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“Bild” sucht Killer für Köhler

"Köhler fuhr zu RAF-Mörder Klar -- Herr Bundespräsident, diese Herren würden sich auch über Ihren Besuch freuen"Schon möglich, dass Sven Böttcher, Hans-Jürgen Rösner und Dieter Zurwehme sich über den Besuch des Bundespräsidenten freuen würden, wie “Bild” heute behauptet. Ebenso wahrscheinlich ist es jedoch, dass es den drei wegen mehrfachen Mordes Verurteilten völlig egal sein dürfte, ob Horst Köhler bei ihnen vorbeischaut.

Aber der Reihe nach.

“Bild” echauffiert sich heute großflächig auf der Seite 2 (siehe Ausriss) darüber, dass Horst Köhler sich mit dem Ex-RAF-Terroristen Christian Klar getroffen hat, um sich persönlich ein Bild von ihm zu machen, bevor er über dessen Begnadigung entscheidet. “Bild” schreibt:

Dass sich unser Staatsoberhaupt mit einem neunfachen Mörder getroffen hat, dass er ihn besuchte ist für viele Bürger und Politiker eine unerträgliche Vorstellung!

“Bild” zitiert den bayrischen CSU-Wirtschaftsminister Erwin Huber (“Eine Privilegierung der RAF-Mörder dient nicht dem Rechtsfrieden in Deutschland.”), Bayerns CSU-Ministerpräsident Edmund Stoiber (“Es könnte von manchen wie ein später Sieg der Terroristen gedeutet werden, wenn der Staat so tut, als wären RAF-Mörder die besseren Mörder!”) und CSU-Generalsekretär Markus Söder, der “intern deutlich” gemacht habe, dass eine Begnadigung Klars für Köhler “eine schwere Hypothek” für eine Wiederwahl als Bundespräsident wäre. Außerdem zitiert “Bild” Joachim Zeller (CDU), der Köhler “in diesem Punkt” nicht verstehe — und übrigens angeblich “Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte” sei, in Wahrheit aber seit 2006 bloß noch stellvertretender Bezirksbürgermeister ist.

“Bild” zitiert nicht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und nicht Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), die beide gestern als Reaktion auf die Kritik an Köhler mehr Zurückhaltung in der Debatte und “Respekt” vor dem Amt, der Person und dem Urteilsvermögen des Bundespräsidenten gefordert hatten.

Aber zurück zu den mehrfachen Mördern, zu deren Besuch “Bild” den Bundespräsidenten quasi auffordert. “Bild” schreibt:

IM KLARTEXT: Muss sich der Bundespräsident auch auf den Weg zu anderen verurteilten Mördern machen, wenn sie um ein Gespräch bitten? Könnten sich Killer wie der Gladbecker Geiselgangster Hans-Jürgen Rösner, der 1988 mit seinem Komplizen Degowski einen Bus kaperte (2 Tote), dann wohl auch über einen präsidialen Besuchsdienst freuen?

“Bild” lässt diese Fragen offen. Aber wir können sie beantworten. Und zwar mit einem schlichten “nein”. Denn weder Rösner noch Böttcher oder Zurwehme hätten besonders viel mit dem Bundespräsidenten zu besprechen. Jedenfalls nicht, was eine mögliche Begnadigung angeht. In Paragraph 452 der Strafprozessordnung steht:

In Sachen, in denen im ersten Rechtszug in Ausübung von Gerichtsbarkeit des Bundes entschieden worden ist, steht das Begnadigungsrecht dem Bund zu. In allen anderen Sachen steht es den Ländern zu.

IM KLARTEXT: Der Bundespräsident wäre für Begnadigungen von Böttcher, Rösner und Zurwehme gar nicht zuständig. (was übrigens in einem lehrreichen Text von Heribert Prantl in der “Süddeutschen Zeitung” von heute recht deutlich wird). Sie alle wurden von Landgerichten verurteilt und damit nicht “in Ausübung von Gerichtsbarkeit des Bundes”. Um es mit Prantl zu sagen: “Als ‘Gnadenherr’, wie es so schön heißt, betätigt sich der Bundespräsident nur für Agenten und Terroristen (…).”

Insofern hätte “Bild” ihre Seite 2 heute ebensogut mit einem schönen Foto bestücken können.

Mit Dank an Thomas M., Christian A., Moritz A., Moritz E. und Hariolf B. für die sachdienlichen Hinweise.

P.S.: Der Bundespräsident hat mittlerweile entschieden, dass er Christian Klar nicht begnadigt (wir berichteten). “Der große BILD-TED” zur Frage, ob Köhler Klar begnadigen soll, hat sich damit erledigt. Bitte rufen Sie nicht mehr an!

Wie doof

“In BILD” (siehe Ausriss) klagt heute ein Elektro-Obermeister aus Pinneberg darüber, “wie doof (…) unsere Schulabgänger” seien — und “Bild” nimmt seine Klage zum Anlass, “die schlimmsten Wissenslücken” zu zeigen und, nun ja, zu schließen.

Zur Frage “Welche Parteien* sitzen im Bundestag?” schreibt “Bild”:

"Richtige Antwort: CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, FDP, Linkspartei"

BILDblog-Leser Magnus G. stellt daher die berechtigte Frage, ob Ilse Aigner, Dorothee Bär, Renate Blank, Alexander Dobrindt, Maria Eichhorn, Georg Fahrenschon, Herbert Frankenhauser, Hans-Peter Friedrich, Peter Gauweiler, Norbert Geis, Michael Glos, Josef Göppel, Wolfgang Götzer, Karl-Theodor zu Guttenberg, Gerda Hasselfeldt, Ernst Hinsken, Klaus Hofbauer, Bartholomäus Kalb, Alois Karl, Hartmut Koschyk, Maximilian Lehmer, Paul Lehrieder, Eduard Lintner, Stephan Mayer, Hans Michelbach, Marlene Mortler, Gerd Müller, Stefan Müller, Georg Nüßlein, Franz Obermeier, Eduard Oswald, Daniela Raab, Hans Raidel, Peter Ramsauer, Kurt J. Rossmanith, Christian Ruck, Albert Rupprecht, Andreas Scheuer, Christian Schmidt, Horst Seehofer, Thomas Silberhorn, Johannes Singhammer, Max Straubinger, Hans-Peter Uhl, Dagmar Wöhrl und Wolfgang Zöller nur Stehplätze erhalten haben.

Mit Dank auch an Heinz-Günter K. und Kyno für den Hinweis.

*) Nachtrag (der Vollständigkeit halber), 17.20 Uhr: Gemeint sind vermutlich ohnehin nicht “Parteien”, wie “Bild” schreibt, sondern “Fraktionen”.

Wie “Bild” Wahlkampf in der Provinz macht

Sie ist schon ungewöhnlich, die Geschichte des Bürgermeisters von Selm, der bis 2009 gewählt ist, jetzt aber Bürgermeister von Greven werden will. Und natürlich darf man Jörg Hußmann (CDU) für diesen Schritt kritisieren und über seine Beweggründe spekulieren. Schon als Hußmann im vergangenen Oktober seine Kandidatur bekannt gab, sorgte das für Diskussionen. Die “Bild”-Zeitung schaffte es aber auch gestern noch, einen echten Aufreger daraus zu machen:

Jörg Hußmann ist bis 2009 als Bürgermeister gewählt. Aber jetzt will er ins Münsterland wechseln. BILD sagte er: "Selm ist mir zu langweilig"

Dass Hußmann nicht nur familliäre Gründe für den gewünschten Wechsel angibt (seine Frau arbeitet in der Nähe von Greven, seine Tochter geht dort zur Schule), sondern auch die größere berufliche Herausforderung, die Greven u.a. als aufstrebender Flughafen-Standort darstelle, ist bekannt. Die Durchschlagskraft entwickelt der ganzseitige “Bild”-Artikel allein durch die wörtlichen Zitate Hußmanns. Laut “Bild” hat er sich gegenüber der Zeitung unter anderem so über Selm geäußert:

“Hier reizt mich nichts mehr, es ist mir zu langweilig und wirtschaftlich uninteressant.”

Nur sagt Hußmann, er habe diesen Satz nie gesagt. Seine Wahlkampfleiterin erklärte gegenüber BILDblog, die Zitate seien “keine wörtliche Wiedergabe dessen, was Herr Hußmann dem ‘Bild’-Redakteur am Telefon gesagt hat”.

Wer hat Recht? Der Wahlkämpfer? Oder “Bild”-Autor Sven Kuschel und seine Kollegen? Zum Glück hat die Axel-Springer-AG, in der “Bild” erscheint, für solche Fälle einen praktischen Passus in ihren “journalistischen Leitlinien”:

Die Journalisten bei Axel Springer …
… tragen grundsätzlich, auch im Falle besonderen Termindrucks, dafür Sorge, dass Interviews vom Gesprächspartner mündlich oder schriftlich autorisiert werden.

Blöd nur, dass Hußmann sagt, die Zitate seien nicht autorisiert.

Und wenn “Bild” unter ein Foto des Kandidaten mit seiner stattlichen Bürgermeisterkette schreibt: “So lässt sich Jörg Hußmann gern fotografieren” und nicht nur Hußmann, sondern auch andere sagen, er habe diese Kette ungern und fast nie getragen, darf man der Zeitung — zwei Wochen vor der entscheidenden Stichwahl — schon eine gewisse böse Absicht unterstellen.

Vielen Dank an Oliver S.!

Neue Antwort auf “Bild”-Frage aufgetaucht

Am 19.1.2007 (also ausgerechnet wenige Tage vor einer wichtigen parteiinternen Wahl) stellte die “Bild”-Zeitung in einer kleinen “BILD-Exklusiv-Story” über den brandenburgischen CDU-Politiker Sven Petke die Frage: “Ist Petke ein Raffke?” Und schaut man sich den damaligen “Bild”-Artikel [pdf] an, hat man den Eindruck, “Bild” beantworte die Raffke-Frage mit einem klaren Ja. Aber das war offenbar ein Fehler.

Nach Lektüre der heutigen Gegendarstellung Petkes zum damaligen “Bild”-Artikel nämlich ist der Eindruck, den “Bild” erweckt, plötzlich ein ganz anderer, geradezu gegenteiliger. Denn Petke nennt fast alles, was “Bild” ihm damals vorwarf, “unzutreffende Darstellungen” — und in einer “Anmerkung der Redaktion” fügt “Bild” nur hinzu:

"Herr Petke hat recht."

Kein Wunder, dass “Bild” wirkt

Nachdem “Bild” gestern “im Namen der Kinder” zehn Forderungen “für eine bessere Familienpolitik” aufgestellt hatte, findet sich heute diese Überschrift auf der Seite zwei:

"Im Namen der Kinder: Politiker unterstützen BILD-Forderungen"

Im Text heißt es noch einmal:

Jetzt gibt es prominente Unterstützung aus der Politik!

Diese “Unterstützung” besteht aus den Ex-Familienministerinnen Renate Schmidt und Christine Bergmann sowie dem NRW-Familienminister Armin Laschet. Schmidt und Bergmann fänden “familienfreundliche Arbeitszeiten nötig”, heißt es, und Schmidt plädiere auch “für das von BILD vorgeschlagene Familienwahlrecht” (“Ich bin für ein Wahlrecht von Geburt an”). Außerdem unterstütze Laschet “ausdrücklich die BILD-Forderung nach einem Familiensplitting”. Und all das ist gar nicht mal falsch. Aber komplett irreführend.

Denn Schmidt, Bergmann und Laschet unterstützten die “Bild”-Forderungen schon lange bevor “Bild” sie gestern aufstellte und völlig unabhängig von “Bild”. So steht das Familiensplitting, das der CDU-Politiker Laschet “ausdrücklich” unterstützt beispielsweise schon seit 1994 im CDU-Grundsatzprogramm [pdf]. Christine Bergmanns Forderungen nach familienfreundlichen Arbeitszeiten stammen noch aus ihrer Amtszeit als Familienministerin (1998-2002). Und Renate Schmidt kündigte beispielsweise im November 2002 an, sich für familienfreundliche Arbeitszeiten einzusetzen. Im Jahr 2003 brachte sie außerdem, zusammen mit 46 weiteren Abgeordneten, einen Antrag auf “Wahlrecht von Geburt an” in den Bundestag ein (der allerdings abgelehnt wurde). Seit Januar dieses Jahres bereitet sie einen neuen Antrag auf Kinderwahlrecht vor.

Insofern hätte die gestrige “Bild”-Überschrift also nicht nur so aussehen können:

"Im Namen der Kinder: 10 BILD-Forderungen für eine bessere Familienpolitik"

Sondern ebensogut auch so:

"Im Namen der Kinder: BILD unterstützt Politiker-Forderungen"

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Das Märchen vom Wolf und den fünf Experten

Am Dienstag veranstaltete das Bundesumweltministerium in Berlin eine Tagung “Wer hat Angst vorm bösen Wolf?”. Es ging darum, wie bei einem solch konfliktreichen, emotionalisierten Thema wie der Wiederansiedelung des Wolfes in Deutschland eine sachliche Auseinandersetzung gelingen kann.

Am gleichen Tag demonstrierte die “Bild”-Zeitung, wie leicht es ihr fällt, bei diesem Thema jede sachliche Auseinandersetzung zu torpedieren. Jürgen Helfricht, in Dresden bei “Bild” der Mann fürs Grobe und einschlägig bekannt, schrieb diesen Artikel:

EXPERTEN FORDERN: Schießt die deutschen Wölfe ab!

(…) Jetzt warnen internationale Experten vor den Tieren, fordern ihren Abschuss! Lesen Sie selbst, was die Fachleute sagen.

Was die fünf “Fachleute” aus drei Ländern sagen, liest sich tatsächlich erfrischend eindeutig. Einer behauptet:

“Menschen sind die natürlich Beute des Wolfes.”

Ein anderer:

“Ich erwarte, dass bald Kinder von den Wölfen getötet werden.”

Hinter die Warnungen schreibt “Bild” noch den erschütternden Satz:

Sachsens Umweltminister will die Experten ignorieren.

Und fügt, ein bisschen verwirrend, die Information hinzu:

Eine Umfrage des “Internationalen Tierschutz Fund” (IFAW) ergab: Seit Jahrzehnten kam es in keinem europäischen Land mit Wolfsbestand zu Angriffen auf Menschen.

Ach.

Eine Umfrage auf der Tagung des Bundesumweltministeriums ergab nach Angaben einer Teilnehmerin, dass keiner der anwesenden internationalen Experten die “internationalen Experten” von “Bild” kannte. Allerdings scheinen sich die “internationalen Experten” von “Bild”, wie ein Gruppenfoto in “Bild” andeutet, untereinander zu kennen. Sie sitzen alle gemeinsam auf einem Sofa mit Joachim Bachmann. Und den kennen wir.

Bachmann ist Jäger, Gründer des Vereines “Sicherheit und Artenschutz”, der dafür kämpft, die Wölfe in Deutschland wieder auszurotten. Er empfindet es laut “FAZ” als eine Ehre, unter den Wolfsfreunden in der Lausitz als “Wolfsfeind Nummer eins” zu gelten. Die “Sächsische Zeitung” zitiert ihn mit den Worten: “Mit dem Wolf ist es wie mit dem Krebs im Körper. Wenn sie ihn frühzeitig bekämpfen, haben sie hohe Heilungschancen. Wenn sie warten, bis die Metastasen da sind, haben sie nur noch fünf Prozent Heilungschancen.”

Das Wildbiologische Büro “Lupus”, das in der Lausitz die Rückkehr der Wölfe fachlich begleitet und von “Bild” und Bachmann heftig kritisiert wird, sagte gegenüber BILDblog, die “internationalen Experten” von “Bild” seien allesamt von Bachmanns “Sicherheit und Artenschutz e.V.” in die Lausitz eingeladen worden. Was natürlich erklärt, warum ihre Forderungen so sehr übereinstimmen. Und warum sie in keiner Weise repräsentativ sind.

Mit der gleichen Logik, mit der “Bild” diese Leute schlicht zu Wolfs-“Experten” macht, könnte sie auch CDU-Politiker zu Fachleuten für die SPD erklären (“Experten fordern: Wählt keine Sozialdemokraten!”). Oder sich selbst zum Experten für Wahrheit.

PS: Gestern legte Jürgen Helfricht in einem weiteren “Bild”-Artikel nach. Der Text begann mit den Worten:

“Die Angst der Menschen vor den rund 30 Lausitz-Wölfen wächst von Woche zu Woche!”

Na, woher das wohl kommt.

Danke auch an Benjamin S.!

Schöner Anwohnen

Nicht nur die “taz”, auch “Bild” (Berlin-Brandenburg) berichtet heute über den “ersten Bürgerentscheid außerhalb von Parlamentswahlen”, bei dem gestern in Berlin mit 57,1 : 42,9 Prozent entschieden wurde, dass die Kochstraße (wie vom Bezirksamt beschlossen) z.T. in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt wird und nicht (wie von der CDU gefordert) weiterhin Kochstraße heißt.

In “Bild” liest sich das so:

Kreuzberger wollen Dutschke-Straße.
Gericht muss entscheiden

Jetzt muss ein Gericht entscheiden, ob die Kochstraße nach 273 Jahren wirklich vom Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain umbenannt werden kann. Eine Anwohnerinitiative klagt vor dem Verwaltungsgericht. Bevor dort keine Entscheidung gefallen ist, können die neuen Schilder mit dem Namen “Rudi-Dutschke-Straße” nicht angeschraubt werden. (…)
(Hervorhebung von uns.)

Was “Bild” dabei allerdings zu erwähnen vergisst: Zur erwähnten “Anwohnerinitiative” gehört, wer hätte es gedacht, nicht zuletzt auch die Axel-Springer-AG.

Nachtrag, 23.1.2007 (mit Dank an Nico M. auch für den Scan): In anderen als der Berlin-Brandenburg-Ausgabe berichtet “Bild” heute, dass “der Verlag Axel Springer” zur Anwohnerinitiative bzw. “Klägergemeinschaft” dazugehört.

Verlierer des Tages (Wiedervorlage)

Man könnte meinen, eine Korrekturspalte sei dazu da, Fehler zu korrigieren. Außer bei “Bild” natürlich. Denn bei “Bild” ist die Korrekturspalte auch dazu da, Fehler zu wiederholen.

Vor zwei Wochen hatte “Bild” Jürgen Rüttgers (CDU) zum “Gewinner” des Tages gemacht, weil er in einer von der SPD bezahlten Umfrage von der Mehrheit der Nordrhein-Westfalen als beliebtester SPD-Politiker genannt worden sei.

Tatsache aber ist: Rüttgers war in einer nicht von der SPD bezahlten Umfrage von einer Minderheit der Nordrhein-Westfalen am dritthäufigsten als SPD-Politiker genannt worden.*

Zwei Wochen später ist es “Bild” nun gelungen, eine “Berichtigung” zum Thema abzudrucken:

Unter der Rubrik "Gewinner" hatte BILD am 7. Dezember 2006 berichtet, dass die SPD die Forsa-Umfrage nach dem beliebstesten SPD-Politiker, aus derer nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) als Sieger hervorging, bezahlt hat. Dies hat sich als unzutreffend erwiesen. Die SPD hat diese Forsa-Umfrage nicht bezahlt.
Man mag sich nicht vorstellen, welches juristische Hin und Her hinter den Kulissen der Formulierung “hat sich als unzutreffend erwiesen” vorangegangen ist, damit nun endlich, zwei Wochen später, auch in “Bild” steht, was sich doch eigentlich bereits am Tag der Veröffentlichung als unzutreffend erwiesen hatte. Die SPD jedenfalls möchte sich dazu nicht mehr äußern.

Und dass die heutige “Berichtigung” den dritt(!)bekanntesten(!) “SPD-Politiker” weiterhin fälschlicherweise als Beliebtheits(!)sieger(!) dastehen lässt, korrigiert “Bild” garantiert morgen nach Weihnachten im nächsten Jahr nie.

*) Ein Teil der “Bild”-Fehler stammte aus der “FAZ”. Zufälligerweise fand sich dort an Tag vor dem heutigen “Bild”-“Berichtigung” folgende “Richtigstellung”:

“Am 5. Dezember hat diese Zeitung (…) über eine Meinungsumfrage aus dem vergangenen Sommer berichtet, die den Bekanntheitsgrad nordrhein-westfälischer SPD-Politiker untersucht. Dabei war behauptet worden, die SPD selbst habe die Umfrage in Auftrag gegeben. Dies hat sich als unzutreffend erwiesen. (F.A.Z.)”

FAZ.net hat den Hinweis auf die SPD als vermeintlichen Auftraggeber der Umfrage ersatz- und kommentarlos gestrichen.

Verarschen kann “Bild” uns alleine!

Einen der größten Erfolge unter Chefredakteur Kai Diekmann feierte die “Bild”-Zeitung im Jahr 2003 mit ihrer wochenlangen Berichterstattung über einen in den USA lebenden deutschen Sozialhilfeempfänger, den sie “Florida Rolf” nannte. Die Kampagne erreichte nicht nur, dass der Mann nach Deutschland zurückkehrte, sondern auch, dass der Bundestag in kürzester Zeit die Gesetzeslage verschärfte. Dabei betraf die Regelung nicht einmal 1000 vermeintliche “Sozialschnorrer” und bedeutete möglicherweise sogar höhere Ausgaben für die Steuerzahler.

In diesen Tagen arbeitet sich “Bild” wieder an einem vermeintlichen “Abzocker” ab: Henrico Frank, ein Arbeitsloser, der SPD-Chef Kurt Beck dafür verantwortlich machte, Hartz-IV-Empfänger zu sein, und dafür von ihm gesagt bekam, er solle sich erst einmal waschen und rasieren, dann bekomme er auch Arbeit. Frank ließ sich von Journalisten zu einem Friseurbesuch überreden, Beck vermittelte ihm darauf mehrere Stellenangebote, Frank ließ ein Treffen mit Beck jedoch platzen und lehnte auch die angebotenen Jobs ab. Seitdem ist er für “Bild” “Deutschlands frechster Arbeitsloser” und heute zum zweiten Mal großer Seite-1-Aufmacher:

Warum kriegt so einer Stütze?

Die Frage klingt, als wollte “Bild”, ähnlich wie bei “Florida-Rolf”, eine vermeintliche oder tatsächliche Ungerechtigkeit im Gesetz anprangern. In Wahrheit hat der Bundestag erst vor kurzem die Gesetzeslage für Menschen wie Henrico Frank drastisch verschärft. Wer innerhalb eines Jahres drei Angebote seiner Arbeitsagentur ohne guten Grund ablehnt, bekommt vom kommendem Jahr an für ein Vierteljahr sämtliche Zahlungen gestrichen, ist nicht krankenversichert, bekommt kein Geld für Unterkunft und Heizung. Nach Ansicht von Kritikern dieses Gesetzes kann das für viele hartnäckige Arbeitsverweigerer bedeuten, obdachlos zu werden. Die neue Regelung ist juristisch umstritten, weil eigentlich jeder Mensch einen verfassungsrechtlichen Anspruch auf das Existenzminimum hat.

“Faulenzern” und “Abzockern” wie Henrico Frank droht also nach dem verabschiedeten Gesetz, nichts zu bekommen. Da es schwer ist, Menschen weniger als nichts zu geben, ist nicht ganz klar, auf welche Art Gesetzesverschärfung die “Bild”-Kampagne zielen könnte: Die Möglichkeit, “Faulenzer” und “Abzocker” aus dem Land zu jagen?

Aber vielleicht geht es der “Bild”-Zeitung hier auch nicht um das Gesetz. Vielleicht hat sie mit Henrico Frank eine persönliche Rechnung offen. Darauf deutet zum Beispiel der gestrige “Bild”-Artikel hin, der so begann:

ER HAT UNS ALLE VERARSCHT!

Die “Bild”-Zeitung lässt offen, ob sie mit “uns” uns meint oder “Bild”-Mitarbeiter. Deren Gefühl, “verarscht” worden zu sein, könnte aber daher rühren, dass die Geschichte so schön auf ein Happy-End hätte hinauslaufen können: Dank tatkräftiger Unterstützung der Medien wird aus nichtsnutzigem Hartz-IV-Suff-und-Schmuddel-Punk ein glückliches Mitglied der arbeitenden Gesellschaft. Henrico Frank wollte dieses Spiel, hinter dem er eine PR-Aktion von Beck vermutet, offenbar nicht mitspielen — ob er dabei klug vorging, ist eine andere Frage.

Die “Bild”-Zeitung jedoch erweckt den Eindruck, Frank habe sie in die Irre geführt. Dabei zeigte Frank von Anfang an wenig Bereitschaft, die ihm von dem Medien zugeteilte Rolle zu spielen — selbst den Frisurwechsel bereute er schnell. Dass Frank “vier Handys” hat (nach eigenen Angaben alle Prepaid, ohne laufende Kosten), war “Bild” ebenso bekannt, wie dass er weiter seinen Anstecker “Arbeit ist Scheiße” trug. Erst im Nachhinein machte sie daraus Belege, um Frank zu “Deutschlands frechstem Arbeitslosen” zu stempeln.

Die “Bild”-Berichte über den Arbeitslosen sind inzwischen voller bösartiger Interpretationen und einseitiger Verdrehungen. Aus dem Angebot, für “5,50 Euro / Stunde” zu arbeiten, macht “Bild” einen von acht “gut bezahlten Jobs”. Dass sich die Sprecherin Franks bei den Arbeitgebern erkundigte, ob sich die Stellen (u.a. Straßenbauarbeiter, Maurer, Maler) überhaupt eignen für jemanden, der “nur noch eine Niere, dazu einen Bandscheibenvorfall und eine Schulterprellung” hat, nennt “Bild” schlicht “dreist”: “Motto: Ich kann nicht, aber was gibt’s denn?” Nebenbei fabriziert “Bild” aus den Zitaten mehrerer Politiker der Linkspartei, die grundsätzlich begrüßen, wenn Arbeitslose in die Politik und die Parlamente gehen, eine mögliche Kandidatur Franks für den Bundestag.

Den CDU-Politiker Michael Fuchs hingegen zitierte “Bild” gestern mit den Worten:

Was wirft das für ein Licht auf all die anderen Arbeitslosen! Henrico Frank bringt sie alle in Verruf.

Tut er das wirklich? Oder tun das nicht “Bild” und die anderen Medien, die das Verhalten Franks in einer Breite diskutieren, die gar keinen Sinn ergäbe, wenn sie davon ausgingen, dass Franks Verhalten ein völliger Einzelfall wäre. Dadurch, dass sie den Fall seit einer Woche ausführlich begleiten, suggerieren sie erst, dass es sich um ein grundsätzliches Phänomen und Problem handelt.

Der Politologe Frank Oschmiansky hat vor einigen Jahren die Konjunktur der immer wiederkehrenden “Faulheitsdebatten” untersucht und befand, sie folgten “zu einem guten Teil politischen Kalkülen”. Sie ließen bei den Bürgern den Eindruck entstehen, der “Missbrauch sozialer Leistungen” sei eines der größten Probleme dieses Landes — dabei sei der Schaden rechnerisch “marginal” gegenüber Delikten wie Schwarzarbeit, Subventionsmissbrauch, Korruption oder Steuerhinterziehung. Oschmianskys Fazit:

Zudem zielen die “Faulheitsvorwürfe” darauf, das sozialpsychologische Klima zu schaffen, um Leistungseinschränkungen oder auch Zumutbarkeits- oder Sanktionsverschärfungen den Boden zu bereiten. (…) Durch die Skandalisierung des Leistungsmissbrauchs wird ein Klima erzeugt, in dem Kürzungen von Sozialleistungen leichter durchsetzbar sind.

  

Das BILDblog-Preisrätsel: die Auflösung

Okay, es war schwer. Und ein bisschen unfair: “Bild”-Leser waren im Vorteil. Aber immerhin hatten wir ein paar Hinweise versteckt: Die E-Mail-Adresse unseres BILDblog-Preisrätsels lautete schließlich theo@bildblog.de. Und hinter der Ankündigung gestern lag ein Streifenmuster in den griechischen Nationalfarben. Immerhin 18 von über 200 Einsendungen waren richtig.

Denn die Frau, die in “Bild” präsenter ist als Sabine Christiansen, Uschi Glas oder Britney Spears und die für “Bild” eine Art Mischung aus Madonna und Hillary Clinton und eine “der begehrtesten Single-Frauen Deutschlands” darstellt…

…ist, natürlich: Vicky Leandros.

(Die Gewinner stehen hier.)

Über den Alltag von niemandem, nicht einmal Helmut Kohl, informiert die “Bild”-Zeitung ihre Leser so minutiös wie über den von Vicky Leandros. Ihre Sonderstellung für “Bild” erkennt man auch daran, dass das Blatt bei ihr fast immer auf die sonst obligatorische Altersangabe (“54”) verzichtet. Ein sehr, sehr lückenhafter Rückblick auf die “Bild”-Berichterstattung dieses Jahres:

17. Januar. PR-Lady Nessrin Gräfin zu Königsegg hat in Hamburg einen Cocktail-Empfang für Alexander von Schönburg ausgerichtet. Unter den rund 190 Gästen: Vicky Leandros.

2. Februar. Vicky Leandros hat bei der Goldenen Kamera ein weit ausgeschnittenes Dekolleté getragen.

5. Februar. Vicky Leandros erklärt im “BamS”-“Promi-Party-Knigge”, dass man an Champagner “nur nippt”.

16. Februar. Vicky Leandros stellt ihre “raffinierte Pop-Ballade” (“Bild”) vor, mit der sie sich zum Grand-Prix singen will und hat einen Talismann von ihren Kindern. Anscheinend gibt es auch andere Teilnehmer am Vorentscheid.

20. Februar. Vicky Leandros wird von “Bild” zur “Gewinnerin des Tages” erklärt, weil sie vor 3000 Fans den Auftakt ihrer Konzert-Tour zum 30-jährigen Bühnenjubiläum feierte.

24. Februar. “Bild” gibt bekannt, dass Vicky Leandros “mit einem supersexy Kleid” und “einem leichten, glücklichen Herzen” den Grand-Prix-Vorentscheid gewinnen wolle. Das “Sieger-Ding”, der “sexy SpitzenTüll-Traum” sei ihr “auf den zarten Körper (Größe 36) maßgeschneidert” worden.

5. März. Vicky Leandros ist bei “Wetten dass” aufgetreten.

6. März. Vicky Leandros sagt, sie hätte bei “Wetten dass” lieber live gesungen.

9. März. Bei der Generalprobe zum Grand-Prix-Vorentscheid ist der Noch-Ehemann von Vicky Leandros vorbeigekommen und hat gelächelt. Sie schien es zu genießen. Ihre Kinder freuten sich.

11. März. Vicky Leandros, “die große Grand-Prix-Favoritin”, die dann doch letzte wurde, macht der ARD “schwere Vorwürfe”: “Ich konnte nicht meine volle Leistung bringen”.

25. April. Der Urgroßneffe 2. Grades von Hitler-Attentäter Graf von Stauffenberg wird beigesetzt. Dabei: Vicky Leandros.

3. Mai. Trauerfeier für Paul Spiegel. Unter den Gästen: Vicky Leandros (natürlich in Schwarz).

14. Mai. Vicky Leandros hat Jette Joop bei der Verleihung des Henri-Nannen-Preises beruhigt: Sie sehe “traumhaft” aus, “wie immer”. Sie traf erneut ihren Noch-Ehemann.

16. Mai. Bei der Premierenparty zum Buch “Das Beste an Deutschland” nennt Vicky Leandros als Grund, das Land zu lieben: “Die Menschen und ihre Mentalität, unsere Dichter und Komponisten”.

7. Juni. Die Sensation: “Heiße Küsse in der Disco!” Vicky Leandros (“eine wunderbare Sängerin, eine umschwärmte Frau”) wird im In-Club “Pony” auf Sylt mit “EM.TV”-Chef Werner Klatten fotografiert. Es ist “das überraschendste Foto der Woche!”: “Küßt sich eine der begehrtesten Single-Frauen Deutschlands zurück ins Glück?”

8. Juni. Vicky Leandros hat mit “Bild” und “BamS” zum WM-Start die “heißeste Party des Jahres” gefeiert.

18. Juni. Vattenfall hatte zur Vorpremiere der “Lustigen Witwe” geladen. Während des WM-Spiels Deutschland gegen Polen standen “für die Gäste aus Politik und Show (Vicky Leandros)” Fernsehgeräte bereit.

26. Juni. Während der WM schauen Frauen in der “Ladies Lounge” am Kurfürstendamm Fußball. “Mit von der Partie”: “Schlagerstar Vicky Leandros”.

9. Juli.Vicky Leandros hat sich beim “BamS-Sommerfest” “sommerlich” gezeigt.

11. Juli. Die WM ist vorbei. Aber Vicky Leandros und Elvira Netzer haben noch einmal gefeiert: im Borchardt, mit Prinz Albert (nicht im Bild).

10. August. Vicky Leandros raucht zwar nicht, spricht sich aber “gegen ein absolutes Rauchverbot in Kneipen” aus.

15. August. Vicky Leandros hat Friedbert Pflüger einen Korb gegeben. Sie kann leider nicht im Fall eines CDU-Wahlsieges Kultursenatorin in Berlin werden , weil sie ihre Jubiläumstournee fortführen will. “Bild” macht sie dafür erneut zur “Gewinnerin des Tages”.

23. August. Vicky Leandros ist bei der “wichtigsten Film-Premiere der Hauptstadt!” gewesen, dem Film “Olga” von Arthur Cohn, und hat sich vor den “Bild”-Kameras mit Isa Gräfin von Hardenberg unterhalten. Begleitet wurde sie von ihren “hübschen Töchtern Milana (21) und Sandra (19)”. Ihr gemeinsames Urteil: “Wir sind absolut begeistert.”

25. August. Vicky Leandros ist 54 geworden und “schön wie immer”. “Ganz privat” ist sie an ihrem Geburtstag mit ihren Kindern im Promi-Restaurant Borchardt essen gegangen. Aber vielleicht wird sie Politikerin in Griechenland. “Bild” fragt:

26. August. Trauerfeier für den Verleger John Jahr. Vicky Leandros war da.

29. August. “Bild” gibt bekannt, dass am 14. September wieder Frauen von “Bild” ausgezeichnet werden, auf die Hamburg “besonders stolz sein kann”. In den vergangenen Jahren habe u.a. “Entertainerin” Vicky Leandros gewonnen.

1. September. Vicky Leandros hat die Deutschland-Premiere von “Dralion” besucht. Ihr Urteil: “Muss man sehen!”.

19. September. Oktoberfest. Vicky Leandros trug ein Dirndl von Lodenfrey.

26. September. “Sie tut es! Sie will es wirklich!” Die “große Sängerin” Vicky Leandros wird Politikerin in Griechenland.

17. Oktober. “Gestern feierte SIE.” Vicky Leandros, die “große Sängerin”, wird Beauftragte für Kultur und internationale Beziehungen in Piräus. Singt aber weiter.

16. November.Vicky Leandros sucht für ein Konzert im Dezember per “Bild” einen zehnköpfigen Kinderchor zum gemeinsamen Weihnachtsliedersingen.

22. November. Bei der Premiere des neuen James-Bond-Films trug Vicky Leandros “sexy Leder”.

26. November. In Berlin ist das neue “Hotel de Rome” eröffnet worden. Vicky Leandros war da und tanzte mit Klaus Wowereit.

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