Suchergebnisse für ‘gegendarstellung’

Minenfeld, Mainstream-Innovationen, Meisterreporter

1. Mit Elan ins Minenfeld
(spiegel.de, Arno Frank)
Die von „Arte“ und „WDR“ zurückgehaltene Antisemitismus-Doku beschäftigt weiter die Medien. Der „Spiegel“ attestiert dem Film handwerkliche Mängel: „Es ist von keinem richtigen Journalisten zu verlangen, über gezielten Hass und traditionelle Dummheit „ausgewogen“ zu berichten. Er sollte dann aber nicht fahrlässig Lücken lassen, durch die der Zweifel einsickern kann. Was stimmt, das muss auch sitzen. Seine Unschärfen sind es, mit denen der Film im Eifer des Gefechts seine eigene Haltung schwächt. Deshalb ist es kein Verdienst, dass diese Dokumentation nun über Umwege doch gezeigt wurde. Mit ein wenig mehr Arbeit hätte sie wesentlich mehr Wucht entfalten können.“

2. Wie Populismus digital funktioniert. Die Geschichte eines Tweets.
(fearlessdemocracy.org, Gerhard Hensel)
„Fearless Democracy“ baut eine neue Plattform auf: Für „HateAid“ sucht man aktuell Menschen, die politischen Hass im Netz erlebt haben, und denen man über einen möglichen Kooperationspartner günstig juristischen Beistand zukommen lassen will. Also twitterte man „Wir suchen Opfer pol. Gewalt im Netz für ein juristisches Pilot-Projekt. Es geht um kostenfreien jur. Beistand ggü. Angriffen. Ping us.“ Vor allem von rechter Seite gab es daraufhin Gegenwind, obwohl das Projekt ausdrücklich keiner politischen Richtung folge: „Reaktionen bisher, nachdem sich die halbe rechte Szene an unserem Tweet abgearbeitet hat: Null. Kein Tweet, keine Email, kein substanzielles Interesse an unserem Angebot. Auf kein einziges Gesprächs- oder Interaktionsangebot wurde bisher reagiert. Es geht ums Vorführen, Framen und ums Ersticken von allem, was nicht direkt ins eigene Weltbild passt.“

3. Der Spiegel und seine sinnlosen Mainstream-Innovationen – Ihr seid doch ein Nachrichtenmagazin!
(meedia.de, Stefan Winterbauer)
Der „Spiegel“ hat in letzter Zeit einige Projekte in Angriff genommen, die sich am Markt nicht durchsetzen konnten. Und neue Projekte wie eine Beilage für Luxus-Lifestyle („S-Magazin“) seien bereits in der Pipeline. Stefan Winterbauer hält wenig von der Innovations-Offensive und rät dem „Spiegel“, sich auf seine Kernkompetenz als Nachrichtenmagazin zu konzentrieren. „Der Spiegel ist nun mal nicht Bauer oder Burda oder Gruner. Was wollen sie beim Spiegel als nächste Innovation präsentieren? Ein Heft mit Rezeptideen für den Thermomix vielleicht? Oder einen Abklatsch der Landlust? Spiegel der Frau?“

4. Einst Stimme der Unterdrückten – und heute?
(deutschlandfunk.de, Sabine Rossi, Audio, 3:48 Minuten)
Nahost-Korrespondentin Sabine Rossi bescheinigt dem Fernsehsender „Al Jazeera“ einen schleichenden Verfall. Früher hätte der Sender Unterdrückten eine Stimme gegeben und den klinischen Kriegsbildern der USA etwas entgegengesetzt. Heute sei vom Vorzeige-Journalismus von damals nicht viel über geblieben. Das hab viel mit dem Geldgeber zu tun: dem Emirat Katar.

5. Wenn der „Tatort“ bei YouTube verschwinden muss
(welt.de, Christian Meier)
Christian Meier berichtet von einem kuriosen Rechtsstreit zwischen Youtube und der Produktionsfirma eines Dokumentarfilms. Ein Nutzer („Revo Luzzer“) hatte den Film ungenehmigt auf das Videoportal geladen. Darauf hatte sich die Produktionsfirma bei Youtube gemeldet und um Löschung gebeten. Dem war Youtube auch nachgekommen, doch der Uploader reichte eine Gegendarstellung ein. Es läge keine Urheberrechtsverletzung vor, denn als Rundfunkbeitragszahler sei er „Miteigentümer“ des Films. Darauf gab Youtube den Film erneut frei… Das Landgericht Leipzig gab nun der Klage der Produktionsfirma gegen Youtube statt.

6. Die scheinbar Uneitlen sind oft die allerschlimmsten
(sueddeutsche.de, Holger Gertz)
Der Schauspieler und Komiker Olli Dittrich gibt heute eine fiktive Journalistenlegende: „Der Meisterreporter – Sigmar Seelenbrecht wird 81“ (ARD, 23.30 Uhr). „SZ“-Autor Holger Gertz kennt den Film bereits und kommt zum Urteil: „Herrlicher und sehr kluger Irrsinn.“
(Der Ausgewogenheit wegen: Hendrik Steinkuhl kommt in seiner Fernsehkritik zu einem gänzlich anderen Ergebnis: „Da ist sogar der Sat.1-Fun-Freitag lustiger“ Da hilft wohl nur das eigene Urteil…)

Kika-Post, Milchmärchen, Wasserkonflikt

1. „Ich bin fassungslos, dass dieser verblödete Schrott gesendet wird!“
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Bei der Zuschauerredaktion von „Kika“, dem öffentlich-rechtlichen Kinderfernsehen, trudeln jedes Jahr ca. 67.000 Briefe und 25.000 E-Mails ein. Während die Zuschriften der jüngeren Kinder den Mitarbeitern oft große Freude machen würden, sähe das bei der Post der Älteren oft anders aus: Die Kritik habe in letzter Zeit zugenommen und der Ton sich verschärft.

2. Der unrühmliche Sturz des Kabelkönigs
(spiegel.de, Marc Pitzke)
Der amerikanische Fernsehsender „Fox News“ musste sich von Bill O’Reilly trennen, einem der bekanntesten Fernseh-Moderatoren Amerikas und bekennendem Trump-Fan. Die „New York Times“ hatte berichtet, dass fünf Frauen O’Reilly vorgeworfen hatten, sie sexuell belästigt zu haben und von ihm mit insgesamt 13 Millionen Dollar abgefunden worden zu seien.

3. Das Milchmärchen vom Milchmädchen
(udostiehl.wordpress.com)
In Deutschland lebende türkische Staatsbürger haben jüngst über Verfassungsänderungen in der Türkei abgestimmt. „63 Prozent der Türken in Deutschland für Präsidialsystem“, so die Schlagzeile der „Frankfurter Rundschau“ am Tag danach und an anderer Stelle „Das bedeutet unterm Strich: 412 000 von 2,8 Millionen Deutsch-Türken stärkten Erdogan den Rücken“ Udo Stiehl hat sich die Mühe gemacht und den Rechenweg auf deutsche Gegebenheiten angewandt.

4. Die multimediale Preisträgerin – Fünf Fragen an Katharina Thoms
(watch-salon.blogspot.de, Christine Olderdissen)
Der Journalistinnenbund feiert dieses Jahr sein 30jähriges Jubiläum. Bis zum Stichtag werden innerhalb der Interviewserie „Fünf Fragen“ in lockerer Folge ganz unterschiedliche Journalistinnen vorgestellt. Im aktuellen Interview steht Katharina Thoms Rede und Antwort, die u.a. wegen ihrer preisgekrönten Webdoku über die „Erstaufnahmestelle Meßstetten“ vom „medium magazin“ zu den Top 3 Journalistinnen 2016 regional gewählt wurde.

5. Journalisten der Nowaja Gaseta schützen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Zwei Journalistinnen der „Nowaja Gaseta“ haben über schwere Menschenrechtsverletzungen an Homosexuellen in Tschetschenien berichtet und werden nun von der tschetschenischen Führung bedroht. Drohungen, die man ernst nehmen müsse, weil im Nordkaukasus schon öfter kritische Berichterstatter ermordet worden seien. „Die russische Regierung muss endlich den Teufelskreis von Gewalt gegen Journalisten und Straflosigkeit für die Täter in Tschetschenien stoppen“, so der Geschäftsführer von „Reporter ohne Grenzen“.

6. Skurriler Wasserstreit um Til Schweiger
(haz.de)
Um schnödes Wasser geht es beim Streit zwischen Til Schweiger und der „Hamburger Morgenpost“. Nachdem diese Anfang des Jahres berichtet hatte, dass der Schauspieler in seinem Restaurant „Hamburgs teuerstes Leitungswasser“ verkaufe, wehrte der sich gegen den Vorwurf. Nun musste die Zeitung eine Gegendarstellung veröffentlichen, nutzte dies jedoch für einen erneuten Konter.

#Pizzagate, Neues aus dem Glashaus, „Bild“-Sexismus

1. Wie Trumps Berater Fake News verbreiten
(sueddeutsche.de, Matthias Kolb)
Am Sonntag betritt ein 28-jähriger US-Amerikaner eine Pizzeria in Washington, er ist mit einer Pistole und einem Sturmgewehr bewaffnet. Sein Verdacht: Vertraute von Hillary Clinton betreiben dort ein Pädophilie-Netzwerk. Seine Mission: minderjährige Sexsklaven retten. Seine Quelle: #Pizzagate, eine Fake-News-Kampagne, betrieben von Trump-Anhängern. Matthias Kolb erklärt, wie die Ente in die Welt gekommen ist, wer dazu beigetragen hat und warum es so schwer ist, die Lügen wieder einzufangen, sobald sie sich einmal im Netz verbreiten.

2. Lieber Herr Broder
(medium.com, Gerald Hensel)
„Guten Tag, Herr Broder, ich möchte mich kurz vorstellen: mein Name ist Gerald Hensel, ich bin 41 Jahre alt, ich lebe in Berlin und ich hatte mal Achtung vor Ihnen.“ So beginnt ein offener Brief an den streitbaren und streitlustigen Publizisten Henryk M. Broder. Gerald Hensel hält ihn für eine „Fleischwerdung der postfaktischen Scheiße, in der diese Welt gerade steckt“. Dafür nennt er drei Gründe:
„1. Sie lügen.“
„2. Wer zuerst Faschist sagt, ist zuletzt Rassist.“
„3. Sie wollen keine inhaltliche Auseinandersetzung. Sie suchen maximalen persönlichen Kollateralschaden.“

3. Willkommen im Glashaus
(blog.zeit.de, Jochen Wegner)
„Zeit Online“ setzt um, was Chefredakteur Jochen Wegner schon vor eine Woche in einem „Meedia“-Interview angekündigt hatte: Das „Glashaus“ soll dazu dienen, redaktionelle Abläufe und Entscheidungsprozesse transparent zu machen — aber auch, um Fehler einzugestehen: „Im Glashaus sammeln wir ab sofort auch unsere Fehler: alle Fälle, in denen wir uns gravierend korrigieren mussten — bisher werden Korrekturen nur in den Beiträgen selbst kenntlich gemacht.“ Der erste inhaltliche Blogeintrag ist bereits erschienen. Markus Horeld erklärt, „Warum wir fast nie über Straftaten berichten“.

4. Wer im Glashaus sitzt
(taz.de, Diana Pieper)
Am Mittwochmorgen titelte die „Bild“-Zeitung: „Ist das Frauenbild der Flüchtlinge ein Problem?“ Ausgerechnet die „Bild“-Zeitung, wundert sich Diana Pieper: „Doch ist jetzt neuerdings die ‚Bild‘-Zeitung die Verteidigerin der emanzipierten, gleichberechtigten Frau? Wohl kaum, fällt sie doch eher durch ihre oft sexistische und voyeuristische Berichterstattung auf.“ Zum gleichen Thema aus diesem Blog: „‚Bild‘ der Frau“.

5. Unis starten in die Post-Urheberrecht-Ära
(golem.de, Sebastian Grüner)
Zum neuen Jahr tritt ein neuer Rahmenvertrag der VG Wort in Kraft, der die Nutzung wissenschaftlicher Werke an Hochschulen regeln soll — obwohl ihn etliche Universitäten vehement ablehnen. Damit werde „vollkommen unübersichtlich, welche Werke Universitäten überhaupt noch über digitale Semesterapparate verteilen dürfen“, schreibt Sebastian Grüner. Er prognostiziert großes Chaos und geht davon aus, „dass die Wissensvermittlung künftig schlicht nicht ganz legal ablaufen wird.“ Anders sieht das Leonhard Dobusch bei Netzpolitik.org, der den auslaufenden Vertrag für einen „Fortschritt“ hält: „Denn es zeigt, dass die Hochschulen und ihre Verbände untragbare Zustände in digitaler Forschung und Lehre nicht mehr einfach hinzunehmen bereit sind.“

6. Anspruch auf Gegendarstellung wegen Äußerungen in einem Blog
(internet-law.de, Thomas Stadler)
Lauer vs. Lange: Ein ehemaliger Pirat verklagt ein aktuelles Parteimitglied der Piraten auf eine Gegendarstellung. Die Details des Streits zwischen Christopher Lauer und Simon Lange sind nebensächlich, interessant ist die Schlussfolgerung, die Rechtsanwalt Thomas Stadler aus dem juristischen Sieg Lauers zieht: „Die Entscheidung des Kammergerichts führt also dazu, dass selbst Gelegenheitsblogger (…) als journalistisch-redaktionelle Anbieter gelten, mit der Folge, dass sie der erweiterten Impressum spflicht (…) und der Gegendarstellungspflicht unterliegen. Ob dies tatsächlich dem Sinn und Zweck des Gesetzes entspricht, darf man bezweifeln. Es ließe sich dann auch nicht mehr nachvollziehbar erklären, warum nicht jeder, der auf Facebook oder Twitter vorwiegend Meinung postet, ebenfalls erfasst wäre.“

B.Z., Bild  

Herbert Grönemeyer wurde immer noch nicht auf „La Fabrique“ getraut

Vor gut drei Monaten hatten wir darüber berichtet, dass „Bild“ zwei Gegendarstellungen von Herbert Grönemeyer abdrucken musste. Eine auf der Titelseite …

… und eine auf Seite 4:

Beide bezogen sich auf „Bild“-Berichte zur Hochzeit von Grönemeyer. In der zweiten Gegendarstellung hieß es:

Gegendarstellung
In der „Bild“-Zeitung vom 12. Mai 2016 schreiben Sie auf Seite 4 in einem Artikel mit der Überschrift „Männer heiraten heimlich“:
„Am vergangenen Wochenende sollen der Sänger und seine Lebensgefährtin (…) Gäste zur Trauung auf das Anwesen ‚La Fabrique‘ (…) im südfranzösischen Ort Saint-Rémy-de-Provence eingeladen haben.“
Hierzu stelle ich fest: Es hat keine Trauung zwischen mir und meiner Lebensgefährtin auf dem Anwesen ‚La Fabrique‘ stattgefunden.
Berlin, den 12. Mai 2016
Rechtsanwalt Prof. Dr. Christian Schertz für Herbert Grönemeyer

Am vergangenen Samstag entdeckten wir bei unserer täglichen „Bild“-Studie auf Seite 4 eine Gegendarstellung von Herbert Grönemeyer:

Ist doch dieselbe wie vom 27. August? Inhaltlich schon. Optisch aber nicht. Und deswegen musste „Bild“ die Gegendarstellung ein zweites Mal drucken.

Gerichte machen ziemlich genaue Vorgaben, wo und in welcher Form Gegendarstellungen erscheinen müssen — die sogenannten drucktechnischen Anordnungen. Da „Bild“ einen Teil der Überschrift des ursprünglichen Grönemeyer-Artikels vom Mai in Großbuchstaben veröffentlichte, hätte die Redaktion schon beim ersten Abdruck das Wort „Gegendarstellung“ ebenfalls in Großbuchstaben setzen müssen. Hinzu kommt die Vorgabe des Gerichts, wie das Wort „Gegendarstellung“ farblich gestaltet sein muss: weiße Buchstaben, auf anthrazitfarbenem Hintergrund. Auch das hatte „Bild“ beim ersten Mal missachtet. Damit die Gegendarstellung auch ordentlich lesbar ist, hatten die Richter Leerzeilen zwischen den Absätzen vorgeschrieben. Auch die finden sich erst in der zweiten Version.

Die „B.Z.“ hatte im Mai übrigens genauso falsch über die Hochzeit von Herbert Grönemeyer berichtet wie „Bild“. Sie musste im Juni eine Gegendarstellung drucken:

Und auch die „B.Z.“ hat es nicht hinbekommen, sie so zu veröffentlichen, dass sie den Anweisungen des Gerichts entspricht. Es fehlten zum Beispiel vorgeschriebene Fettungen. Außerdem hatte die „B.Z.“ den Namen „Herbert Grönemeyer“ am Ende des Textes zu vergessen. Also, im September der erneute Abdruck:

Nun zwar mit Fettungen und Namen. Allerdings immer noch ohne die vorgeschriebene optische Hervorhebung des Wortes „Gegendarstellung“. Am vergangenen Samstag, nach zwei Fehlversuchen, hat es die Redaktion dann tatsächlich geschafft, die Gegendarstellung von Herbert Grönemeyer wie gefordert zu veröffentlichen:

Und so mussten zwei Springer-Blätter zwei Gegendarstellungen in den vergangenen sechs Monaten fünfmal abdrucken. Vermutlich ein einzigartiger Vorgang.

Bild  

Das ist doch wohl ein schlechter Witz

Neben Persönlichkeitsrechtsverletzungen, dumpfem Patriotismus und ein wenig Hetze gegen Minderheiten darf in einer typischen „Bild“-Ausgabe eins nicht fehlen: schlechte Witze. Jeden Tag gibt es eine kleine Humor-Ecke im Blatt, gekennzeichnet durch ein :-)-Emoticon. Mal sind es zwei Kalauer, mal drei, mal vier. Eines haben sie jedenfalls alle gemeinsam: Sie sind sehr, sehr dämlich.

So einen Witz findet man da zum Beispiel:

VATER-SOHN-WITZ
Vater und Sohn gehen spazieren. Plötzlich grüßt der Kleine einen wildfremden Mann. Fragt der Vater: „Wer war denn das?“ — „Einer vom Umweltschutz. Er fragt Mutti immer, ob die Luft rein ist …“

Oder so einen:

GÄRTNER-WITZ
Sitzen zwei Gärtner im Garten. Saft der eine: „Pflanzen soll man gut zureden, damit sie schön wachsen.“ Darauf der andere: „Gut, dann beschimpfe ich jetzt das Unkraut!“

Oder so einen:

URLAUBS-WITZ
„Ich habe gehört, ihr fahrt dieses Jahr doch nicht nach Argentinien?“ — „Nein, das ist falsch. Nicht nach Argentinien sind wir im letzten Jahr gefahren. Dieses Jahr fahren wir nicht nach Hawaii!“

Das ist also der Humor, den die „Bild“-Zeitung ihren Leserinnen und Lesern zutraut.

Zu den „Bild“-Scherzen kommen wir gleich noch mal. Jetzt erstmal kurz zurück zu unserem Blogeintrag von vergangenem Samstag: Da hatten wir darüber geschrieben, dass „Bild“ zwei Gegendarstellungen des Musikers Herbert Grönemeyer abdrucken musste. Es ging um eine „Bild“-Titelgeschichte aus dem Mai dieses Jahres. Das Blatt hatte geschrieben, Grönemeyer habe seine 28-jährige Freundin geheiratet. Die war aber gar nicht 28, sondern älter. Außerdem hatte „Bild“ behauptet, dass die Trauung auf dem „Anwesen ‚La Fabrique'“ stattgefunden habe. Auch das war falsch. Also musste die Redaktion diese zwei Gegendarstellungen von Herbert Grönemeyer veröffentlichen:


(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Gegendarstellung
Auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung vom 12. Mai 2016 heißt es: „JA-WORT MIT J… (28) IN FRANKREICH Grönemeyer heiratet seine junge Freundin!“
Hierzu stelle ich fest: Meine Partnerin ist nicht 28. Sie ist mehrere Jahre älter.
Berlin, den 12. Mai 2016 — Rechtsanwalt Prof. Dr. Christian Schertz für Herbert Grönemeyer
Anmerkung der Redaktion: Herbert Grönemeyer (60) hat recht. Vor Gericht hat er angegeben, seine Partnerin sei acht Jahre älter als von BILD behauptet.

Gegendarstellung
In der „Bild“-Zeitung vom 12. Mai 2016 schreiben Sie auf Seite 4 in einem Artikel mit der Überschrift „Männer heiraten heimlich“:
„Am vergangenen Wochenende sollen der Sänger und seine Lebensgefährtin (…) Gäste zur Trauung auf das Anwesen ‚La Fabrique‘ (…) im südfranzösischen Ort Saint-Rémy-de-Provence eingeladen haben.“
Hierzu stelle ich fest: Es hat keine Trauung zwischen mir und meiner Lebensgefährtin auf dem Anwesen ‚La Fabrique‘ stattgefunden.
Berlin, den 12. Mai 2016
Rechtsanwalt Prof. Dr. Christian Schertz für Herbert Grönemeyer

Auch am vergangenen Samstag gab es wieder eine :-)-Ecke in „Bild“, dieses Mal direkt unter der zweiten Gegendarstellung abgedruckt:

Die drei Witze gehen so:

ANWALT-WITZ
„Ich weiß nicht, was Sie haben“, wundert sich der Scheidungsanwalt. „Ihr Mann ist doch für sein Alter noch sehr rüstig!“ „Für sein Alter schon“, meint die junge Frau. „Aber nicht für meins!“

HELLSEHER-WITZ
Die Kartenlegerin ist besorgt, als sie in die Karten von Frau Müller schaut: „Ihr Mann wird sterben!“ Die Reaktion: „Ich weiß. Mich interessiert, ob sie mich schnappen und zu was ich verurteilt werde.“

ARZT-WITZ
Ein alter Mann beim Arzt: „Meine 50 Jahre jüngere Frau ist schwanger! Wie kann das sein?“ Doktor: „Stellen Sie sich vor, Sie laufen im Wald, sehen ein Reh, nehmen Ihren Stock und tun so, als ob Sie das Reh erschießen wollen. Das Reh fällt tot um. Was denken Sie?“ „Da hat ein anderer geschossen!“ „Richtig!“

Jetzt kann es Zufall sein, dass die Leute von „Bild“ genau für den Tag, an dem sie die Gegendarstellungen eines älteren Mannes abdrucken mussten, der eine jüngere Frau geheiratet hat, drei Witze über ältere beziehungsweise sterbende Männer und jüngere beziehungsweise mordende Frauen rausgesucht haben. Oder aber sie sind beleidigte Nachtreter, die mit einer berechtigten Beschwerde und einer gerichtlichen Entscheidung nicht gerade souverän umgehen.

Bild  

Herbert Grönemeyer hat keine 28-Jährige geheiratet

Zwischen Herbert Grönemeyer und den „Bild“-Medien herrscht nicht gerade das beste Verhältnis. Als der Musiker beispielsweise im Dezember 2014 am Flughafen Köln/Bonn mit Paparazzi aneinandergeriet, schrieb „Bild am Sonntag“ dazu: „Herbert Grönemeyer vermöbelt Fotografen“. Grönemeyer wehrte sich gegen die Berichterstattung.

Am 12. Mai dieses Jahres brachte „Bild“ ebenfalls eine große Geschichte über den Sänger. Auf der Titelseite machte das Blatt so auf:


(Unkenntlichmachung durch uns.)

Und im Innenteil gab es auf Seite 4 dann noch einen großen Artikel obendrauf:

In der heutigen „Bild“-Ausgabe durfte dann auch Herbert Grönemeyer — beziehungsweise sein Anwalt Christian Schertz — etwas zu der Hochzeitsgeschichte sagen:

Gegendarstellung
Auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung vom 12. Mai 2016 heißt es: „JA-WORT MIT J… (28) IN FRANKREICH Grönemeyer heiratet seine junge Freundin!“
Hierzu stelle ich fest: Meine Partnerin ist nicht 28. Sie ist mehrere Jahre älter.
Berlin, den 12. Mai 2016 — Rechtsanwalt Prof. Dr. Christian Schertz für Herbert Grönemeyer
Anmerkung der Redaktion: Herbert Grönemeyer (60) hat recht. Vor Gericht hat er angegeben, seine Partnerin sei acht Jahre älter als von BILD behauptet.

Und da auch in dem Artikel auf Seite 4 von damals etwas nicht stimmte, gibt es in der „Bild“-Zeitung von heute auf Seite 4 gleich noch eine weitere Grönemeyer-Gegendarstellung:

Gegendarstellung
In der „Bild“-Zeitung vom 12. Mai 2016 schreiben Sie auf Seite 4 in einem Artikel mit der Überschrift „Männer heiraten heimlich“:
„Am vergangenen Wochenende sollen der Sänger und seine Lebensgefährtin (…) Gäste zur Trauung auf das Anwesen ‚La Fabrique‘ (…) im südfranzösischen Ort Saint-Rémy-de-Provence eingeladen haben.“
Hierzu stelle ich fest: Es hat keine Trauung zwischen mir und meiner Lebensgefährtin auf dem Anwesen ‚La Fabrique‘ stattgefunden.
Berlin, den 12. Mai 2016
Rechtsanwalt Prof. Dr. Christian Schertz für Herbert Grönemeyer

Verhaftungswelle, VG-Wort-Tauziehen, Mario Barth

1. „Le Monde“ zeigt keine Bilder von Terroristen mehr
(sueddeutsche.de)
Die „SZ“ informiert über die neue Berichterstattungspraxis der französischen Tageszeitung „Le Monde“. Diese wolle zukünftig keine Bilder mehr von Terroristen veröffentlichen und auf die Wiedergabe von IS-Propagandamaterial verzichten. So wolle man „eventuelle Effekte der posthumen Glorifizierung“ vermeiden.

2. Massenhafte Haftbefehle gegen Journalisten
(reporter-ohne-grenzen.de)
„Reporter ohne Grenzen“ berichtet über die neue Verhaftungswelle gegen Journalisten in der Türkei. In den vergangenen Tagen habe die türkische Justiz gegen rund 90 Medienschaffende Haftbefehle erlassen, einige davon seien bereits vollzogen. „RoG“-Geschäftsführer Mihr dazu: „Die massenhaften Haftbefehle der vergangenen Tage zielen unmissverständlich darauf, unbequeme Journalisten mundtot zu machen. Das Versprechen der Regierung in Ankara, trotz des Ausnahmezustands Grundrechte wie die Pressefreiheit zu achten, ist offensichtlich keinen Pfifferling wert. Die Hexenjagd auf kritische Journalisten in der Türkei muss sofort aufhören.“

3. „Die postredaktionelle Gesellschaft“
(taz.de, Amna Franzke)
Der Medienethiker und Theologe Alexander Filipović ist Inhaber des deutschlandweit ersten Lehrstuhls für Medienethik. Seine Schwerpunkte: Die Ethik digitaler Öffentlichkeiten und die Zukunft des Journalismus. Amna Franzke hat sich mit dem Medienethiker über Öffentlichkeit, Tempo, Verantwortung und die „redaktionelle Gesellschaft“ unterhalten, von der wir weit entfernt seien: „Die redaktionelle Gesellschaft ist als Utopie zu verstehen: Alle Leute können kompetent über die Folgen ihrer öffentlichen Kommunikation nachdenken und danach handeln. Faktisch erleben wir das Gegenteil: die postredaktionelle Gesellschaft. Wir haben keine Redaktionen für unsere öffentliche Kommunikation. Wozu das führt, haben wir nach dem Attentat in Nizza gesehen und jetzt in München. Die Menschen halten ihre Kamera drauf und verbreiten Fotos, Videos und Falschmeldungen rasend schnell.“

4. Richtungsstreit in der VG Wort
(irights.info, Henry Steinhau)
Laut „irights.info“ entwickelt sich in der VG Wort ein Tauziehen darum, wie es mit der Verwertungsgesellschaft weitergehen soll. Autoren würden sich gegen die Verlegerbeteiligung wenden und einen Umbau der Mitbestimmung fordern. Auf der anderen Seite würden Vorstand und Verlage den Gesetzgeber drängen, die Verlegerbeteiligung zu legalisieren. Auslöser des Streits ist das jüngste Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH), das die Rechtswidrigkeit der Verlegerbeteiligung an den Autorenvergütungen feststellte.

5. Forderung nach Nachrichtenkanal − ARD: Können schnell reagieren
(newsroom.de)
In den letzten Tagen tauchten immer wieder Forderungen nach einem neu einzurichtenden Nachrichtenkanal der Öffentlich-Rechtlichen auf, der rund um die Uhr berichtet. Nun hat sich der Gründungsintendant des Deutschlandradios, Ernst Elitz, in die Diskussion eingeschaltet und schließt sich dieser Forderung an.

6. „Schmähkritik“: Krah fordert Unterlassung von „DNN“
(flurfunk-dresden.de, Dirk Birgel)
Laut dem Dresdner Medienblog „Flurfunk“ hat der Dresdner Anwalt und CDU-Kreisvorstandsbeisitzer Maximilian Krah den „Dresdner Neueste Nachrichten“ ein Anwaltsschreiben zukommen lassen, in dem er Gegendarstellung, Widerruf, Unterlassung und Schadensersatz fordert. Krah hatte während des Münchner Amoklaufs einen (mittlerweile gelöschten) Tweet abgesetzt, der für bundesweite Kritik sorgte.

7. Antwort auf Mario Barths jüngste „Medienkritik“
(facebook.com, Lorenz Meyer)
Mario Barth hat sich mit einer Kritik an den „Medien“ (Anführungszeichen von ihm) zu Wort gemeldet. Anlass sind die Reaktionen auf seinen vorherigen Facebook-Post („Es wird immer schwieriger zu schreiben, wie man etwas empfindet, da man entweder dann ein „Hetzer“, ein „Angstverbreiter“, ein „Natzi“, ein „Publizist“ oder ein „Idiot“ ist.“) Nach einer ersten Reaktion, hat 6vor9-Kurator Lorenz Meyer nun einen Antwortbrief an den Comedian verfasst. Um besser verstanden zu werden, in der Sprache des Bühnenkünstlers, also auf „MarioBarthinisch“.

Adblock-Krieg, Gerichts-Satire, Talkshow-Blindflug

1. OLG Köln: Schlechte Karten für Adblock Plus
(heise.de, Torsten Kleinz)
Durch Adblocker gehen den Medienhäusern riesige Werbeeinnahmen verloren. Kein Wunder, dass man sich da wehrt, auch mit juristischen Mitteln. Nachdem Werbeblocker „Adblock Plus“ bislang fünf Prozesse für sich entscheiden konnte, zeichnet sich im Berufungsverfahren vor dem OLG Köln eine Niederlage ab. Ein Verbot des Werbeblockers steht im Raum. Und Schadensersatz. Doch Köln wird aller Voraussicht nach nur eine Zwischenstation sein. Zur endgültigen Klärung wird man sich wohl vor dem Bundesgerichtshof wiedersehen.

2. Journalismus aus der Vogelperspektive
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Das Geschäft mit Drohnen boomt wie nie zuvor und auch im Journalismus werden immer öfter kamerabewehrte Drohnen als fliegende Beobachter eingesetzt, ob bei Sportveranstaltungen oder zur Recherche und Verifizierung. Doch der Einsatz ist im journalistischen Umfeld nicht frei von Problemen. Es geht im Wesentlichen um Sicherheitsaspekte und Persönlichkeitsrechte. Lobe erzählt, wie es die Kollegen des BBC machen und kommt angesichts der Gesamtproblematik zum Schluss: „Es ist ein schmaler Grat.“

3. Böhmermann – Satire geht weiter
(diekolumnisten.de, Heinrich Schmitz)
Heinrich Schmitz ist nicht nur Kolumnist, sondern auch Strafverteidiger. In einer Mischung aus beiden Funktionen arbeitet er die umstrittene Entscheidung des Landgerichts Hamburg in der Causa Böhmermann auf. „Die Frage sei erlaubt, ob die Pressestelle des OLG Hamburg auf ihrer Homepage eine eigene Satirerubrik unterhält. Sie macht in ihrer Mitteilung über die Entscheidung des Landgerichts Hamburg nämlich ziemlich genau dasselbe wie Jan Böhmermann. Sie erklärt – genau wie dieser – dass das in Rahmen der Böhmermann-Performance vorgetragene Schmähgedicht ein Schmähgedicht ist. Dazu hätte es nun keines Gerichtes bedurft. Das wussten wir schon.“

4. Lohnt sich die „Frankfurter Allgemeine Woche“?
(dwdl.de, Nora Jakob)
Seit einigen Wochen gibt es die „Frankfurter Allgemeine Woche“. DWDL-Autorin Nora Jakob wagt sich an eine Zwischenbilanz. Richtig festlegen will sie sich nach der kurzen Zeit noch nicht, findet aber trotz einiger Kritikpunkte überwiegend positive Worte für das wöchentlich erscheinende Heft.

5. radioeins Medienmagazin PodCast
(radioeins.de, Jörg Wagner, Audio 1:39:19)
In der aktuellen Ausgabe des radioeins-Medienmagazins mit Jörg Wagner ist Medienanwalt Prof. Dr. Christian Schertz zu Besuch. In der kurzweiligen Sendung, die auch zum Download bereitsteht, geht es um die Themen: Schmähgedicht / Junge Konkurrenz für „heute Show“ und „Extra 3“ / rbb intern: Ist Autorisierung = Zensur? / Ein Jahr im ZDF: heute+ und „#rpten: @heuteplus oder wie wir Journalisten lernen, den Shitstorm zu lieben“.

6. Wie man eine Talkshow bespricht, ohne sie gucken zu müssen
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Sascha Lobo ist bei Maybrit Illner zu Besuch und Bild.de berichtet darüber. Sie ahnen, was dabei herauskommt… (Sascha Lobo hat auf Facebook eine Art einordnende Gegendarstellung veröffentlicht). Vollends aberwitzig wird es, wenn nun noch „Focus Online“ und ein Autor der „Huffington Post“ mit Morbus Guttenberg dazukommen, der augenscheinlich Fernsehsendungen bespricht, ohne sie gesehen zu haben. Stefan Niggemeier dröselt den Fall auf.

Spotlight, Botnetze, Cyberclown

1. Warum jeder Journalist „Spotlight“ sehen sollte
(gutjahr.biz)
Der Film „Spotlight“ handelt vom gleichnamigen Investigativ-Rechercheteam des „Boston Globe“, das den sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in Boston aufgedeckt hat. Für ihre vorbildhafte Berichterstattung haben die Reporter 2003 den Pulitzer Preis erhalten. Richard Gutjahr hat sich den Film (Kinostart in Deutschland lt. Wikipedia am 25.2.2016) angesehen und ist begeistert. Die für mehrere Oscars und Golden Globe Awards nominierte Filmbiograhie erinnere ihn daran, warum er einst Journalist werden wollte. Und er benennt 12 Dinge, die ihn „Spotlight“ über journalistisches Handeln gelehrt hätte.

2. Social Media Forensics Siegen
(netzpiloten.de, Marinela Potor)
Viele Journalisten, Politiker und Bürger haben ein genaues Auge auf die sozialen Netzwerke, die in vielerlei Hinsicht ein politisches Stimmungsbarometer sind. Doch tatsächlich würden viele Social-Media-Trends durch aggressive Bot-Netze und Trolle bewusst manipuliert. So entstünden zunehmend gesellschaftliche Debatten über Themen, die künstlich gepusht würden. Bots könnten gesellschaftliche Debatten durch ihre schiere Masse bestimmen und in eine gewünschte Richtung lenken. In einem Forschungsprojekt über „Social Media Forensics“ entwickeln Forscher der Universität Siegen nun Algorithmen, um die Bot-Netze zu entlarven. Das Forschungsteam hätte beispielsweise ein Netz aufgedeckt, das während der Ukraine-Krise täglich massiv gefakte Posts verbreitete. Aber auch eine Invasion von CSU-Seiten mit fremdenfeindlichen Kommentaren zur Flüchtlingskrise sei den Forschern aufgefallen.

3. Blogger: Am Ende Verleger – oder Verleger am Ende?
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Der Blogger und gelernte Journalist Thomas Knüwer ärgert sich über einen Beitrag seines Kollegen Michael Spehr in der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Spehr schreibt darin, Blogs seien am Ende, was u.a. die diesjährige Ehrung zum Blogger des Jahres beweise (eine Auszeichnung, die im Rahmen der Verleihung der „Goldenen Blogger“ vergeben wurde, an der Knüwer beteiligt ist). In einer Art persönlicher Gegendarstellung schildert Thomas Knüwer seine Sichtweise. Der Zwist hat sein Gutes: Der Artikel ist zu einem kurzweilig zu lesenden, subjektiven Abriss der deutschen Bloggergeschichte geraten.

4. Auf der Netz-Spur der „Lügenpresse“
(ndr.de, Fiete Stegers)
Fiete Stegers hat sich auf eine spannende Spurensuche nach den Ursprüngen des Worts „Lügenpresse“ gemacht. Ein Blogger hatte 2014 anhand der Google-Buch-Suche ermittelt, dass der Begriff bereits im frühen 20. Jahrhundert verwendet wurde, in der „Zeit völkischer und nationalsozialistischer Ideologie“. Stegers hat nun weitere Suchtools hinzugezogen: Die „Google-Suchtrends“ als Indikator für Themen-Popularität im Netz und „Brandwatch“ als Messwerkzeug für die Popularitätbestimmung des Begriffs auf News- und Social-Mediaseiten. Interessante Analyse mit verschiedenen Deutungsansätzen.

5. Offener Brief der L-IZ.de
(augenzeugen.info, Anna-Maria Wagner)
Immer wieder werden Journalisten bei „Pegida“-Demonstrationen an der Ausübung ihrer Arbeit gehindert, werden beschimpft oder gar tätlich angegriffen. Darunter zu leiden hat besonders die „Leipziger Internetzeitung“, die lange Zeit regelmäßig von den sogenannten „Legida“-Aufmärschen berichtet hat. Doch die Leipziger Lokalzeitung stellt die Live-Berichterstattung bis auf Weiteres ein. Man fühle sich von der Polizei und der Politik im Stich gelassen. Der in vollem Wortlauf veröffentlichte offene Brief zeigt das gesamte Ausmaß der unerfreulichen Entwicklung.

6. Lobbyist wird neuer Chef des BSI
(zeit.de)
Nun ist bekannt, wer neuer Präsident des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik wird: Arne Schönbohm. Ein ehemaliger Rüstungsmanager, der von seinen Kritikern als IT-Lobbyist bezeichnet und im Umfeld des Chaos Computer Club als „Cyberclown“ geschmäht wird.

Drehbuchautoren, Gefallsucht, Unglücksvideos

1. Eine Branche in Angststarre
(faz.net, Dominik Graf)
In der „FAZ“ schreibt sich Filmregisseur Dominik Graf den Frust von der Seele. Drehbuchautoren würden wie Werkzeuge behandelt, die von den Entscheidern ausgetauscht werden würden, wenn sie nicht funktionieren. „Die Debatten-Wütigkeit über Stoffe, Dramaturgien, Hauptfiguren, über einzelne Sätze nimmt überhand. Finale Ablehnungen von Drehbüchern und Projekten werden gar nicht mehr bekanntgegeben, es ruft den Autor einfach keiner mehr an. Und wenn er nachfragt, so bekommt er gequälte Auskünfte.“ Jedes Fiction-Projekt (mit Ausnahme von „Tatort“ und „Polizeiruf“) sei bedroht, weil das Geld in die Bürokratie wandere. Die gesamte Branche befände sich in einer Angststarre.

2. Versteckte Furcht – Russische Medien und der Islam
(de.ejo-online.eu, Edith Luschmann & Henrike Wiemker)
Die Autorinnen beschäftigen sich mit dem Umgang russischer Medien mit dem Islam. Obwohl dieser schon immer zu Russland gehört hätte, gäbe es in der Bevölkerung zunehmend Spannungen, über die russische Medien jedoch kaum berichten würden. Im Gegenteil: In den letzten Jahren hätte es eine verstärkt islamfeindliche Berichterstattung gegeben, vor allem in Zusammenhang mit Migrationsthemen. Die Autorinnen wünschen sich zur Verständnisförderung eine bessere mediale Sichtbarkeit des Islam in Russland.

3. Weil ihnen die Darstellung nicht gefiel – Bundesbeamte änderten 5500 Wikipedia-Artikel
(aargauerzeitung.ch, Sven Altermatt)
In der Schweiz sollen Bundesbeamte Wikipedia-Artikel so oft zu ihren Gunsten abgeändert haben, dass die Online-Enzyklopädie die Bundesserver zeitweise blockierte. So habe ein Beamter beispielsweise Informationen zur Vorratsdatenspeicherung gelöscht und durch einen Allgemeinplatz ersetzt. Dies fiel den Wikipedia-Administratoren auf, und die Änderung konnte rückgängig gemacht werden. Seit 2003 sollen Bundesangestellte an mehr als 5.500 Artikeln Änderungen vorgenommen haben. Viele der Bearbeitungen seien profaner Natur, aber bei einigen Artikeln handele es sich um gezielte Schönfärberei. Ein Wikipedia-Administrator hat mittlerweile jedoch eine Gegendarstellung veröffentlicht, in der er das Geschehen relativiert.

4. «Fatale Allianz zwischen Medien und Politik»
(medienwoche.ch, Lothar Struck)
Die Medienwoche beschäftigt sich ausführlich mit dem neuen Buch des TV-Journalisten Wolfgang Herles. „Die Gefallsüchtigen: Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik “ heißt die „längst fällige Medienkritik“ (Verlagsangabe) des Autors, der noch vor wenigen Tagen selbst mit gefallsüchtigen und unzutreffenden Behauptungen über eine angeblich gelenkte Presse auffiel. Der Rezensent attestiert dem Werk trotz einiger Schwächen „trotz allem eine interessante, wenn auch emotionale Sichtweise eines Status quo des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland.“

5. Washington Post’s ‘Bandito’ Tool Optimizes Content For Clicks
(wsj.com, Jack Marshall)
Die berühmte „Washington Post“ (Auflage werktags: 400.000, sonntags: 600.000) befindet sich seit 2013 im Besitz von Amazon-Gründer Jeff Bezos. Seit der Übernahme hat die Zeitung einiges in ihren digitalen Auftritt investiert. Nun hat man ein Tool installiert, das die Überschriften der Artikel optimiert. Die Redakteure verpassen ihren Artikeln unterschiedliche Überschriften, Teasertexte und Bilder. Die Software „Bandito“ wertet nach der Veröffentlichung aus, welche Versionen von den Lesern bevorzugt angeklickt werden und zeigt diese dann verstärkt allen anderen Lesern an.

6. Das Augenzeugenvideo aus dem Zug
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
Am praktischsten wären ja Beichtstühle mit nur einem Platz, am besten einem Drehhocker. Dort könnte man wichtigtuerisch seine moralisch-ethischen Gedankengänge und inneren Konflikte ausbreiten. Anschließend würde man dem Hocker einen Schubs in die andere Richtung geben und sich, je nach Laune, selbst applaudieren oder mit salbungsvollen Worten die Absolution erteilen. Und am tollsten wäre es, wenn das alle sehen und miterleben könnten. Der Chefredakteur der „Tagesschau“ hat sich einen solchen Platz installieren lassen. Er nennt ihn „Blog“. Dort gniffkelt er über die Fragestellung, ob man private Youtube-Videos von Unglücken für Nachrichtensendungen ausschlachten darf. Um es vorwegzunehmen: Man darf es natürlich, und es ist zutiefst menschlich, wenn man als Tagesschau-Chef von sich selbst und seinen hehren Absichten („Informationsauftrag“, „Respekt vor den Opfern“ etc.) etwas gerührt ist. Und zum Schluss bedeutungsvoll und geradezu von geistlicher Gnade erfüllt, nicht über jene Person urteilen will, die das „kaum zu ertragende“ Ursprungs-Unfallvideo samt erwähnter wehklagender Opfer aufgezeichnet und auf Youtube hochgeladen hat. PS: Veröffentlicht hat die „Tageschau“ dann übrigens folgendes Gaga-Video mit dem Informationsgehalt einer… Ach, sehen Sie selbst.

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