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„Bild“-Chef befeuert Debatte über Herkunft von Tätern mit Blödsinn

Momentan wird ja eine Menge darüber diskutiert, inwiefern es nötig oder vertretbar oder falsch ist, bei Verbrechen auch direkt über die Herkunft eines Täters oder Tatverdächtigen zu berichten. Julian Reichelt hatte dazu vor vier Tagen auch eine Art Gedanken:

Screenshot eines Tweets von Bild-Chefredakteur Julian Reichelt - Die Debatte über die Herkunft von Tätern wird auch dadurch befeuert, dass öffentlich-rechtliche Medien behaupten, die Herkunft sei unklar, wenn sie so unklar gar nicht zu sein scheint. Wer glaubt denn ernsthaft, dass uns solches Verschweigen und Verfälschen vor der AfD bewahrt?

Es ging um einen Vorfall im Düsseldorfer Rheinbad, bei dem Jugendliche unter anderem Rutsche und Sprungturm besetzten, woraufhin die Polizei anrücken und das Bad zum wiederholten Male räumen musste. Zum Tweet des „Bild“-Chefs gehören zwei Screenshots — einer von „RP Online“, einer von WDR.de. Worauf Reichelt sich bezieht: Bei „RP Online“ steht, die Jugendlichen würden aus Nordafrika stammen („Eine Gruppe von ungefähr 60 Jugendlichen, die laut Kettler aus Nordafrika stammen sollen“); WDR.de schreibt, die Herkunft der Jugendlichen sei derzeit unklar („Zur Herkunft der Jugendlichen kann die Polizei im Moment nichts sagen“). Da verschweige und verfälsche die Redaktion des öffentlich-rechtlichen WDR doch was, so Reichelt.

Mal abgesehen von der generell verqueren Logik in seinem Tweet verzerrt der „Bild“-Chef hier die Informationslage: Er vergleicht eine Mutmaßung auf Grundlage von Aussehen durch den Geschäftsführer der Bädergesellschaft Roland Kettler (bei „RP Online“) mit einer offiziellen Aussage der Polizei (bei WDR.de). Außerdem steht auch im Text von „RP Online“:

Die Polizei wollte sich zur Nationalität der Jugendlichen nicht äußern.

Was Julian Reichelt „Verschweigen und Verfälschen“ nennt, ist also nichts weiter, als das Wiedergeben der bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gesicherten, offiziellen Informationen.

Dazu kommt: Reichelt befeuert die Debatte über die Herkunft von Tätern mit Blödsinn, wenn er schreibt, dass die Herkunft der Jugendlichen „so unklar gar nicht zu sein scheint“, und damit meint, dass sie aus Nordafrika kommen dürften. Es ist offenbar nicht so eindeutig, wie er es klingen lässt: Die „taz“ berichtet, dass „alle, deren Personalien aufgenommen wurden“, deutsche Staatsangehörige seien. Eine „nordafrikanische Herkunft liege nicht vor.“ „RP Online“ ergänzt, dass zumindest einer von ihnen „auch die nigerianische Staatsangehörigkeit“ besitze.

Glaubt „Bild“-Chef Julian Reichelt denn ernsthaft, dass uns solch unwissendes und vorschnelles Herumgetwittere vor der AfD bewahrt?