Drei Verdächtige, zwei anonym, eine Vorlage für rechte Scharfmacher

An einer Gesamtschule in Dortmund sollen drei Schüler geplant haben, einen Lehrer zu töten. Bild.de berichtete am vergangenen Dienstag erstmals über den Fall:

Screenshot Bild.de - In Hinterhalt gelockt - Schüler wollten Lehrer mit einem Hammer töten

Ein weiteres Mal am vergangenen Mittwoch:

Screenshot Bild.de - Schüler wollten Lehrer mit Hammer erschlagen - Darum sind die Täter auf freiem Fuß!

Und vorgestern dann noch einmal:

Screenshot Bild.de - Erster Anlauf mit Hämmern war gescheitert - Dortmunder Schüler planten Lehrer-Mord ein zweites Mal

Der Plan der Schüler ging nicht auf. Beim ersten Versuch wurde der Lehrer misstrauisch, als zwei der Schüler ihn an einen abgelegenen Ort lockten, wo der dritte Schüler einen Kreislaufkollaps vortäuschte. Der Lehrer drehte den Schülern laut Staatsanwaltschaft zu keinem Zeitpunkt den Rücken zu und rief einen Krankenwagen. Die Schüler setzten die Hämmer, die sie dabei gehabt haben sollen, daraufhin nicht ein. Bevor es zum zweiten Versuch kommen konnte, hatte die Polizei die drei Tatverdächtigen bereits festgenommen.

Und obwohl es drei Verdächtige sind, nennen „Bild“ und Bild.de wiederholt nur den Vornamen eines Verdächtigen:

Haupttäter Serkan wollte sich offenbar rächen, gewann zwei Mitschüler (17, 18) als Komplizen.

Im Verhör gaben zwei Schüler zu, dass der Lehrer an einer abseits gelegenen Raucherecke mit einem Hammer erschlagen werden sollte. Haupttäter Serkan (16) stritt dagegen alles ab.

Seit mehr als einer Woche ermittelt die Polizei gegen Serkan (16), einen Mitschüler (17) und einen Bekannten (18).

Dieses partielle Desinteresse der „Bild“-Mitarbeiter an Namen von Tatverdächtigen und Tätern ist bemerkenswert. Es kann nichts damit zu tun haben, dass sie Serkan für den Haupttäter halten und die anderen Namen damit nicht für nennenswert — in anderen Fällen nennen sie durchaus die Namen von Haupttätern und deren Komplizen. Wir haben bei „Bild“-Sprecher Christian Senft nachgefragt, warum in den „Bild“-Medien nur der Name eines Tatverdächtigen genannt wurde. Bisher haben wir keine Antwort von ihm erhalten.

Nun weist ein Name nicht automatisch auf eine Staatsangehörigkeit hin. Wir wollten aber gern wissen, ob die Vornamen der beiden anderen, von „Bild“ und Bild.de nicht genannten Verdächtigen ebenfalls türkischstämmig oder arabisch klingen. Und siehe da: Wie uns der Sprecher der Dortmunder Staatsanwaltschaft auf Anfrage mitgeteilt hat, trägt der eine Tatverdächtige einen „urdeutschen Namen“, der andere einen, der nicht auf eine türkische oder muslimische Herkunft hindeute.

Dass die „Bild“-Medien nur den einen Namen nennen — und nicht etwa auch den „urdeutschen“ –, ist ein gefundenes Fressen für alle rechten und noch rechteren Scharfmacher. Die Bild.de-Artikel drehen in den entsprechenden Kreisen derzeit die ganz große Runde: Neben Seiten wie „Widerstand für Deutschland“, „Patriotische Vernetzung – Wir wollen unser Land zurück“ und „Meine Heimat Deutschland“ haben auch die Accounts „AfD Nürnberg“, „AfD Chemnitz“, „AfD Freunde Kinzigtal“, „AfD Kyffhäuser-Sömmerda-Weimarer Land“, „AfD Weiden in der Oberpfalz“, „AfD Hannover Stadt“, „AfD Kreisverband Ravensburg“, „AfD Freunde Landkreis Hildesheim“, „AfD Kreisverband Augsburg-Stadt“, „AfD Cloppenburg/Vechta“, „AfD Südliche Ortenau – Kinzigtal“, „AfD Regionalgruppe Hoyerswerda“, „AfD OV Unteres Jagsttal“, „AFD-FANCLUB DEUTSCHLAND“, „AfD Wolfsburg“, „AfD Kreisverband Wittmund“, „AfD Freunde Ortenau“, „AFD Freunde Berlin“, „AfD – Kreisverband Weserbergland“, „AfD Gemeindeverband Großrosseln“, „AfD Waiblingen-Fellbach“, „AfD Burscheid“ und „AfD Kreisverband Dachau“ die Texte bei Facebook und Twitter geteilt. Hinzu kommen zahlreiche AfD-Freunde wie Erika Steinbach und AfD-Mitglieder wie Guido Reil. Und auch AfD-Fraktionschefin Alice Weidel verbreitete den Bild.de-Artikel von vergangenem Dienstag. Dazu schrieb sie bei Facebook:

Wie weit die Verrohung in Deutschland fortschreitet, beweist NRW. (…) Hauptbeschuldigter ist ein Schüler namens Serkan (16), der mit seiner Benotung in den Fächern Chemie und Deutsch offenbar nicht einverstanden war.

Ihm zu Hand gehen sollten zwei Bekannte (17 und 18 Jahre). (…) Die Martin-Luther-King-Gesamtschule ist für ihre Anti-Mobbing-Projekte bekannt. Gegen bestimmte Sozialisierungen kommen wohl auch die besten Präventivmaßnahmen nicht an.

Fast 3000-mal geliket, fast 1000-mal kommentiert, über 1500-mal geteilt.

Und auch in den Kommentaren auf der „Bild“-Facebookseite stürzten sich die Leserinnen und Leser vor allem auf einen Aspekt der Geschichte:

Collage mit Kommentaren von der Bild-Facebookseite - Viele Beispiel von Leserinnen und Lesern, die den Namen Serkan thematisieren

Mit Dank an Clemens für den Hinweis!

Nachtrag, 24. Mai: Der Lehrer hat sich in einem lesenswerten Facebook-Post zu der Sache geäußert. Und die „Bild“-Medien bleiben dabei, nur den Namen eines Tatverdächtigen zu nennen.