Suchergebnisse für �’

Thilo Sarrazin, Rundfunkräte, NZZ

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Der Teufel in Deutschland”
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Deutsche Journalisten beurteilen das Buch “Europa braucht den Euro nicht” von Thilo Sarrazin noch vor der Lektüre: “Solche kurzatmigen, moralinsauren Verurteilungen eines Buchs, das erst in dieser Woche erscheint, müssen das Publikum geradezu animieren, durch einen entsprechenden Kauf sich selber eine Meinung zu bilden. Die Prophezeiung der Kritiker erfüllt sich. Hilflos strampeln sie mit im System der Vermarktung, das sie verdammen. Sie hätten schweigen und erst das umstrittene Werk lesen können.” Siehe dazu auch “Sarrazin-Inszenierung, Teil zwei” (nzz.ch, Ulrich Schmid).

2. “Kuschelige Kontrolleure – Die Gremien der ARD verweigern ihre Aufsichtspflicht”
(nachdenkseiten.de, Max Morlok)
Ihren Kontrollauftrag nehmen die wenigsten Mitglieder des Rundfunkrats wahr, glaubt Max Morlok: “Geblendet von der Bedeutung ‘ihres’ Senders und geschmeichelt von der Aufmerksamkeit, die ihnen aus der Hierarchie dieser Anstalten entgegengebracht wird, winken sie in der Regel alle Vorschläge durch, die ihnen von der Leitung der Häuser auf den Tisch gelegt werden.”

3. “‘Jeder und alles ist skandalisierbar'”
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Ist jeder und alles skandalisierbar? Ja, sagt Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen: “Einziges Kriterium: Man braucht ein Publikum, das mitgeht und das Empörungsangebot eines wütenden Einzelnen annimmt – und dann selbst munter pöbelt, spottet, hasst.”

4. “‘Wir waren etwas zu optimistisch'”
(persoenlich.com, Edith Hollenstein)
Zur Aufschaltung der neuen Beta-Version von nzz.ch ein Interview mit Peter Hogenkamp: “Wir wollen eine einzige Marke. Wir publizieren auf jedem Kanal den gleichen hochwertigen Inhalt. Dass auf NZZ Online andere Inhalte zu finden sind als in der Zeitung, wird es künftig nicht mehr geben. Weil nun die hochwertigen Inhalte aus der gedruckten Zeitung auch Online zu finden sind, wird der Brand ‘NZZ Online’ in den nächsten Tagen verschwinden.”

5. “Der Aufstand der Journalisten und Komiker gegen das Libel Law”
(heise.de/tp, Markus Kompa)
Markus Kompa schreibt über anstehende Veränderungen in den britischen Gesetzen zur Ehrverletzung.

6. “Markets in Everything: Torturer”
(marginalrevolution.com, englisch)
Eine Stellenanzeige im “Guardian” sucht einen “Torturer”: “No, I don’t think the ad is real. Alas, I am sure the job is real.”

Das sind nicht 22 Nanometer

Martin Eisenlauer gibt in “Bild am Sonntag” den “Tech-Freak”. Gestern schrieb er über die neuen Prozessoren für PCs und Notebooks, die der Chiphersteller Intel heute vorstellen will:

Die Chips bekommen die gleichen langweiligen Namen wie ihre Vorgänger, nämlich je nach Geschwindigkeit entweder i5 oder i7.

Doch die Namen sind das einzig lahme an den neuen CPUs. Sie nutzen erstmals dreidimensionale Bau-Strukturen, bei denen die einzelnen Leiterbahnen nur noch 22 Nanometer groß sind (ein Nanometer sind eine Million Millimeter). Damit erreichen sie rund 20 Prozent mehr Leistung und verbrauchen weniger Strom.

Wenn ein Nanometer “eine Million Millimeter” wären, wären das eintausend Meter — eine Größenordnung, die bisher als “Kilometer” bekannt war. Die einzelnen Leiterbahnen wären dann ungefähr so breit wie Manhattan lang.

Tatsächlich entspricht ein Nanometer einem Millionstel Millimeter. Die Umrechnung in Haare, Fußballfelder und das Saarland überlassen wir Ihnen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 17.04 Uhr: Ein aufmerksamer Leser hat uns darauf hingewiesen, dass der “Tech-Freak” auch bei anderen Aussagen daneben liegt. Es sind nicht die einzelnen Leiterbahnen, die nur noch 22 Nanometer groß bzw. klein sind, sondern die sogenannten Gates in den Transistoren. Auch die dreidimensionale Baustruktur betrifft nur die Transistoren und nicht die ganze CPU.

Stern TV, TV Sünde, Blogs

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Bild nicht mehr ‘größte Tageszeitung Europas’: Britische Sun hat jetzt mehr Auflage”
(journalistiklehrbuch.wordpress.com, Klaus Meier)
“Sun” (2.751.219 Exemplare “average sale”) überholt “Bild” (2.702.206 Exemplare “verkaufte Auflage”): “es bleibt festzuhalten, dass die Aussage über die ‘größte Tageszeitung Europas’ künftig immer aktuell zu recherchieren ist und dass Lexikoneinträge umgeschrieben oder ergänzt werden sollten.”

2. “Im toten Winkel der Feuilletons”
(juedische-allgemeine.de, Thierry Chervel)
Thierry Chervel fragt, warum in den deutschen Feuilletons kaum über die Neonazimorde diskutiert wurde: “Es könnte an mangelnder Empathie mit den Opfern liegen. Anders als Breiviks Tat zielten die Morde der Zwickauer Nazis nicht auf eine Institution dieser Gesellschaft, sondern auf die ‘anderen’.”

3. “Farewell to Sin: Das Ende der ‘TV Sünde'”
(wortvogel.de, Torsten Dewi)
Torsten Dewi verabschiedet die Fernsehzeitschrift “TV Sünde” aus dem Gong Verlag.

4. “1000 Mal auf dem Boulevard”
(berliner-zeitung.de, Michael G. Meyer)
Stern TV feiert die 1000. Sendung: “Auch die tausendste Sendung konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die allermeisten Geschichten biederster Boulevard waren: Familien mit adoptierten Kindern aus aller Welt und Emotionen, die aus der Tränendrüse kommen, sorgten für gute Quoten. Der Mainstream regiert – kaum eine Geschichte ragt aus dem Tal der Tränen und Träume heraus.”

5. “Und was machten die Blogs im Jahre 2011?”
(maingold.com, Marius Kiesgen)
Marius Kiesgen wirft “einen völlig subjektiven Blick auf das WWW und seine deutschsprachigen Blogs”. “Wenn man die Wortmeldungen der selbst ernannten Netzpolitiker kontinuierlich verfolgt, dann kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass das Urheberrecht der Menschheit mit Abstand größte Geisel wäre. Für die Luxusblogger aus geordneten Verhältnissen, die ihre Ärsche im Wohnzimmer an High Speed DSL Modems und überteuerter Apple Hardware wärmen, mag das sogar der Fall sein.”

6. “Gala” vs. “In”
(facebook.com, Foto)
“Bei den People-Magazinen scheint man sich absolut sicher zu sein, wie es um Jennifer Anistons Liebesglück bestellt ist.”

Offenbarungseid, Südsudan, Latzhosen

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Unverzichtbare Lichtgestalten”
(carta.info, Vera Bunse)
Vera Bunse über die Neigung der Medien zur Personalisierung im Politikjournalismus. Selbst wenn sich neue Kräfte wie die Piratenpartei explizit dagegen wehren, versuchen die Medien, sie in die bestehenden Verhältnisse zu pressen: “Journalisten hätten auf die Neulinge mit neugierigen und interessanten Fragen reagieren können. (…) Stattdessen gab es aufgeregtes Geschnatter über Latzhosen und Palitücher, die Unkenntnis der Höhe der Verschuldung des Landes Berlin und die Tatsache, dass dank der lustigen Rampensau Christopher Lauer tatsächlich in einer Talkshow gelacht wurde.”

2. “Keine Angst: wir sprechen Deutsch!”
(publikative.org, Sheila Mysorekar)
“Jeder fünfte Mensch in diesem Land hat Migrationshintergrund, aber nur jeder 50. Journalist”, stellt Sheila Mysorekar fest. “Und Ausländer sprechen halt kein Deutsch, das weiß ja jeder. Im Laufe meines Lebens ist mir buchstäblich schon Tausende Male gesagt worden: ‘Sie sprechen aber gut Deutsch!’ Darauf antworte ich gerne: ‘Ich wünschte, ich könnte das auch von Ihnen behaupten!'”

3. “Die Doppelmoral der Medien in der Wulff-Affäre”
(danielflorian.de, Ulrich Hottelet)
Ulrich Hottelet erinnert daran, dass Anfang Januar im Südsudan mehr als 3000 Menschen getötet wurden. “Ein derart hoher Verlust von Menschenleben verursachte in den Medien und in der Öffentlichkeit nicht einmal den Bruchteil des Furors, den die Umstände eines Hauskaufs in Niedersachsen hervorgerufen haben. Da ist die Frage nach den Maßstäben, die in der Bewertung angelegt werden, überfällig.”

4. “Verdrehte Welt”
(freitag.de)
Sieben Kulturschaffende leisten Offenbarungseide. Nicht nur die Politik werde vom Geld regiert, auch der Kulturbetrieb sei “natürlich verführbar”.

5. “The Washington Post tries a new weapon to fight the trolls: humans”
(niemanlab.org, Andrew Phelps, englisch)
Journalisten, die sich einbringen in den Kommentarspalten der eigenen Artikel: “By getting involved, reporters can also help fend off rumors, speculation, and flame wars.”

6. “Interview with a hoaxster: How I fooled the Daily Mail with fake pic”
(poynter.org, Craig Silverman, englisch)
Craig Silverman befragt Jody Kirton, der zu einer Falschmeldung beigetragen hat: “I don’t have any regrets in doing this, I feel it has proved how a joke between friends can make national news almost!”

Bild  

Mit 68 Jahren, da hat man Spaß daran

Franz Josef Wagner ist 68 Jahre alt und damit im besten Rentenalter. Doch der legendäre “Bild”-Kolumnist denkt offenbar noch nicht ans Aufhören, wie seine heutige “Post von Wagner” nahelegt:

Liebe Rente mit 67, 69 …

was für ein schwieriger Brief, aber ich versuch’s mal.

Wer heute zehn Jahre ist, wird vielleicht so alt wie Jopie Heesters. 108. Stellen wir uns vor, Jopie wäre mit 65 in Rente gegangen. 43 Jahre hätte er Rente bekommen.

Wagner stellt sich nun die Frage, wer “uns” bezahlen kann oder soll, wenn “wir so alt werden wie Jopie Heesters”. Das haben sich schon viele vor ihm gefragt und Wagner kommt ungefähr zur selben Antwort:

Wir haben keine Enkel. Wir werden so viele Alte sein ohne Enkel. Weil wir keine Enkel haben, müssen wir weiterarbeiten.

Ein 70-jähriger Tischler macht einen Tisch. Ein 80-jähriger Klempner mit Glatze reinigt die Toilette. Ein 90-jähriger Gärtner schneidet die Hecken. Ein 100-jähriger Koch wirft die Bratkartoffeln in der Pfanne hoch.

Was ist daran so schlecht, wenn die Alten arbeiten?

Das alles ist – zumindest nach Wagners Maßstäben – noch nicht wirklich merkwürdig. Gut: Wie soll der 80-jährige Klempner wieder auf die Beine kommen, nachdem er die Toilette gereinigt hat? Was bedeutet es für die Rentenkasse, wenn der 90-jährige Gärtner dem 30-jährigen Gärtner den Arbeitsplatz wegnimmt? Aber, wie gesagt: Alles noch im Rahmen.

Selbst Wagners beherzter Sprung in den Aphorismenbrunnen verstört kaum:

Arbeiten ist Glück.

Ich jedenfalls kann mir ein Leben ohne Arbeit nicht vorstellen. Das Leben ist für mich ein Fahrrad, man trampelt und trampelt, und wenn man nicht mehr trampelt, fällt das Fahrrad um.

Ich liebe die Arbeit.

Nein, bemerkenswert wird Wagners heutiger Brief nur, wenn man ihn mit dem vergleicht, den er vor etwa vier Wochen an den Philosophen Richard David Precht geschrieben hatte. Precht hatte damals (übrigens zum wiederholten Male, aber zum ersten Mal zum Interesse von “Bild”) in einer Fernsehtalkshow gefordert, Rentner sollten ein “soziales Pflichtjahr” absolvieren.

Franz Josef Wagner fand diesen Vorschlag nicht so gut:

Wer 40 Jahre gearbeitet hat, hat das Recht, müde zu sein. Ich mag die alten Leute, wenn sie zusammensitzen, ich mag ihre abgearbeiteten Hände. Ich mag, wenn die Alten nach Mallorca fliegen.

Ich glaube, sie haben genug gearbeitet für unsere Gesellschaft.

Mehr noch, er ging mit Precht hart ins Gericht, wobei er seine Verachtung in merkwürdige Schwärmerei kleidete:

Sie geschniegelter, hübscher Klugscheißer-Philosoph, glaube ich, haben niemals gearbeitet.

Man muss nur Ihre Hände anschauen, elegante, Klavier spielende Hände.

Ihr aufgeknöpftes, weißes Hemd. Ihr gepflegtes, auf die Schultern gefallenes Haar.

Die Art, wie Sie die Beine übereinander verschränken. Ich denke, Sie haben kein Recht, über Rentner zu sprechen.

Sie sind Bestseller-Millionär. Sie sind reich. Sie haben keine Ahnung, wie es Rentnern geht.

Das ist dann natürlich der Nachteil, wenn 68- bis 108-jährige noch für die Zeitung schreiben: Sie wissen nicht mehr, was sie noch vor kurzem geschrieben haben.

Mit Dank an erwinwa.

Kassensturz

Es kommt selten genug vor, dass ein Medium falsch aus der “Bild”-Zeitung abschreibt, wo doch sonst meist umgekehrt ist. Heute ist aber so ein Tag.

“Focus Online” berichtet:

Im kommenden Jahr wird keine gesetzliche Krankenkasse einen Zusatzbeitrag erheben. Die “Bild”-Zeitung berichtet, sechs Betriebskrankenkassen (BKK) hätten die Abschaffung angekündigt. Bei der BKK Heilberufe entfalle der Zusatzbeitrag aufgrund der Fusion von DAK, BKK Gesundheit und Springer BKK.

Auch ohne Ahnung von der Materie zu haben, könnte die Frage aufkommen, warum denn bitte “aufgrund der Fusion von DAK, BKK Gesundheit und Springer BKK” der Zusatzbeitrag bei der BKK Heilberufe entfallen soll. Tatsächlich macht die BKK für Heilberufe zum Jahresende dicht.

So steht es auch heute in “Bild”:

Die elf gesetzlichen Krankenkassen, die Zusatzbeitrag nehmen, wollen ihn 2012 abschaffen. Durch die Fusion von DAK, BKK Gesundheit und Springer BKK entfällt er dort, sechs BKKen haben die Abschaffung angekündigt, die BKK Heilberufe schließt am 31.12. BILD erfuhr: Auch BKK Hoesch und Publik planen das Aus der Extragebühr.

Mit Dank an Ploegi.

Bild  

Die Braut, die sich was traut

Meine Damen und Herren, von den Machern von “Sack Reis in China” — die Nicht-Meldung des Jahrhunderts:

Braut schreibt SMS vor dem Traualtar. Los Angeles - Eine Braut aus Kalifornien (USA) war gerade am Arm des Vaters auf dem Weg zum Traualtar. Da zog sie plötzlich ihr Handy hervor, blieb stehen und tippte in aller Ruhe eine SMS ein. Die ganze Hochzeitsgesellschaft sah fassungslos zu. Wem und was sie schrieb, ist nicht bekannt. Die Trauung fand dennoch statt.

Es ist die Sorte bunte Meldung, die sich ein Redakteur zur Not ausgedacht haben könnte, um den noch freien Platz in der Spalte zu füllen — aber dafür ist sie eigentlich zu banal. Und tatsächlich hat sich die Geschichte so zugetragen. Also: so ähnlich.

Es gibt ein Video von dieser Begebenheit, das die “Huffington Post” am Wochenende verlinkt hatte. James Costa, ein Filmemacher aus New York, der das Video gedreht hatte, hat es inzwischen auf “privat” gestellt, doch es wurde bereits neu hochgeladen:

Okay, die Braut ist also nicht stehen geblieben, sondern stand schon, und es sieht auch eher so aus, als würde sie eine Nachricht lesen und keine schreiben.

abc zitiert den Kameramann mit den Worten:

Der Priester war damit beschäftigt, seine Eröffnungsworte vorzulesen und ihr Rücken war allen Anwesenden zugewandt. Ich war der Einzige, der sie sehen konnte.

(Übersetzung von uns.)

Und noch etwas hatte er laut abc bei YouTube geschrieben:

Das ist Teil eines Hochzeitsvideos, das ich im August 2008 am Mission Beach Women’s Club in San Diego, Kalifornien gedreht habe.

(Übersetzung von uns.)

Und das Video ist nicht nur mehr als drei Jahre alt, es stand auch schon seit Oktober 2009 online, wie die “International Business Times” berichtet.

Wir fassen zusammen: Vor mehr als drei Jahren hat eine Braut vor dem Traualtar stehend ihr Handy aus ihrem Dekolletee geholt, was damals kaum jemand mitbekommen hat.

Diese Geschichte geht jetzt um die Welt.

Bild  

Was soll die Scheiße?

Dann passiert etwas, was BILD exklusiv weiß:

Das ist ein Satz, der klingt, als sei er ironisch gemeint und stamme zum Beispiel von dieser Seite. Er steht aber in “Bild”.

Gestern haben Zollbeamte, Polizisten und Steuerfahnder am Frankfurter Flughafen eine großangelegte Fahrzeugkontrolle durchgeführt, die der Zollamtsrat als “rundum gelungen” bezeichnet.

Dann passiert etwas, was BILD exklusiv weiß: Am späten Vormittag nähert sich eine dunkle, schwere Audi-Limousine der Kontrolle. Zuerst wartet der Fahrer brav in der Reihe. Doch plötzlich beschleunigt der Wagen, rast los. Der Fahrer brüllt aus dem Fenster: “Was soll die Scheiße hier?”

Jetzt erkennen mehrere Zeugen den Mann: Es ist Heiner Geißler.

“Bild” verbreitete dieses exklusive Wissen großflächig in den Frankfurter und Stuttgarter Regionalausgaben:

Am Frankfurter Flughafen: Heiner Geißler flüchtet vor Polizei-Kontrolle

Deutschlandweit wurde Geißler zum “Verlierer des Tages” erklärt:

CDU-Urgestein Heiner Geißler (81) hat bei einer Polizeikontrolle offenbar die Nerven verloren! Am Frankfurter Flughafen musste Geißler mit seinem Auto vor einer Straßensperre warten. Plötzlich, so Augenzeugen, gab er Gas, rief "Was soll die Scheiße hier?" und brauste davon. Nun liegt der Vorfall beim Polizeipräsidium. BILD meint: Alter schützt vor Torheit nicht!

(Gewinner des Tages ist übrigens der vor einem Jahr verstorbene Oktopus Paul, weil über den jetzt ein E-Book erscheint.)

Heiner Geißler widersprach dieser Darstellung heute in einer Stellungnahme heftig. “Der Bericht ist unrichtig und beruht auf falschen Informationen”, schreibt er und erklärt, dass er sein Auto in der Flughafen-Parkgarage habe abstellen wollen, um den ICE nach Kiel zu nehmen.

hr-online.de zitiert Geißler:

Am Ende der Abbiegespur habe ein Zollbeamter gestanden, der die Autos weiterleitete. Geißler sagte, er habe aus dem Fenster gerufen: “Was soll das, ich verpasse meinen Zug.” Der Beamte habe ihn gegrüßt und ihn passieren lassen. “Die Behauptung, ich sei geflüchtet, ist absolut falsch, da ich gar nicht angehalten wurde”, so der frühere Bundesfamilienminister und CDU-Generalsekretär.

Auch bei der Marke seines Autos hat sich die “Bild” laut Geißler getäuscht. “Ich fahre einen 5er BMW und die örtlichen Verhältnisse lassen ein Tempo über 20 km/h gar nicht zu.” Der schwere Audi und die quietschenden Reifen seien “reine Erfindung”.

In der Onlineversion des “Bild”-Artikels wurde Geißlers Stellungnahme unauffällig am Schluss eingebaut — mit der Anmoderation “Heiner Geißler bestreitet die Vorwürfe.”

Ein Sprecher des Polizeipräsidiums Frankfurt bestätigte uns gegenüber, dass die Schilderungen von Geißler zutreffend seien. Die “Folgen”, die Geißlers “Flucht” laut “Bild” haben könnte, schloss der Mann aus: Es bleibe “praktisch gar nichts hängen, auch keine Ordnungswidrigkeit”. Die Berichterstattung sei “viel Wind um fast nichts”.

Damit kann man dann auch die Fragen von “Mitteldeutscher Zeitung” und “Westfälischem Anzeiger” klar mit “Nein” beantworten:

Flüchtete Heiner Geißler vor Polizeikontrolle?

Ist Geißler vor Polizeikontrolle geflüchtet?

Mit Dank an Florian S.

Der neue Milchmädchenatlas

Erst vergangene Woche versuchten wir anhand des sogenannten “Einbruchs-Atlas” der Bremer Regionalausgabe von “Bild” zu erklären, warum es sinnlos ist, bei der Erstellung von Karten nur absolute Zahlen einzubeziehen und etwa die Einwohnerzahlen der einzelnen Teilgebiete und andere Faktoren zu ignorieren.

Zu Bild.de ist das anscheinend nicht durchgedrungen. Dort gibt es jetzt den “neuen Pleite-Atlas”, der anzeigt, wo in Deutschland die meisten Privatinsolvenzen angemeldet werden:

Viele Deutsche geraten in die Privatinsolvenz. BILD.de zeigt den Bundesländervergleich: Dunkel gefärbte Länder weisen eine große Anzahl zahlungsunfähiger Bürger auf, die hellen eine niedrige Drucken Versenden Bookmarken Teilen Privat-Insolvenzen Der neue Pleite-Atlas

Es überrascht wenig, dass es genau in den Ländern die meisten Privatinsolvenzen gibt, in denen am meisten Menschen leben: NRW, Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen. Kleinere Bundesländer wie Bremen hingegen schneiden automatisch gut ab.

Viel nützlicher wäre es gewesen, die Anzahl der Privatinsolvenzen mit den Einwohnerzahlen zu verrechnen. Dass der “Pleite-Atlas” ein Muster ohne Wert ist, geht sogar aus dem Artikel auf Bild.de hervor:

Bei den relativen Werten je 100 000 Einwohner gestaltet sich besonders die Schuldnersituation im Norden kritisch.

Die meisten Pleitiers pro 100 000 Einwohner leben in Bremen (162 Fälle), Hamburg (119), Niedersachsen (110) und Schleswig-Holstein (108). Während der Bundesdurchschnitt bei 84 Fällen je 100 000 Einwohner rangiert, stehen Bayern mit 61 Privatinsolvenzen, Baden-Württemberg (62) und Thüringen (74) im Ländervergleich am besten da.

Mit Dank an Mike W. und Boris.

Straßenkämpfe, Trinkkonzepte, Konfetti

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Empören wir uns nicht genug, Herr Harpprecht?”
(mediummagazin.de, Annette Milz)
Vom “Einstein” in der Kurfürstenstrasse bis zum “Borchardt” in der Französischen Straße sei das Vertrauen und die Vertraulichkeit das gängigste Korruptionsmittel zwischen Medien, Politik und Wirtschaft in Berlin, sagt Klaus Harpprecht: “In Wahrheit sind die vermeintlich exklusiven Informationen meist nur Bestechungsmittel, um Journalisten zu bauchpinseln.”

2. “Pöbler, Drängler, Straßenkämpfer”
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
“Der Straßenkampf – Rüpel-Republik Deutschland” heißt die Titelgeschichte des aktuellen “Spiegel”. Unter den Linden in Berlin spiele sich das so ab: “Der Wagen sei in Sekundenschnelle ‘umzingelt’, links und rechts schießen die Radler vorbei, um danach an der Ampel die ‘Poleposition’ zu suchen und schließlich fahren sie dann demonstrativ nebeneinander und kümmern sich nicht drum, dass sie den Verkehr aufhalten. Muss man nur mal nach Berlin für fahren, um diesen unerträglichen Straßenkampf zu erleben!”

3. “Nachhaltige Vollverblödung”
(wahrheitueberwahrheit.blogspot.com, Thomas)
Auf “Zeit Online” entdeckt Thomas eine Reklame für Flaschen aus Borosilikatglas, die in umweltfreundlichem, skandinavischen Design daherkommen und ein nachhaltiges Trinkkonzept verfolgen.

4. “Kommentar zur Berichterstattung über den Hirschmannprozess”
(feldstecher.wordpress.com)
Mehrere Schweizer Medien konsultieren in der Berichterstattung über den Prozess gegen Carl W. Hirschmann jun. den gleichen Experten, den Zürcher Anwalt Valentin Landmann: “Seine Konkurrenten im Zürcher Anwaltsverband haben nicht einmal im Ansatz eine vergleichbare Werbefläche.”

5. “Alles kostet Geld, und auch mein Service kostet”
(welt.de, Benjamin von Stuckrad-Barre)
Benjamin von Stuckrad-Barre besucht den ehemaligen ARD-Talker Jürgen Fliege.

6. “9/11”
(blog.bassena.org, H​a​n​s K​i​r​c​h​m​e​y​r)
H​a​n​s K​i​r​c​h​m​e​y​r war am 11. September 2001 in New York: “09:04 – Dichter Qualm: Minuten später wurden mir die glitzernden ‘Konfetti’ zu dutzenden vor die Füße geweht. Es waren die Akten, Briefe und Notizen jener Menschen, die da oben gearbeitet hatten.” Zu 9/11 siehe auch die Erinnerungen von Ulrich Wickert (“So, und wer ist das? Ich habe keine Ahnung”) und diese neue Verschwörungstheorie (“Stecken Verschwörungstheoretiker hinter den Anschlägen vom 11. September?”).

Blättern:  1 ... 19 20 21 ... 27