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Gefährliche Lidlschaften

Die Geschichte hat alles, was Auflage macht: Tote! Die Nachbarn im Süden! Eine Alliteration in der Überschrift!

Killer-Käse aus Österreich tötet zwei Deutsche

Gut, die zwei toten Deutschen verblassen vielleicht am Ende des ersten Absatzes etwas …

Ein neuer Lebensmittel-Skandal hält Deutschland in Atem. Nach dem Verzehr eines Harzer Käses aus Österreich sind zwei Deutsche an einer Listeriose (Bakterieninfektion) gestorben. In Österreich kamen sechs Menschen ums Leben.

Aber sonst?

Na ja, so richtig neu ist der Skandal auch nicht — neu ist die Erkenntnis, dass es Tote (übrigens insgesamt sechs und nicht sechs in Österreich und zwei Deutsche) gegeben hat.

Über die Rückrufaktion hatten verschiedene Medien bereits vor drei Wochen berichtet. Allerdings war der Käse mit den gefährlichen Bakterien im Sortiment des Discounter Lidl aufgetaucht — und weil Lidl und „Bild“ eine lange und innige Geschäftsbeziehung verbindet (s. Kasten), war die Meldung bei Bild.de zunächst etwas kleiner ausgefallen.

Auch die Meldung in der gedruckten „Bild“ vom 25. Januar war eher unauffällig platziert gewesen und nur vier Tage später war Lidl (gemeinsam mit dem Konkurrenten Aldi) bei „Bild“ schon wieder „Gewinner“ — weil die Discounter in England beliebter seien als die heimischen Supermarktketten. „Bild“ „meinte“ damals:

Sorry, das ist eben deutsche Wertarbeit!

Jetzt aber gibt es die Opfer des österreichischen „Killer-Käses“ (der aus deutschem Quark hergestellt wird) und Bild.de muss quasi über den Fall berichten.

Und das klingt dann so:

Eine große deutsche Handelskette reagierte sofort und verbannte die Produkte (Foto oben) aus den Regalen!

Als im vergangenen Jahr ein anderer Discounter eine große Rückrufaktion hatte starten müssen, stand sein Name gleich fünf Mal im Artikel auf Bild.de.

Mit Dank an Patrick S. und ceggis.

Nachtrag, 17. Februar: Bild.de hat die Zahl der Todesfälle in Österreich von sechs auf vier korrigiert, in einem neuen Artikel zum Thema wird Lidl genannt.

„WM-Knaller“ jetzt „Lidl-EM-Paket“ mit Wurst

Da soll doch noch mal einer behaupten, die Sanktionen des Presserats wirkten nicht. Im Sommer 2007 hatte der Beschwerdeausschuss nach einigem hin und her dann doch einen „Hinweis“ gegen die „Bild“-Zeitung ausgesprochen, weil sie ein Jahr zuvor mit ihrem „WM-Knaller von Lidl und BILD“ (siehe Ausriss) gegen die Ziffern sechs und sieben des Pressekodex verstoßen hatte (wir berichteten).

In der Begründung führte der Presserat aus:

Nach Meinung des Gremiums gerät im vorliegenden Fall das Ansehen der Presse (Ziffer 6 des Pressekodex) in Gefahr, wenn eine werbliche Veröffentlichung, die redaktionell gestaltet ist, den redaktionellen Aufmacher auf der Titelseite ersetzt. Der Leser erwartet dort weder einen Eigenmarketingbeitrag noch Werbung.

Dadurch, dass an einer Stelle, an der sonst redaktionell berichtet wird, ein Eigenmarketingbeitrag veröffentlicht wurde, wird zudem die in Ziffer 7 des Pressekodex geforderte klare Trennung von Werbung und Redaktion aufgehoben.

"Lidl-EM-Paket exklusiv in BILD"Das hat man sich bei „Bild“ offenbar zu Herzen genommen. Statt eines „WM-Knallers“ präsentiert „Bild“ heute exklusiv das „Lidl-EM-Paket“ (siehe Ausriss). Wer sich am kommenden Montag die „Bild“-Zeitung kaufe, den darin abgedruckten Coupon ausschneide und damit „zu einer der 2600 Lidl-Filialen“ gehe, bekomme für „nur einen Euro“ sechs Flaschen „Grafenwalder Premium Pils“ und ein Paket Grillwürstchen („Dulano, 350 Gramm“). Das sei „der Party-Hammer“.

Beim „WM-Knaller“ gab’s noch für 99 Cent sechs Flaschen „köstliches Grafenwalder Premium-Pils“, „eine große Tüte knackige Erdnuß-Flips“, eine Deutschland-Fahne und keine Wurst. Und der heutige „Eigenmarketingbeitrag“ ist, anders als der „WM-Knaller“, auch nicht der „Aufmacher auf der Titelseite“ – sondern eine Titelgeschichte.

Eine Kennzeichung als „Anzeige“, deren Fehlen der Presserat beim „WM-Knaller“ moniert hatte, sucht man indes auch hier vergeblich.

Aber vermutlich wird dort auf der „Bild“-Titelseite sonst ohnehin nicht redaktionell berichtet. Und der Leser wäre total überrascht wenn doch oder so.

Mit Dank an Steffen H. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 16.6.2008: „Bild“ hat es geschafft, in ihrer heutigen, ähm, Berichterstattung über „Bier und Grillen für 1 Euro“, also das „Super-EM-Paket von Lidl und BILD“, bzw. „Die größte EM-Aktion aller Zeiten“, das Wort „Anzeige“ unterzubringen. Sogar zwei Mal.

„Bild“ und Lidl: Kleine Meldung unter Freunden

„Frei nach Axel Springer: ‚Bild‘ sollte nie irgendein Boulevard-Blatt, sondern eine Volkszeitung sein. Also Anwalt der Leser, Zuhörer, Ratgeber, Verteidiger, Helfer. Übersetzt heißt das: ‚Bild‘ sagt nicht nur, was passiert. ‚Bild‘ sagt auch, was die Republik fühlt. (…) Das ist unser Anliegen: zu dokumentieren, was die Menschen beschäftigt, was sie emotional umtreibt. ‚Bild‘ ist (…) die gedruckte Barrikade der Straße. Das ist ihre Macht.“

Kai Diekmann im September 2005 im „FAZ“-Interview.

Wenn das, was Diekmann damals der „FAZ“ sagte, noch gelten soll (und für etwas anderes gibt es keine Anhaltspunkte), dann „fühlt“ die „Republik“ so ziemlich gar nichts angesichts der Tatsache, dass beim Lebensmitteldiscounter Lidl die Mitarbeiter überwacht wurden.

„Bild“ über den Lidl-Skandal

Der Lebensmitteldiscounter Lidl soll Beschäftigte systematisch überwacht haben. Angeblich wurde mit Überwachungskameras registriert, wann und wie häufig Mitarbeiter auf die Toilette gehen (…). Das berichtet der „Stern“. (…) Lidl-Geschäftsführer Jürgen Kisseberth wollte „nicht ausschließen“, dass es entsprechende Aufträge gegeben habe.

Dann findet die Republik nicht, es sei ein „Lidl-Skandal“, dass „Mitarbeiter bis aufs Klo bespitzelt“ wurden, wie beispielsweise das Boulevardblatt „Berliner Kurier“ heute auf der Titelseite (pdf) schreibt. Dann meint die Republik nicht, die „Stasi-Methoden bei Lidl“ seien eine „Schweinerei ohne Gleichen“, wie das Boulevardblatt „Hamburger Morgenpost“ auf der Titelseite berichtet. Dann ist die Republik auch nicht der Auffassung, Lidl sei „mit den jüngsten Enthüllungen“ auf dem „Niveau totalitärer Sklavenhalter“ angekommen, wie es in einem Kommentar (leider nicht online) der Münchner „Abendzeitung“ heißt. Dann ist die Republik nicht mal an einer weniger aufgeregten aber ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Thema interessiert.

Wenn immer noch gelten soll, was Diekmann der „FAZ“ sagte, dann löst die Bespitzelung von Mitarbeitern bei Lidl bei den „Bild“-Lesern ungefähr genauso viele Emotionen aus, wie die Tatsache, dass der VdK-Präsident Hirrlinger die Rentenerhöhung verteidigt (siehe Ausriss).

Aber das geht uns ja eigentlich gar nichts an. Schließlich ist es ganz allein Aufgabe der Redaktion, zu entscheiden, was wie und in welcher Größe über den Lebensmitteldiscounter und besonders guten Geschäftspartner von „Bild“ in „Bild“ steht.

Mit Dank an Tim, Denis K., Horst E. und Kai Z. für den Hinweis.

„Bild“ berichtet über Lidl

Ach ja, und dann ist da ja noch dieser Artikel auf Seite 8 der „Bild“ (Berlin-Ausgabe), den man auch online nachlesen kann. „Bild“ berichtet darin über die Billigsupermarkt-Kette Lidl, deren Filialen neuerdings auch eine Tageszeitung im Sortiment haben. Den beispielhaften Kundenreaktionen zufolge, anhand derer „Bild“ seine Berichterstattung veranschaulicht, handelt es sich dabei um „eine Supersache“. Ja, man kann sagen: „Bild“ zufolge sind die drei befragten Frauen ausnahmslos begeistert. Und „Bild“ ist’s auch, was wenig verwundert, weil es sich bei der bei Lidl verkauften Tageszeitung, über die „Bild“ berichtet, selbstverständlich um „Bild“ selbst handelt, wie sich bei der „Bild“-Lektüre schnell herausstellt, weil „Bild“ in dem „Bild“-Artikel sieben Mal erwähnt und drei Mal abgebildet wird.

Und weil das, wie gesagt, so eine „Supersache“ ist, so „klasse“ und, laut „Bild“, so eine „große Freude an den Kassen des Lebensmitteldiscounters LIDL“, zitieren wir zum Schluss auch nur ganz kurz aus dem Pressekodex:

„Verleger und Redakteure (…) achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken.“

Wer im „Bild“-Haus sitzt, sollte nicht mit Shitstorms werfen

„Wir haben alle in den letzten Jahren etwas zu oft und auch zu dankbar über Shitstorms berichtet“, erklärte Julian Reichelt am 28. Dezember 2016 — und verkündete darum groß:

Screenshot Bild.de - Warum Bild 2017 den Shitstorm abschafft

Wenn wir nach dem Begriff Shitstorm bei BILD suchen, zeigt die Google-Suche mehr als 2500 Treffer: Die Links führen zu Artikeln mit Zeilen wie „Neid Shitstorm bei ‚Das ProSieben Auswärtsspiel'“ oder „Mindestlohn-Tweet löst Shitstorm aus.“

Zwei von vielen Beispielen, bei denen wir uns selbstkritisch fragen: Sind eine Handvoll negativer Kommentare immer gleich ein Shitstorm? Wir finden: Nein!

Deshalb schafft BILD den Begriff Shitstorm im Jahr 2017 ab.

Und weil „Bild“ ein Ehrenblatt ist, das zu seinem Wort steht, hat die Redaktion den Begriff seitdem auch nie wieder ben…

Der Shitstorm lies nicht lange auf sich warten (sic!)

(30. Dezember 2016)

Shitstorm gegen Lidl in Tschechien

(6. Januar 2017)

Shitstorm nach dem Bikini-Einsatz

(7. Januar 2017)

Die Folge: ein böser Shitstorm auf Calhanoglus Facebook-Seite.

(3. Februar 2017)

Die Jugendgruppe der AfD löste daraufhin bei Facebook einen Shitstorm gegen den OB aus

(4. Februar 2017)

(…) einen regelrechten „Pack die Brüste ein“-Shitstorm löste sie damit aus.

(10. Februar 2017)

NOCH hat Katy Perry nicht auf den Shitstorm reagiert.

(14. Februar 2017)

Ihre peinlichen Momente auf der Bühne entfachten prompt einen Shitstorm auf Twitter.

(5. März 2017)

Hollywood-Promis wie Colin Farrell (40) und Nicole Kidman (49) schüttelten im Publikum nur die Köpfe, auf Twitter entfachte ein Shitstorm.

(5. März 2017)

Shitstorm wegen dieses Busen-Bilds!

(7. März 2017)

Bodybuilderin kassiert Shitstorm

(16. März 2017)

Nach Shitstorm gegen Klaus Burgers Biber-Delikatessen

(1.April 2017)

Im Internet erntete United umgehend einen enormen Shitstorm.

(11. April 2017)

Der Sender reagierte damit auf den mächtigen Shitstorm, der nach Alphonsos überraschendem Ausscheiden im Internet losbrach.

(15. April 2017)

Dafür kassierte das Freilichtmuseum einen Shitstorm.

(21. April 2017)

Jetzt steht Van der Bellen in einem Shitstorm der Empörung

(28. April 2017)

Der Münchner Homeshopping-Sender ist nach dem ersten Auftritt von Alexander „Honey“ Keen (34) in einen schweren Shitstorm geraten.

(2. Mai 2017)

Auf die Twitter-Nutzerin, die Madison beschimpft hat, ging ein Shitstorm los.

(4. Mai 2017)

Das gab sogar einen kleinen Shitstorm bei ihren 61 000 Instagram-Fans.

(12. Mai 2017)

Auch wenn es im Internet mal wieder einen Shitstorm gibt, perlt das an ihr ab

(17. Mai 2017)

Die Folge: ein Shitstorm gegen den Bücher-Discounter.

(21. Mai 2017)

Ein unglaublicher Shitstorm unter dem Hashtag #donutgate kam über die Sängerin

(23. Mai 2017)

Im Netz brach ein Shitstorm aus.

(18. Juni 2017)

Auf Instagram löste diese Werbung einen Shitstorm aus.

(30. Juni 2017)

Vox hatte dafür einen Shitstorm erlebt.

(27. Juli 2017)

Was folgt, ist ein heftiger Shitstorm für den Star von Real Madrid.

(4. September 2017)

Über Meghan ergoss sich so mancher Shitstorm

(5. September 2017)

Panthers-Quarterback Cam Newton (28) antwortet auf den Sexismus-Shitstorm unter der Woche mit einer Gala-Vorstellung

(9. Oktober 2017)

Doch in den sozialen Netzwerken kam es zu einem richtigen „Shitstorm“.

(9. Oktober 2017)

In den sozialen Netzwerken setzte sofort der vorhersehbare Shitstorm ein.

(23. Oktober 2017)

Der Käse-Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten!

(30. Oktober 2017)

Luther erlebt auch einen Shitstorm

(30. Oktober 2017)

Prompt brach ein Shitstorm der „Trump-Trolle” in den sozialen Medien gegen ihn los.

(7. November 2017)

Der Shitstorm ist noch lange nicht zu Ende!

(28. November 2017)

Kurz vor ihrem Tod hatte die gebürtige Polin einen Shitstorm ausgelöst

(8. Dezember 2017)

Folge: Shitstorm!

(19. Dezember 2017)

Auf den Ikea-Facebook-Seiten in Schweden und Dänemark ist inzwischen ein Shitstorm ausgebrochen.

(22. Dezember 2017)

Der Shitstorm, der sich in England daraufhin über die geborene Baronin von Reibnitz ergoss, war gewaltig.

(27. Dezember 2017)

Er hat einen Shitstorm dafür geerntet, und das fand er gut.

(30. Dezember 2017)

Nach einem Shit-Storm gegen ihn, entschuldigte er sich öffentlich

(2. Januar 2018)

Das ging nach hinten los. Shitstorm.

(30. Januar 2018)

Shitstorm auf Facebook gegen den Nürnberger Sender Hitradio N1.

(1. Februar 2018)

Hat sie der Shitstorm, der über sie hereinbrach, zu sehr mitgenommen?

(1. Februar 2018)

Shitstorm gegen die „Zeit“

(2. Februar 2018)

Das Pöbel-Playmate erlebte einen Shitstorm

(6. Februar 2018)

Justin Bieber bekommt Shitstorm ab

(7. Februar 2018)

Ein gigantischer Shitstorm hat sich entladen über der SPD

(9. Februar 2018)

Tor gegen den Trainer-Shitstorm

(12. Februar 2018)

Auf Twitter tobt ein Shitstorm, Fans sind empört.

(14. Februar 2018)

Mutter erntet Shitstorm wegen Still-Videos

(19. Februar 2018)

Fieser Fuß-Shitstorm

(25. Februar 2018)

Als Fia-Präsident Jean Todt auf Twitter Fotos aller zehn Wagen postet und dazu schreibt „Viel Erfolg all diesen wunderbaren neuen Autos“, erntet er einen heftigen Shitstorm

(26. Februar 2018)

Und auf den Wirt geht ein Shitstorm nieder.

(12. April 2018)

Am Freitag hatte es nach dem Bekanntwerden seines Wechsels noch einen Shitstorm („Schäm dich!“, „sofortige Freistellung“) in den sozialen Netzwerken gegeben.

(14. April 2018)

Das Unternehmen kämpft derzeit wegen eines Postings – untertitelt mit den Worten „Unsere Osterhöschen“ – gegen einen Shitstorm.

(20. April 2018)

Die Folge: ein Shitstorm von frustrierten Fans im Netz!

(25. April 2018)

DJ Khaled erntet Shitstorm nach Machospruch

(7. Mai 2018)

Folge: ein Shitstorm auf Facebook.

(17. Mai 2018)

Im Internet tobte derweil ein Shitstorm.

(23. Mai 2018)

Als sie ein Treffen mit einem Imam verweigerte, der Frauen nicht die Hand gibt, ging ein rot-grüner Shitstorm auf sie nieder.

(7. Juni 2018)

Comedian Ricky Gervais tritt Shitstorm gegen Giraffen-Killerin los

(23. Juni 2018)

Entnervt vom Shitstorm nahm er das Video von seinem Instagram-Account.

(10. Juli 2018)

Das Gay Center Rom veröffentlichte das Foto der Rechnung am Donnerstag und trat damit einen Shitstorm gegen das Restaurant los.

(21. Juli 2018)

Aber da war es natürlich schon zu spät, das unerbittliche Internet hatte längst zum Shitstorm angesetzt.

(27. Juli 2018)

Trump als Restaurantkritik, Online-Antisemitismus, „Aldi“-Wutkultur

1. Berichterstattung und Haltung kann man nicht trennen
(spiegel.de, Sascha Lobo)
In der URL steht noch der ursprüngliche Titel : „Donald Trump in den Medien: Kotze muss man Kotze nennen!“ Und das trifft den Kern von Sascha Lobos Text: „Trump erbricht sich und das Gros der Berichterstattung tut, als könne man das Ergebnis in Form einer Restaurantkritik besprechen.“ Oder vornehmer ausgedrückt: „Mit den Instrumenten politischer Normalität versucht der Journalismus, das Aberwitzige zu verarbeiten.“

2. MDR Sachsen-Anhalt korrigiert die falsche Ausgewogenheit in einem Bericht übers Impfen
(blog.gwup.net, Bernd Harder)
Die kritischen Geister der GWUP freuen sich über eine positive Entwicklung beim MDR Sachsen Anhalt. Dort hatte man beim Thema Impfen zunächst beide Seiten zu Wort kommen lassen, was unter anderem vom Autoren und Kreativen Tommy Krappweis auf Twitter kritisiert wurde. Nun hat der Sender nicht nur den Artikel korrigiert, sondern auch mit einem Professor für Wissenschaftskommunikation über „false balance“ („falsche Gleichgewichtung“) gesprochen.

3. ARD: „Auch Unterhaltung ist Public Value“
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Was gehört zum Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen? Wie viele Unterhaltungsformate sollen ARD und ZDF künftig noch zeigen dürfen? Darüber werde derzeitig heftig diskutiert, wie Timo Neumeier bei DWDL ausführt. Während das ZDF dazu weitgehend schweige, würde die ARD sich in Sachen Unterhaltung klar positionieren.

4. Gut gemeint, aber nicht gut genug
(zeit.de)
Die „Zeit“-Chefredaktion hat eine erneute Stellungnahme zur Causa „Oder soll man es lassen?“ abgegeben. Man bedauere unter anderem, dass ein „anderer Eindruck“ entstehen konnte und bescheinigt sich selbst: „Gut gemeint, aber nicht gut genug“.

5. Antisemitismus durchdringt das Netz
(tagesschau.de)
Nach einer Studie der TU Berlin ist der Antisemitismus so weit verbreitet wie noch nie in deutschen Blogs, Medien und Online-Kommentaren. In mehr als der Hälfte der untersuchten Texte seien Stereotype aufgetaucht, wie sie seit Jahrhunderten kursieren: die Juden als Fremde, Andere, Böse oder Wucherer.
Weiterer Lesetipp: Zuckerberg will Beiträge von Holocaust-Leugnern nicht entfernen lassen (spiegel.de)

6. In den Facebook-Kommentarspalten deutscher Discounter offenbart sich wahres Wutbürgertum
(vice.com, Rebecca Baden)
Heutzutage haben Verbraucher neben den gesetzlichen Möglichkeiten eine Waffe, von der sie gerne Gebrauch machen: Den wütenden Facebook-Eintrag beim Lebensmitteldiscounter oder Hersteller. Rebecca Baden hat für „Vice“ einen Tag lang die öffentlichen Beiträge auf den Facebook-Seiten von Lidl, Aldi und Co. gelesen und dabei viel über die deutsche Wutkultur gelernt.

Alles hat eine Moral, nur die Wurst hat zwei

In deutschen Supermärkten herrscht der Irrsinn, der „PREIS-IRRSINN“:

Preis-Irrsinn im Supermarkt - Fleisch billiger als Obst!

„Schweineschnitzel zum halben Preis, das Kilo für 4,49 Euro“, „Rinderbraten für 5,55 Euro“, „2,99 Euro das Pfund“ Putenschnitzel — Bild.de hat völlig Recht, dass man mal darüber nachdenken sollte, ob das alles noch ganz richtig ist, für die Tiere, für die Bauern, für die Verbraucher:

Fleisch zieht, vor allem billiges Fleisch. Darauf setzen die Werber — allen Debatten über Gesundheit und Tierschutz zum Trotz.

Eine Lebensmittel-Expertin vom „Bundesverband der Verbraucherzentralen“ erklärt im Bild.de-Artikel von gestern: Die fleischigen Lockvogel-Angebote aus den Supermarkt-Prospekten würden künstlich billig gemacht und quersubventioniert:

„Wenn sie damit eine fünfköpfige Familie in den Laden bekommen, die für 150 Euro ihren Wocheneinkauf macht, dann rechnet sich das.“

Also, zusammengefasst: Es gibt Bedenken, ob die Billig-Fleisch-Angebote verantwortungsvoll sind. Und sie sollen die Leute in die Supermärkte und Discounter locken, damit die dort noch mehr Kohle lassen.

Die „Bild“-Zeitung feiert diese Woche ja groß ihr Jubiläum: 65 Jahre „Bild“. Gestern bekam ganz Deutschland als Geschenk ungefragt die Gratis-„Bild“ in den Briefkasten gesteckt. In der heutigen Ausgabe gibt es für alle Leserinnen und Leser den „Geburtstags-Kracher von LIDL & BILD“: mit einem Coupon, den man ausschneiden muss, bekommt man — damit sich jeder auch mal wieder das teure Obst leisten kann — bei „Lidl“ ein halbes Kilo Erdbeeren, eine Mango und einen Ananas-Kokos-Banane-Smoothie, alles zusammen für 1,99 Euro.

Ach nee, das Angebot sieht doch etwas anders aus:

Zum Geburtstag geben BILD und LIDL einen Aus - Grill-Knaller-Paket - Sechs Würstchen, ein Ciabatta und ein Bier für 1,99 Euro!
(„einen ausgeben“ für „1,99 Euro“ — sowas schafft auch nur „Bild“)

Sechs Rostbratwürstchen, dazu eine Büchse Bier und ein Brot für 1,99 Euro. Sechs Rostbratwürstchen sind 540 Gramm Fleisch. Zu diesem „PREIS-IRRSINN“ können wir nur noch einmal Bild.de zitieren:

Fleisch zieht, vor allem billiges Fleisch. Darauf setzen die Werber — allen Debatten über Gesundheit und Tierschutz zum Trotz.

Keine Recherche für die Tonne

Manchmal reicht eine E-Mail, an die man irgendwie gekommen ist, und schon hat man seine Story. Da braucht’s dann nicht mal mehr Recherche. Der Inhalt der Mail ist so „bizarr“, dass man einfach nur in die Tasten hämmern muss — und schwups steht der Artikel:

Bei diesen „Kloregeln“ geht es genau genommen um die Ausstattung der Männertoiletten. Autorin Karina Mößbauer schreibt:

Das Verteidigungsministerium fand es nötig, diese Frage detailliert zu klären: Was genau gehört auf eine Herren-Toilette der Bundeswehr?

Die Antwort lautete unter anderem, dass auch Hygienebehälter auf Männertoiletten gehören. Nicht nur, aber auch deswegen schickte das Verteidigungsministerium, so Mößbauer, bereits im November „Anweisungen zur ‚Ausstattung von Herren-Toiletten‘ an die Außenstellen der Bundeswehr“:

Tatsächlich habe es vermehrt „Anfragen bezüglich der Art und Weise der Ausstattung“ gegeben. Offenbar wurden ausgerechnet Hygienebehälter nachgefragt, wie man sie von der Damentoilette kennt …

Die „Bild“-Bundestags-Korrespondentin findet das ziemlich „irre“ …

Irre, mit was Behörden sich manchmal befassen.

… und „bizarr“:

Bizarr: Empfohlen werden ähnliche Systeme wie die auf den Damen-Toiletten, konkret auch die „Bereitstellung von Hygienebeuteln“ und „Anbringung von Halterungen für Hygienebeutel“.

Und warum das Ganze? Das kann Karina Mößbauer auch nicht klären. Der Grund dafür steht ja aber auch nicht in der E-Mail, auf die sie sich beruft. Und selber herausfinden? Neee …

Zu welchem Zweck genau die Hygienebeutel und eigenen Entsorgungsbehälter auf Herrentoiletten nötig sind, lässt die E-Mail des Verteidigungsministeriums übrigens offen …

Weil uns diese „irre“, „bizarre“ Geschichte nicht losgelassen hat, haben wir unsere besten Rechercheure beauftragt. Und die sind auf die geniale Idee gekommen, bei Google mal nach „Hygienebehälter Herrentoilette“ zu suchen. Siehe da, gleich der erste Treffer: die „Initiative für Hygienebehälter in Herrentoiletten“ des Bundesverbands Prostatakrebs Selbsthilfe e.V.

Diese Initiative will Männern, die an Harninkontinenz leiden, den Alltag erleichtern. Das diese häufig Einlagen tragen müssen, die sie diskret und sauber entsorgen können sollen, fordert die Initiative die Bereitstellung von Hygienebehältern auf Männertoiletten.

Auf Nachfrage bestätigte uns das Verteidigungsministerium, dass der Grund für die Vorgabe mit den Hygienebehältern bei der Bundeswehr das Thema „Harninkontinenz bei Männern“ sei. Eine Sprecherin des Ministerium verwies auf die „Technischen Regeln für Arbeitsstätten Sanitärräume ASR A4.1“. Unter Punkt „5.4 Ausstattung“ steht:

In von Männern genutzten Toilettenräumen ist mindestens ein Hygienebehälter mit Deckel in einer gekennzeichneten Toilettenzelle bereitzustellen.

Diese Regeln, die Karina Mößbauer so „bizarr“ findet, gelten nicht nur für die Bundeswehr, sondern auch für alle anderen Arbeitgeber in Deutschland, zum Beispiel „Siemens“, „Audi“, „Lidl“ oder „Axel Springer“.

Mit Dank an Dennis S. für den Hinweis!

Ich trink‘ Ouzo, und welche Steuererhöhung erfindest du so?

Bei komplexen Themen greifen Redaktionen gern auf knackige Beispiele zurück, das soll einem Bericht wohl was Griffiges geben. Aus den Verhandlungen zum Freihandelsabkommen TTIP entstand so etwa die breite Chlorhühnchen-Debatte, die einige viel diskussionswürdigere Aspekte aus den Schlagzeilen und Artikeln verdrängt haben dürfte.

Als am Montag in Griechenland die vom Parlament beschlossenen Mehrwertsteuererhöhungen in Kraft traten, gab es wieder ein mediales Massenherunterbrechen. Und was picken sich die Journalisten da am liebsten raus? Klar, Sirtaki, Tzatziki oder:

Im welt.de-Text kommt auch ein griechischer Kellner zu Wort:

„Unser Ouzo und Moussaka werden ab Montag leider teurer“, sagte Kostas Sarafis, ein Kellner in der Taverne „Zorbas“ unterhalb der Akropolis von Athen.

Das Zitat stammt aus einer dpa-Meldung. Bloß: Entweder hat der Kellner nicht die Wahrheit gesagt, oder der Reporter hat was durcheinandergebracht. Denn für Moussaka mag die Aussage stimmen, weil die Mehrwertsteuer für Restaurantrechnungen am Montag von 13 auf 23 Prozent gestiegen ist. Für den Ouzo stimmt sie aber nicht. Alkohol unterliegt in Griechenland laut einer Liste der Europäischen Kommission (PDF, Griechenland = „EL“) schon seit Jahren der höchsten Mehrwertsteuer. Und dabei ist es egal, ob der Kunde ihn im Supermarkt, am Kiosk oder in der Taverne kauft:


Niedrigere Mehrwertsteuersätze für Alkohol (wie für alles andere auch) gab es bis Sonntagnacht lediglich auf den griechischen Inseln, nicht aber in der Athener Taverne „Zorbas“.

Nun passte den Redaktionen die dpa-Passage vom teureren Ouzo aber so gut ins Griechenland-Klischee, dass sie sie massig verbreiteten. Manche dachten sich noch flotte Überschriften und Dachzeilen aus …


(fr-online.de)


(n-tv.de)


(nordkurier.de)

… andere übernahmen einfach den dpa-Text und mit ihm das Zitat des griechischen Kellners.

Daneben gab es aber auch einige Medien, die nicht einmal die Agentur-Vorlage brauchten, um den OuzoUnsinn aufzuschreiben.

Mit Dank an Jörg B. und Michalis P.

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