” und “Heimatkunde” zu sehen ist.
Auf Sonneborns Wunsch veröffentlichen wir seinen Gastbeitrag in alter Rechtschreibung.

Von Martin Sonneborn

Eins vorweg: Ich schätze Kai Diekmann und sein Blatt. Und das nicht nur, weil wir vieles gemeinsam haben. Diekmann ist Herausgeber der “Bild”-Zeitung — also nicht der neubebilderten “FAZ”, sondern der anderen –, und ich bin Mitherausgeber von “Titanic”. Auch wenn wir ständig Konkurrenten sind im Kampf um die lustigere Schlagzeile, den primitiveren Witz, so arbeiten wir doch seit Jahren erfolgreich mit “Bild” zusammen. Der Markt in Deutschland ist groß genug für zwei Satiremagazine! Und den “Focus” auch noch!

Bisher ist zum Glück kaum aufgefallen, daß wir uns mit dem Blatt des “9-cm-Mannes”, wie ihn selbst enge Freunde nicht offen nennen, perfekt die Bälle zuspielen. Als wir mit ein paar spaßigen Faxen Einfluß nahmen auf die Vergabe der Fußball-WM 2006, war “Bild” sich am nächsten Tag nicht zu schade, ein Foto von mir auf die Titelseite zu nehmen, meine Telefonnummer und die Aufforderung, doch mal anzurufen und mir die Meinung zu geigen. Von der zufällig mitgeschnittenen CD “Bild-Leser beschimpfen Titanic-Redakteure live am Telefon” wollten die Kollegen nicht mal Tantiemen! Und das, obwohl einige hundert ihrer besten Leser über sich hinaus wuchsen: “Im Rechtsstaat gehören Leute wie Sie ins KZ!”; “Man sollte Sie auswandern!”; “Vaterlandsverräter!”; “Ihnen gehört die Satire-Lizenz entzogen!”

Die Lizenz behielten wir aber und revanchierten uns u.a. mit der Erfindung des schreibenden “Bild”-Lesers (heute als “BILD-Leser-Reporter” bundesweit im Einsatz). Bei der genußintensiven Lektüre der “Bild”-Leserbriefspalte fällt ja schnell auf, daß sich die Zuschriften in ihrer Sprachgewalt nicht wesentlich vom redaktionellen Teil abheben. So riefen wir bei ausfindig gemachten Leserbriefschreibern an und baten — der Einfachheit halber gleich im Namen der “Bild”-Chefredaktion — um einen gepfefferten druckreifen Kommentar zu irgendwas für die nächste Ausgabe. Die Ergebnisse druckten wir dann in “Titanic”, sie haben uns viel Freude bereitet.

Kommentar Karl H., Münster:
Ist die SPD ein Auslaufmodell? Die SED sang die Internationale, ist weg vom Fenster. Die KPDSU sang die Internationale, ist weg vom Fenster. Wie lange singt die SPD noch die Internationale?

Na? Klingt fast wie “Post von Wagner”, was?

Immer im Gleichschritt mit “Bild” (Trittin! Schröder!) prügelten wir (Problembär Beck!) mit “Titanic”-Titeln jahrelang auf die Sozis ein, unterstützen dekadenlang erst Kohl (“Nach Arschbombe halb Asien überflutet: Massenmörder Helmut Kohl!”), dann das Merkel (“Darf das Kanzler werden?”), polemisierten gegen Ausländer (“Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?”; “10 Jahre sind genug: Auf Wiedersehen, Zonis!”) und druckten gleich seitenweise irgendwelchen unseriösen Quatsch.

In schweren Zeiten spendeten die Schlagzeilen der Hamburger Kollegen uns oftmals Trost und Rat: “Amokläufer erschießt vier Kollegen” — “Da dürften die Straßen jetzt wohl für eine Weile sicher sein”, dachten wir beruhigt und revanchierten uns gerade kürzlich mit dem großen, abgeschlossenen Fotoroman “Der Volks-Penis”, in dem ein für allemal in Wort und Bild klargestellt wird, daß Diekmann eben nicht total klein ist, untenrum.

Übrigens: Daß wir mit der “irren Titanic-PARTEI” (“Dresdner Morgenpost”) jetzt in Hamburg zur Landtagswahl antreten und mit unserem Spitzenkandidaten Heinz Strunk “Bild raus aus Hamburg!” fordern, ist nur eine populistische Forderung, die uns Stimmen bringen soll. Man wird das hoffentlich nicht persönlich nehmen — ich habe das Gefühl, was den Umzug anbetrifft, verstehen sie bei Springers einen guten Spaß. Und wenn nicht? Egal, notfalls gewinnen wir — und das unterscheidet uns vom Spitzenkandidaten der SPD, Alfred E. Naumann — die Wahl eben auch ohne Unterstützung der Springer-Presse!

Zum Schluß möchte ich aber auch eine kurze Kritik äußern, schließlich habe ich mir heute extra “Bild” gekauft und unter — ich nehme mir die Freiheit, Kai — Freunden muß das erlaubt sein: Für meinen Geschmack heben sich manchmal die Überschriften zu wenig vom Text der Fickanzeigen hinten ab:

Ich hab mir meinen Hund auf die Brust tätowiert. Sandy (21) — Mein Arsch gehört Dir. Resi (69) ist noch geil

Stünde nicht aus Versehen Resis Telefonnummer dabei, man könnte Anzeigen und redaktionelle Inhalte glatt verwechseln…
 
BILDblogger für einen Tag ist morgen ein BILDblog-Leser.

“Millionen Deutsche jetzt betroffen. Blähungen”


Hans Leyendecker, 58, ist seit 1997 Leitender Redakteur der “Süddeutschen Zeitung”. Zuvor arbeitete er 18 Jahre lang für den “Spiegel” und gilt als einer der führenden investigativen Journalisten Deutschlands. Er ist Gründungsmitglied und Vize-Chef des Netzwerk Recherche — und begleitet auch die “Bild”-Zeitung immer wieder mit kritischen Artikeln.
Dennoch: In “Bild” nannte Maynhardt Graf Nayhauß ihn mal “Top-Rechercheur”, Franz Josef Wagner nannte ihn “Müllentsorger unseres Staates” — und an anderer Stelle schrieb Wagner in “Bild”: “Die Wahrheit kann niemand recherchieren — außer Jesus, Nietzsche, Buddha und Hans Leyendecker von der SZ (kleiner Witz meinerseits).” Weniger witzig: Am 8. Juni 2006 druckte “Bild” auf Seite 2 unter der Überschrift “Was macht der “SZ”-Reporter mit dem Sturmgewehr im Arm?” ein über zehn Jahre altes Leyendecker-Foto (wir berichteten). Leyendecker verstand die Veröffentlichung damals “als Versuch, mir zu drohen”.

Von Hans Leyendecker

Die Geldmaschine des Springer-Verlages, die “Bild”-Zeitung, berichtet gern über Gehälter und Millionen — die Gehälter der anderen, die Millionen der anderen. Diesmal auf Seite 1 und Seite 2: “Die Gehalts-Liste der Politiker” und wieder mal “Wahrheiten über den Mindestlohn”.

Die Botschaft ist einfach, ehrlich und nachvollziehbar: Das Millionen-Gehalt des Verlagschefs Döpfner bleibt tabu, das Millionen-Gehalt des Post-Konkurrenten Zumwinkel und seine Aktienoptionen sind ein Skandal. Nicht getarnt, nicht klammheimlich, sondern ganz offen macht das Massenblatt Politik im Verlagsinteresse und Klassenkampf von oben: Dass dabei Arbeiter etwa gegen höhere Mindestlöhne demonstrieren, hätte beispielsweise Bert Brecht sehr gefallen.

In der Freitag-Ausgabe berichtet “Prof. Sinn” vom Ifo-Institut über seine bitteren Wahrheiten, aber auch er kommt nicht über eine Statistenrolle hinaus. Was beim Thema Mindestlohn schon übellaunig verbreitet wurde, erinnert doch sehr an Brechts “Dreigroschenroman” und den Inhaber der Firma “Bettlers Freund”, Jonathan Jeremiah Peachum, der feststellte: “Es gibt nur einige wenige Dinge, die den Menschen erschüttern, einige wenige, aber das Schlimme ist, dass sie, mehrmals angewendet, schon nicht mehr wirken”.

Peachum ließ Bettler, die, “nicht immer die Gabe besaßen, unglücklich zu wirken”, durch Kunstgriffe noch elender aussehen. Zur “Veranlassung christlicher Barmherzigkeit” etwa hatte er sich verschiedene Ausstattungen wie “Opfer des Verkehrsfortschritts” oder “Opfer der Kriegskunst” ausgedacht und stellte in einem kleinen Atelier sogar künstliche Missbildungen her.

Kunstgriffe
“Peachum hatte ganz klein angefangen. Er unterstützte eine Zeitlang einige wenige Bettler mit seinem Rat, Einarmige, Blinde, sehr alt Aussehende… Verhältnismäßig bald erkannte er, dass das elende Aussehen, welches von der Natur hervorgebracht wurde, weit weniger wirkte, als ein durch einige Kunstgriffe berichtigtes Aussehen. Jene Leute, die nur einen Arm hatten, besaßen nicht immer die Gabe, unglücklich zu wirken. (…)”
(Zitiert aus Bertolt Brechts “Dreigroschenroman”)

Die Ladeninhaber zahlten den Bettlern, die vor den Geschäften saßen, einen Zoll, damit die weiterzogen. “Ausstattung E” beispielsweise war “Junger Mann, der bessere Tage gesehen hat”. Der Bettler Filch, ein mittelloser Mann aus gutem Hause, fragt Peachum: “Warum kann ich das nicht mit den besseren Tagen machen?” Peachums Antwort: “Weil einem niemand sein eigenes Elend glaubt, mein Sohn.”

So ist das mit dem Elend und dem Massenblatt. Ein Medium, das Menschen in die Jauchegrube stößt (al-Masri) und an anderer Stelle die Werte des christlichen Abendlandes verteidigt; ein Blatt, das Intimität als Rohstoff behandelt und gleichzeitig die Würde des Menschen einklagt, ist schizo, und das finden die meisten Betrachter normal.

Phrase und Sache werden eins. Es müsste eine Kommission über die “Bild”-Sprache konstituiert werden, die für jede erlegte Phrase eine Belohnung aussetzt. Die Mitglieder würden vor allem fündig bei einem Autor, der Körzdörfer heißt und offenbar Stummel-Sätze mag, wie Peachum, der künstliche Missbildungen herstellte: Über die “Kino-Legende Bud Spencer” schreibt Körzdörfer in der heutigen Ausgabe:
"Ein Schatten, der hinkt, mit Stock. Und Bart. Der menschliche Berg (194 cm, 160 Kilo, Schuhgröße 48) steht im Berliner Babelsberg-Studio vor einer gleißend strahlenden Kulissentüren."
Gibt es 1,94 Meter hohe, hinkende Schatten, und warum muss in dieser Scheinwelt auch noch alles “gleißend” sein? Und wie geht denn das:
"Wer ihn sieht, spult im Kopf die gefühlten Videos zurück."
Gefühlte Videos? Natürlich wäre es eine Illusion zu glauben, man könnte “Bild” (oder eine andere Zeitung) retten, wenn es gelingen könnte, die Sprache zu reinigen, aber ohne die Form ist nichts: “Hätten die Leute, die dazu verpflichtet sind, immer darauf geachtet, dass die Beistriche am richtigen Platz stehen, würde Shanghai nicht brennen”, hat Karl Kraus gesagt. Aber wer kennt da Beistriche.

Wahr ist aber auch, dass es dieser Zeitung zu keiner Zeit an Gegnern gefehlt hat. Dass das Blatt oft ein Anschlag auf den Anstand oder eine Geschmacklosigkeit ist, das haben Generationen von Kritikern zu Recht beklagt. Aber “Bild”-typisch ist geblieben, dass Koitus und Gebet auf eine Seite passen und die Moralblase neben Niedertracht steht. Redaktionen sind nicht für die Anzeigen verantwortlich, aber der Verlagsmensch, der auf der heutigen Seite eins die Anzeige einrücken ließ: “Millionen Deutsche jetzt betroffen. Blähungen”, muss der James Joyce der Verlagswelt oder ein heimlicher Rebell sein.

Es sind wirklich immer Millionen betroffen, doch die Blähungen bleiben oft seltsam folgenlos. Es riecht nur ein bisschen. Vor 24 Jahren schon hat Hans Magnus Enzensberger in seinem Aufsatz “Der Triumph der Bild-Zeitung oder Die Katastrophe der Pressefreiheit” darauf hingewiesen, dass der Zynismus der Leser nicht hinter dem Zynismus der Macher zurückstehe:

Jede Aufklärung über die Bild-Zeitung ist vergeblich, weil es nichts über sie zu sagen gibt, was nicht alle schon wüssten (…). Bild wird gelesen, nicht obwohl, sondern weil das Blatt von nichts handelt, jeden Inhalt liquidiert, weder Vergangenheit noch Zukunft kennt, alle historischen, moralischen, politischen Kategorien zertrümmert; nicht obwohl, sondern weil es droht, quatscht, ängstigt, schweinigelt, hetzt, leeres Stroh drischt, geifert, tröstet, manipuliert, verklärt lügt, blödet, vernichtet.

Prinzipiell sei “Bild” “nicht datierbar”, weil sich das Blatt permanent wiederhole, was beim Leser wiederum zur Beruhigung führe. “Bild” biete nicht jedem etwas, sondern allen nichts.

Niemand hat das Elend der Kritiker so nachvollziehbar wie Enzensberger umrissen. Aber immer wieder gibt es Selbstversuche, diesem Phänomen beizukommen: Günter Wallraff hat einen solchen Versuch unternommen, der unermüdliche Gerhard Henschel bleibt zornig, und seit einer Weile müht sich auch BILDblog. Dafür muss ihnen gedankt werden.
 
Der nächste BILDblogger für einen Tag ist (wahrscheinlich erst wieder am Montag) Oliver Gehrs.

6 vor 9

«Medienpopulismus schadet der Aufklärung»
(nzz.ch, ras.)
Kurt Imhof, Zürcher Professor für Soziologie und Kommunikationswissenschaft, kritisiert die Medien scharf. Auch mit Blick auf die Berichterstattung im Fall Seebach spricht er von einer Systemkrise.

Berliner Stadtmagazine Zitty und Tip katapultieren sich ins Mittelalter und bitten zur Kasse
(leitmedium.de)
“Das klingt nach Marketing-Blabla und ist es auch: Wir sparen jetzt durch Digitalisierung und Schaffung einer gemeinsamen Veranstaltungsdatenbank und verlangen gleichzeitig Gebühren, die aber niemanden benachteiligen sollen.”

Pornofirma fordert Suchverbot
(taz.de, Ben Schwan)
Bizarrer Jugenschutz-Streit im Internet: Ein deutscher Pornoanbieter verlangt von einem Provider, für dessen Kunden Google zu sperren. Der Grund: Darüber lasse sich verbotener Sex finden.

Die digitale Kluft
(jetzt.sueddeutsche.de, Dirk von Gehlen und Peter Wagner)
Die Jungen verlagern ihr Leben ins Web, Eltern und Lehrer verlieren an Einfluss: Wie das Internet die Gesellschaft spaltet.

SMS aus dem Mittelalter (+)
(nzz.ch, Geneviève Lüscher)
Im mittelalterlichen Nowgorod schrieb man sich Mitteilungen auf Birkenrinde. Sie bilden heute eine einzigartige Quelle zum Alltag und Geschäftsleben jener Zeit.

Auf der Suche nach den ältesten Blogs Deutschlands
(blog.metaroll.de, Benedikt Köhler)
“Interessant ist aber, das bis auf ein Blog alle schon länger als zwei Jahre dabei sind. Außerdem (damit renne ich hier sowieso offene Türen ein, aber trotzdem) ist damit der Spruch von der Kurzlebigkeit des Internet zumindest für die Blogs klar widerlegt. Viele der erwähnten ersten Beiträge sind nach wie vor im Archiv des Blogs auffindbar.”

6 vor 9

Oliver Kahn beim Handball-Spielen – Antwort auf das Killerspiel-Video bei YouTube
(jetzt.sueddeutsche.de, Dirk von Gehlen)
In der vergangenen Woche sorgte Matthias Dittmayer für Aufregung im deutschsprachigen Internet. Der 21-Jährige hatte verfälschende Fernsehberichte über Computerspiele gesammelt und diese in einem Video zusammengeschnitten. Mittlerweile haben fast 350.000 Menschen das Video angeschaut. Darunter auch Rainer Fromm. Der Autor von Frontal21 ist Experte für Computerspiele und wehrt sich gegen einige Vorwürfe, die in dem Video erhoben werden (mehr dazu auch hier).

Journalist des Jahres ist – Johann Oberauer
(presseverein.ch)
Der umtriebige Österreicher Johann Oberauer ist als Verleger von Branchen-Magazinen für die Medienwelt äusserst erfolgreich. Auch in der Schweiz hat er ein Journalisten-Heft etabliert, das sich ganz der Nabelschau des Berufsstandes widmet.

Forschungsreport: Google muss zerschlagen werden
(heise.de, Stefan Krempl)
Eine Studie der TU Graz warnt mit drastischen Worten vor der “Bedrohung der Menschheit” durch Google. Der Suchmaschinenprimus schicke sich nicht nur an, den Schutz der Privatsphäre auf dem Müllhaufen der Geschichte zu entsorgen, heißt es in dem 187-Seiten umfassenden Bericht “über die Gefahren und Chancen großer Suchmaschinen unter besonderer Berücksichtigung von Google” (pdf, 7255 kb).

Presseausweis vor dem Aus
(spiegel.de, Andrea Brandt)
Das Plastikkärtchen ist begehrt: Der bundeseinheitliche Presseausweis erleichtert Journalisten nicht nur ihren Arbeitsalltag – sondern auch den Zugang zu Firmenrabatten. Nun drohen die Innenminister, die Ausweise nicht mehr amtlich zu autorisieren.

Die wohl teuerste Gratiszeitung der Welt
(20min.ch)
In Ägypten kriegt man die meistgelesene Zeitung der Schweiz nicht umsonst. 20 Minuten kostet im Badeort Scharm el-Scheich umgerechnet 7.20 Franken.

Obscene Losses
(portfolio.com, Claire Hoffman)
DVD sales are in free fall. Audiences are flocking to pornographic knockoffs of YouTube, especially a secretive site called YouPorn. And the amateurs are taking over. What?s happening to the adult-entertainment industry is exactly what?s happening to its Hollywood counterpart?only worse.

6 vor 9

Killerspiele im TV: Ein 21-Jähriger zeigt ARD und ZDF, wie man sachlich berichtet
(jetzt.sueddeutsche.de, Dirk von Gehlen)
Auf YouTube sorgt gerade ein zehnminütiger Angriff auf ARD und ZDF für Aufsehen: Killerspiele in ARD, ZDF und WDR heißt der Clip, in dem der 21-jährige Matthias Dittmayer den Sendern mit einfachen Mitteln beweist, wie irreführend und verfälschend sie zum Teil über das Thema Computerspiele berichten. Der Bremer Student der Rechtswissenschaften unterzieht dabei die Sendungen Panorama, Hart aber Fair, Kontraste und Frontal 21 einer journalistischen Prüfung, stellt Fakten richtig und bewertet Behauptungen, die getroffen werden.

Verleger planen neues “Meta-Portal” für Regionalzeitungen
(persoenlich.com, David Vonplon)
Nicht nur in Deutschland, auch in der Schweiz macht man sich Gedanken über die “Zukunft der Regionalzeitungen im Internet”. Nachdem Tamedia und BZM die Lancierung eines Online-Netzwerks angekündigt haben, geht ein Verbund weiterer Verlagshäuser — unter den Initianten sind die NZZ Gruppe und die MZ — in die Offensive. Der Verbund will die Inhalte verschiedener Regionalzeitungen auf einem titelübergreifenden Portal bündeln. Ob das Projekt realisiert wird, entscheidet sich Mitte Dezember.

Krass ist online, zart ist Print
(woz.ch, Ulrich Stock)
Das Schreiben über Musik im Internet bietet für AutorInnen, LeserInnen und Verlage neue Perspektiven und Hörvergnügen, mindestens wenn das Problem mit dem Geld gelöst ist.

Das kurze Leben der Gratiszeitung
(berlinonline.de, Miriam Müller)
An sinkender Auflage sind Kaufzeitungen selbst schuld.

Schirrmacher. Mosebach. Löffler. Greiner. Spiegel. Winkler. Jäger. Semler. Heni. Und Krause.
(jungle-world.com, Peter Dierlich)
Ein Rückblick auf den Debattenherbst 2007, nebst einem dringenden Aufruf.

Medial Beschleunigt
(schnelligkeit.twoday.net)
Tagesspiegel-Online-Chefredakteurin Mercedes Bunz bloggt live von den 8. Berliner Mediengesprächen der Evangelischen Medienakademie.

6 vor 9

Presseschau: Was geschrieben wird, weil Anne Will eine Frau liebt
(jetzt.sueddeutsche.de, Stefan Winter)
Passenderweise wurde an Altkanzler Kohl und Historiker Fritz Stern ein Preis für Verständigung und Toleranz verliehen, als Anne Will am Samstagabend der Bild am Sonntag sagte: “Ja, wir sind ein Paar.” Neben ihr im Jüdischen Museum in Berlin stand Miriam Meckel, Professorin für Medienrecht. Die beiden lösten, nun ja: Aufregung aus. 10 Beispiele.

Das Internet ist das Medium und die Botschaft
(faz.net, Matthias Rüb)
Amerikas Zeitungen geht es immer noch nicht besser. Die Auflage sinkt, aber inzwischen macht sich die Gewissheit breit, dass jeder kleine Erfolg im Internet hilft. So werden von den Online-Ausgaben neue junge Leser angezogen, für die sich die Werbewirtschaft besonders interessiert.

«Nur für Erwachsene»
(20min.ch, Marco Lüssi)
Mit Roger Schawinskis neuem Sender geht es vorwärts: Jetzt stehen das Logo und der Claim von Radio 1 fest. “Der Slogan wurde mir geschenkt”, sagt Roger Schawinski. Vom Original, dem gleichnamigen Radiosender in Berlin.

rotstiftblogger rides again.
(popkulturjunkie.de)
Scheißmontagmorgen, oder? Ihr da bei ?DWDL.de??

Und wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt plötzlich die “Aargauer Zeitung” daher
(blog.handelsblatt.de, Thomas Knüwer)
Wo findet man eine frisch gemachte, ansprechende und höchst moderne Tageszeitung? In äußersten Winkel der Schweiz. Thomas Knüwer vom Handelsblatt findet die Aargauer Zeitung “die optisch bestgemachte Zeitung, die ich im deutschsprachigen Raum kenne”.

Muss man als hippe Kolumnistin über Sex schreiben?
(das-subjektive.ch, Pascal Witzig)
Prüderie war einmal. Jetzt ist Versexualisierung angesagt. Jeder darf, soll und muss daran teilhaben. Darum geizen auch hippe Kolumnistinnen nicht mit Details über ihr Sexualleben. Was ihnen als hipp erscheint, ist alles andere als förderlich für die weibliche Emanzipation.

6 vor 9

Medieninvestor Montgomery: “Er hat die Zeitung abgeschlachtet”
(taz.de, H. Pidd und K. Raab)
Mitarbeiter der “Berliner Zeitung” befürchten, Redaktion und Anzeigen werden näher zusammengeführt. Ex-Weggefährten des Investors Montgomery warnen vor dessen Zeitungspolitik.

Empörung über abgehörte Journalisten-Gespräche
(spiegel.de, Yassin Musharbash und Jörg Diehl)
Journalistenverbände sprechen von einem Skandal, SPD und Grüne wollen das Thema im Bundestag diskutieren: Die Bundesanwaltschaft ließ es zu, dass Protokolle von abgehörten Telefonaten eines Terrorverdächtigen mit Journalisten ohne Anonymisierung an Anwälte gingen.

Interview: Web 2.0 verändert die Gesellschaft fundamental
(golem.de)
Duane Nickull ist “Senior Technical Evangelist” bei Adobe und kümmert sich um Unternehmenslösungen in den Bereichen SOA und Webservices sowie Web 2.0. Golem.de sprach am Rande der Web 2.0 Expo in Berlin mit ihm darüber, was Web 2.0 eigentlich ausmacht und wozu wir proprietäre Plattformen wie AIR (Adobe Internet Runtime) brauchen.

Strom aus der Dose: Die Leibspeise der virtuellen Welt
(woz.ch, Nils Boeing)
Klimakiller Internet: Nur schon eine kleine Suchanfrage bei Google verbraucht fünf Wattstunden

Racebook
(madial.blogspot.com)
“Seit einigen Tagen bin ich bei Facebook angemeldet. Wollte mal reinschauen. Vielleicht eine Erklärung finden, wieso viele Leute das so toll finden.”

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(imaginary-animals.com)

6 vor 9

Die drei Krisen der Zeitung
(spiegel.de, Robin Meyer-Lucht)
Die Zeitungen scheinen den Höhepunkt ihrer Krise überwunden zu haben – doch die zunehmend demonstrative Fröhlichkeit ist noch immer ein Pfeifen im Walde. Zwar erholen sich die Anzeigenumsätze – doch die Printpresse steckt nicht nur in einer Krise, sondern gleich in dreien.

«Die News-Plattform ist für alle Medien offen»
(werbewoche.ch, René Worni)
Das auf Frühjahr geplante News Netzwerk von Tages-Anzeiger, BaZ und BZ zeigt erste Konturen. Projektleiter Res Strehle sagt, wie er sich das schweizweit grösste Medienportal vorstellt und wo das Projekt derzeit steht.

Armes reiches Mädchen
(woz.ch, Werner Aeschimann)
Man reagiert halt immer eine Spur gereizter, wenn die Medienmaschinerie wieder einmal so richtig heftig produziert. Wie kürzlich bei diesem «reichen und doch armen, traurigen Mädchen» («L’Equipe»), das eine Zeit lang am elegantesten und optimal einen Tennisball über die Netzkante zu spielen pflegte.

Amis müssen über alte TV-Gags noch mal lachen
(welt.de, Uwe Schmitt)
Weil die streikenden Gaglieferanten nichts liefern, laufen im US-Fernsehen Wiederholungen von Late-Night-Shows. Manche Witze von Vorgestern sind immer noch gut. Moderator Jay Leno hat die Streikposten besucht. Und eine der Desperate Housewifes spendierte Pizza.

Privatsphäre 2.0
(jungle-world.com, Elke Wittich)
Das Private war mal politisch und ist heute vor allem internet-affin. Warum Datenschutz bei vielen Usern kein Thema ist.

Web-2.0-Expo: Zwischen Euphorie und Blase
(sueddeutsche.de, Johannes Kuhn)
Ein Schlagwort feiert sich selbst: In Berlin will Internet-Guru Tim O?Reilly das neue Web vorantreiben – doch die wichtigen Fragen kann er nicht beantworten.

6 vor 9

Schreiben macht arm
(zeit.de, Gabriele Bärtels)
Für viele ist Journalismus ein Traumberuf. Nach zehn Jahren als freie Autorin kann Gabriele Bärtels nur davor warnen, ihn zu ergreifen.

Mediale Randale…
(amerikanist.kaywa.ch)
“Bei grösseren Ereignissen errichten die Wahlkampfstäbe der Kandidaten erhöhte Plattformen, damit die Medien besser gaffen und die TV-Kameras die jeweiligen Politicos erregend ablichten können. Die medialen Beziehungen auf diesen Plattformen sind leider extrem problematisch.”

“Kriegserklärung an England”
(stern.de, Tobias Schülert)
Madeleines Bild auf Zwieback-Packungen und Reiniger-Flaschen: Das Satire-Magazin “Titanic” sorgte mit dieser Anzeigenparodie für helle Aufregung in Großbritannien. Im stern.de-Interview verrät Martin Sonneborn, Erfinder der Anzeige, seine Absichten – und warum er sich auf Klagen freut.

“Wir reagieren nur”
(sueddeutsche.de, Arno Makowsky)
Darf man Witze machen über die vermisste Madeleine? Nach einem umstrittenen Artikel im “Titanic”-Magazin spricht Autor Martin Sonneborn über seine aktuelle Satire.

“Das Web ist die Plattform”
(turi-2.blog.de)
Xing-Chef Lars Hinrichs, spricht im turi2-Interview aus aktuellem Anlass über den Anti-Facebook-Pakt OpenSocial, die neue Offenheit seine Business-Networks und sein enges Verhältnis zu Google. Außerdem beanwortet er die Frage, ob er Xing nicht lieber gleich an Google verkaufen will.

Sorry PR people: you’re blocked
(longtail.com, Chris Anderson)
I’ve had it. I get more than 300 emails a day and my problem isn’t spam, it’s PR people.

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